Welthandel: Deutsche Exporteure trotzen geopolitischen Risiken und Lieferkettenstörungen

Mehr als drei Viertel der deutschen Exportunternehmen (81 Prozent) sind laut der Allianz Trade Global Survey optimistisch bei Umsatz-Erwartungen, deutlich mehr als noch im Vorjahr (54 Prozent).

Geopolitische Risiken lassen Unternehmen zunehmend über die Verlagerung ihrer Produktion nachdenken, so ein Ergebnis der Allainz Trade Global Survey. (Symbolbild: TMLsPhotoG / AdobeStock)
Geopolitische Risiken lassen Unternehmen zunehmend über die Verlagerung ihrer Produktion nachdenken, so ein Ergebnis der Allainz Trade Global Survey. (Symbolbild: TMLsPhotoG / AdobeStock)
Therese Meitinger

Trotz aller geopolitischen Spannungen blicken die deutschen Exporteure optimistisch in die Zukunft: Acht von zehn Unternehmen (81 Prozent) erwarten 2024, dass ihre Umsätze um mehr als zwei Prozent steigen, weltweit zeichnet sich ein ähnliches Bild. Das ist deutlich mehr als noch im Vorjahr.  Dies ergab die dritte Ausgabe der Allianz Trade Global Survey, für die der Hamburger Kreditversicherer nach Eigenangaben im April 2024 3.200 Exporteure in Deutschland, Frankreich, Italien, Spanien, Polen, Großbritannien, den USA und China zu den größten Chancen und Risiken im Welthandel, bei Lieferketten sowie wirtschaftlichen und geopolitischen Unsicherheiten befragt hat.

Der große Optimismus ist neu: 2023 war in der Studie gut die Hälfte der deutschen Exportunternehmen (54 Prozent) zuversichtlich, dass sie ihren Umsatz steigern können, weltweit waren es 70 Prozent. Letztlich brachen diese jedoch um zehn Prozent ein und das Jahr endete mit einer Handelsrezession, da die Nachfrage stärker als erwartet zurückging, und auch die deutsche Wirtschaft schrumpfte. Für 2024 erwartet Allianz Trade laut einer Pressemitteilung vom 14. Mai zwar ein Ende der Rezession beim Welthandel, der aber deutlich unter dem langfristigen Durchschnitt liegen dürfte.

Werden Risiken unterschätzt?

„Nach mehr als einem Jahr der Rezession erwarten die Exporteure nun einen Aufschwung in der zweiten Hälfte des Jahres 2024, da die Wiederauffüllung der Lagerbestände von Industriegütern zusammen mit der globalen Nachfrage an Fahrt gewinnt“, sagt Françoise Huang, Senior Volkswirtin bei Allianz Trade. „Dies wird auch die Preise ankurbeln und die Konjunkturbelebung fördern: Weltweit rechnen 8 von 10 Unternehmen mit steigenden Exportpreisen im Jahr 2024, was ihren Exportumsatz stützen wird. Unsere Prognosen sind konservativer: Wir gehen davon aus, dass der Welthandel 2024 wertmäßig um +2,8 Prozent steigen wird, nachdem er 2023 um -2,9 Prozent geschrumpft war. Das liegt deutlich unter dem langfristigen Durchschnitt von + fünf Prozent.“

Lieferkettenschwierigkeiten und logistische Hürden bleiben in der Erhebung wie im Vorjahr Top-Risiken der deutschen Unternehmen, gefolgt von geopolitischen Risiken und hohen Energiekosten.

„Selten gab es so viele geopolitische Spannungen und Unsicherheiten wie aktuell“, sagt Jasmin Gröschl. Senior Volkswirtin bei Allianz Trade. „Diese wirken sich teilweise auf die Lieferketten und Transportwege aus und offenbaren die Risiken von Störungen in der globalen Schifffahrt, wie zum Beispiel die Krise im Roten Meer. Auch die neuen Brexit-Grenzkontrollen dürften Lieferketten auf eine harte Probe stellen. Zudem bereitet der zunehmende Protektionismus Sorgen – insbesondere im Super-Wahljahr, das für Welthandel und Unternehmen viele Unsicherheiten birgt.“

Diversifizierung als wichtigste Strategie

Die Allianz Trade Global Survey zeigt, wie stark geopolitische Risiken Unternehmen hierzulande umtreiben: 62 Prozent der befragten Unternehmen denken aus diesem Grund über eine Verlagerung ihrer Produktion nach, der weltweite Durchschnitt liegt bei 53 Prozent. Die Bereitschaft, Lieferketten aufgrund geopolitischer Risiken zu verlagern, steigt häufig, wenn die Unternehmen längere Lieferketten und einen größeren Anteil (mehr als die Hälfte) der Produktion im Ausland haben. Der Anteil solch deutscher Exporteure liegt bei 67 Prozent (gegenüber 62 Prozent weltweit).

Ob es dabei bei Gedankenspielen bleibt oder sie daraus konkrete Maßnahmen ableiten, bleibt abzuwarten. Insgesamt gab nur etwa ein Drittel (34 Prozent) der befragten deutschen Unternehmen an, konkrete Schritte zum Near- oder Friendshoring zu unternehmen. Damit ist der Anteil im Vergleich zum Vorjahr (28 Prozent) nur leicht gestiegen.

„Die Diversifizierung ist zur wichtigsten Strategie geworden, um die Widerstandsfähigkeit der Lieferkette zu erhöhen“, sagt Ana Boata, Global Head of Economic Research bei Allianz Trade. „Dies birgt jedoch eigene Risiken, steigende Komplexität und potenzielle Engpässe, und ist keine perfekte Lösung. So würden beispielsweise 48 Prozent der US-Exporteure, die Produktionsstätten oder Zulieferer in China haben, Länder im asiatisch-pazifischen Raum oder Lateinamerika in Betracht ziehen, um ihre Lieferketten zu diversifizieren. Allerdings wären sie aufgrund der entscheidenden Rolle Chinas als globaler Zulieferer im verarbeitenden Gewerbe immer noch indirekt von China betroffen.“

Risiko von Zahlungsausfällen bleibt

Trotz der optimistischen Umsatzerwartungen, sind sich die in der Allianz Trade Global Survey befragten Unternehmen der zunehmenden Risiken bewusst – auch bei ihren Finanzen. Eine schlechtere Zahlungsmoral, steigende Zahlungsausfälle sowie ein deutlicher Anstieg der Insolvenzen, sowohl in Deutschland als auch weltweit, mischen sich in den aktuellen Risiko-Cocktail.

„Fast 70 Prozent der Unternehmen weltweit werden zwischen 30 und 70 Tagen bezahlt, in Großbritannien, Frankreich und den USA sogar noch häufiger als in anderen Ländern“, sagt Aylin Somersan Coqui, CEO der Allianz Trade Gruppe. „Vor dem Hintergrund eines geringeren Wachstums, Handelsunterbrechungen und geopolitischer Unsicherheit erwarten 42 Prozent der Unternehmen weltweit, dass sich die Dauer der Zahlungsfristen für Exporte in den nächsten sechs bis zwölf Monaten verlängert. Längere Zahlungsfristen bedeuten einen stärkeren Druck auf den Cashflow, und die Situation könnte sich sogar noch verschlechtern. Darüber hinaus gehen 40 Prozent der Befragten davon aus, dass das Zahlungsausfallrisiko im Jahr 2024 steigen wird. Dies deckt sich mit unserer Prognose, dass die weltweiten Unternehmensinsolvenzen in diesem Jahr um neun Prozent steigen."

In Deutschland dürften die Insolvenzen in diesem Jahr sogar um rund 13 Prozent zunehmen. Entsprechend erwartet fast die Hälfte der befragten Unternehmen eine sich verschlechternde Zahlungsmoral (48 Prozent). Damit sind die Deutschen pessimistischer als der weltweite Schnitt (42 Prozent). Trotzdem rechnet mit 37 Prozent nur etwa jedes dritte deutsche Exportunternehmen (weltweit 40 Prozent) im laufenden Jahr mit mehr Zahlungsausfällen, im Vorjahr war es noch fast die Hälfte (46 Prozent).

Nachhaltigkeit gewinnt an Zugkraft

Auch das Thema grüner Handel und Nachhaltigkeit bei den Lieferketten spielt bei den Unternehmen der Erhebung zufolge eine immer größere Rolle. Bei rund drei Viertel der befragten Unternehmen sind die Verantwortlichkeiten für Lieferketten und ESG in einer Position gebündelt. Dennoch sind die Fortschritte bei den Klimazielen nach wie vor gering. Mit 25 Prozent ist nur ein Viertel der befragten deutschen Unternehmen (weltweit: 27 Prozent) der festen Überzeugung, dass ihre Unternehmen ESG-Maßnahmen ergriffen haben, die erhebliche Auswirkungen auf ihr Geschäft haben. Diese reichen von der Umstellung ihrer Logistik auf nachhaltigere Methoden über die Entwicklung nachhaltigerer Produkte bis hin zur Verbesserung der Klimaresistenz ihrer Lieferketten.

„76 Prozent der weltweit Befragten gaben an, dass ihr Unternehmen einen klaren Plan für den Ausstieg aus fossilen Brennstoffen hat, unabhängig von den Preisschwankungen“, sagt Somersan Coqui. „Dies ist ein großer Schritt nach vorn: Die Unternehmen konzentrieren sich vermehrt auf strukturelle Initiativen und nicht mehr nur auf kurzfristige Maßnahmen. Aber es bleibt noch viel zu tun: Fast zwei von drei Unternehmen planen, ihre Emissionen in den nächsten zwölf Monaten nur um ein bis fünf Prozent zu senken, was nicht ausreicht, um das Netto-Null-Ziel bis 2050 zu erreichen.“