Wasserstoff: Startschuss für Infrastruktur-Projekt bei Linde Material Handling

Rund 2,8 Millionen Euro investierte Linde MH am Standort Aschaffenburg in eine Infrastruktur um einen PEM-Elektrolyseur. Der dort erzeugte Wasserstoff wird für die Betankung von 21 Brennstoffzellenstaplern genutzt.

Franz Huber, Projektmanager Linde Material Handling, bei der symbolischen Betankung des ersten Brennstoffzellenstaplers mit Wasserstoff aus der eigenen Produktion. Stefan Prokosch, Senior Vice President Brand Management Linde Material Handling (rechts), führte durch die Eröffnung (Bild: Therese Meitinger)
Franz Huber, Projektmanager Linde Material Handling, bei der symbolischen Betankung des ersten Brennstoffzellenstaplers mit Wasserstoff aus der eigenen Produktion. Stefan Prokosch, Senior Vice President Brand Management Linde Material Handling (rechts), führte durch die Eröffnung (Bild: Therese Meitinger)
Therese Meitinger

Ein ambitioniertes Projekt feiert Premiere: Mit einer eigenen Infrastruktur produziert Linde Material Handling (MH) ab sofort grünen Wasserstoff und versorgt damit 21 Brennstoffzellenstapler der Werksflotte mit Energie. Am 11. Mai wurden Anlage und Fahrzeuge am Standort Aschaffenburg feierlich in Betrieb genommen. Die Investition wird nach Unternehmensangaben durch das Bundesministerium für Digitales und Verkehr (BMDV) gefördert, durch die NOW GmbH koordiniert und durch den Projektträger Jülich (PtJ) umgesetzt. Ziel sei es, Erfahrungen zu sammeln und Expertenwissen aufzubauen, um Kunden beim Einsatz von Wasserstoff in Materialflussprozessen umfassend beraten und begleiten zu können, so der Intralogistikspezialist. 

„Das Thema Energie entwickelt sich zu einer der großen Herausforderungen dieser Dekade und darüber hinaus“, sagte Stefan Prokosch, Senior Vice President Brand Management Linde Material Handling, anlässlich der Eröffnungsfeier. „Bei der Suche nach möglichen Lösungen sehen wir Wasserstoff als eine Option im Energiemix der Zukunft.“

Das gelte nicht zuletzt für Anwendungen in der Intralogistik. Denn neben der potenziellen Klimaneutralität sei vor allem das schnelle Betanken der Flurförderzeuge mit Wasserstoff bei intensiven Mehrschichteinsätzen ein großer Vorteil. Darüber hinaus könne der Energieträger bei einer zukünftig stärkeren Nutzung regenerativer Energiequellen als Energiespeicher fungieren, um beispielsweise mittels Photovoltaik oder Windkraft erzeugten Strom zwischenzuspeichern.

Rund 50 beteiligte Subunternehmen

Rund 2,8 Millionen Euro flossen laut Linde Material Handling in die Planung und Errichtung der Wasserstoffinfrastruktur. Die Produktionsanlage entstand demnach in einer Bauzeit von elf Monaten auf einer 280 Quadratmter großen Bestandsfläche an einer verkehrsgünstigen Stelle innerhalb des Fertigungs- und Montagewerks. Rund 50 Subunternehmen waren unter der Regie des Generalunternehmers Covalion, einer Marke der Framatome, und der Bauabteilung von Linde MH an der Errichtung der Wasserstoffinfrastruktur beteiligt.

„Mit der Inbetriebnahme von Anlage und Staplern werden wir selbst zum Wasserstoffproduzenten und -anwender und bauen damit unser technologisches Know-how weiter aus. Davon profitieren auch unsere Kunden“, erklärte Prokosch. Gleichzeitig diene die dezentrale, „on-site“-Wasserstoffinfrastruktur als Anschauungsbeispiel für weitere interessierte Gruppen. „Wir zeigen, wie die Nutzung regenerativer Energiequellen in der Praxis funktionieren kann“, schildert der Brandmanager.

Kurt-Christoph von Knobelsdorff, CEO und Sprecher NOW GmbH: „Leuchtturmprojekte wie das von Linde Material Handling sind für den weiteren Hochlauf der Wasserstoff- und Brennstoffzellentechnologie von großer Bedeutung. Sie zeigen, was in der Intralogistik bereits möglich ist, und sie machen klar, dass die Transformation in Richtung Klimaneutralität auch im Non-Road-Bereich Fahrt aufgenommen hat.“

Michael Kraus, Projektleiter von Framatome (Covalion):

„Es war eine Herausforderung, aber auch eine Chance, unsere Fähigkeiten und Kompetenzen unter Beweis zu stellen. Die Projektplanung und der Anlagenbau haben insgesamt zirka drei Jahre in Anspruch genommen – und wir durften Linde Material Handling vom ersten gemeinsamen Treffen bis hin zum Genehmigungsverfahren und der ersten Betankung der Flurförderzeuge begleiten.“

50 Kilogramm Wasserstoff pro Tag

Die Anlagenteile der Wasserstoffinfrastruktur verteilen sich auf mehrere Module. Herzstück ist ein PEM(Polymer-Elektrolyt-Membran)-Elektrolyseur, der auf eine Produktionsmenge von 50 Kilogramm Wasserstoff pro Tag eingestellt ist. Hier wird gereinigtes und deionisiertes Trinkwasser mithilfe von grünem Strom in Sauerstoff und Wasserstoff zerlegt. In einem weiteren Container wird der Wasserstoff stufenweise auf 450 bar komprimiert und gelangt anschließend über Rohrleitungen und Ventile in die Hochdruckspeicher. Ein softwaregesteuertes Ventilsystem regelt die Zuleitung zum Dispenser, der Zapfsäule. Hier schließen die Mitarbeiter die Fahrzeuge mit wenigen Handgriffen an. Innerhalb kurzer Zeit sei der Tankvorgang abgeschlossen, heißt es vonseiten Linde MH. Der Hochdruckspeicher ist so ausgelegt, dass er bei 450 bar bis zu 120 Kilogramm Wasserstoff speichern kann, um Abnahmespitzen durch vermehrtes Tanken zum Schichtwechsel abzudecken.

Die insgesamt 21 Elektrogegengewichtstapler mit Brennstoffzellenhybridsystem, davon zwölf „Linde E50“ mit fünf Tonnen Tragfähigkeit sowie neun „Linde E35“ mit 3,5 Tonnen Tragfähigkeit, sollen bisher eingesetzte Modelle mit Verbrennungsmotor ersetzen. Als Teil der Werksflotte übernehmen sie Linde MH zufolge unter anderem das Be- und Entladen von Lkw und die Versorgung der Montagebänder mit großen und schweren Komponenten wie beispielsweise Gegengewichten, vormontierten Rahmen oder Fahrerkabinen.

„Die Fahrzeuge stoßen im Betrieb keine Emissionen aus“, hob Prokosch hervor. Im Brennstoffzellensystem des Flurförderzeugs reagieren der Wasserstoff und der Sauerstoff der Umgebungsluft. Die erzeugte elektrische Energie lädt eine Lithium-Ionen-Batterie auf, die den Stapler antreibt. „Nebenprodukte“ sind lediglich Wasser und Wärme.

Die Erzeugung und Nutzung des Wasserstoffs erfolgt unmittelbar dort, wo Intralogistik im Betrieb stattfindet. Neben den Linde-Staplern kommen nach Unternehmensangaben weitere technische Lösungen des Unternehmens zur Anwendung. Beispielsweise sorgt die explosionsgeschützte Zugangskontrolle der Flottenmanagementlösung „Linde:connect“ dafür, dass nur berechtigte und geschulte Personen die Wasserstoffanlage benutzen können. Die Ex-geschützte Sicherheitsassistenzlösung „Safety Guard“ am Dispenser und in den Fahrzeugen reduziert automatisch die Geschwindigkeit der Stapler im Umfeld der Tankstelle. Hinzukommt die Energiemanagementlösung „Linde Energy Manager“, die eine intelligente Planung und Steuerung des Energiebedarfs am gesamten Standort ermöglichen, Stromlastspitzen vermeiden und der Kostenoptimierung dienen soll.