Urbane Logistik: Studie fordert Umdenken in der Stadtlogistik

Forscher stellen Mikrodepots, Sharing-Konzepte und urbane Produktion in den Fokus.

Wie sollen Zustellwege in Städten künftig aussehen? Dieser Frage widmete sich eine Studie zum Thema Stadtlogistik des Leibniz-Instituts für Raumbezogene Sozialforschung (IRS). (Symbolbild: Bluraz/Fotolia)
Wie sollen Zustellwege in Städten künftig aussehen? Dieser Frage widmete sich eine Studie zum Thema Stadtlogistik des Leibniz-Instituts für Raumbezogene Sozialforschung (IRS). (Symbolbild: Bluraz/Fotolia)
Sandra Lehmann

Mehr als 300 Experten aus dem Bereich Urbane Logistik haben sich nach Angaben des Leibniz-Instituts für Raumbezogene Sozialforschung (IRS), Erkner, in einer deutschlandweiten Befragung dafür ausgesprochen, zur Verringerung von Lieferverkehrsströmen in Städten neue Wege zu gehen. Beispielsweise sollen anbieteroffene Mikrodepots und Lastenräder die Zustellfahrten konkurrierender Anbieter auf der „letzten Meile“ ersetzen. Zu diesen Ergebnissen kommt die Studie „Logistik und Mobilität in der Stadt von morgen“, die im Rahmen des BMBF-finanzierten Forschungsprojekts „Stadtquartier 4.0“ erstellt und jetzt am IRS veröffentlicht wurde. Ziel der Studie sei es gewesen, praktikable Lösungen für eine nachhaltige Stadtlogistik zu entwickeln. Das IRS kooperierte darin nach eigenen Angaben mit der LogisticNetwork Consultants GmbH (LNC), dem Fraunhofer-Institut für Produktionsanlagen und Konstruktionstechnik (IPK) und der Holzmarkt Quartier Versorgungsgesellschaft mbH (HMQV).

Drei Ansätze zur Verringerung von Lieferverkehren standen im Zentrum der Untersuchung:

1. die Nutzung von anbieteroffenen Mikrodepots und Paketstationen,

2. das Teilen („Sharing“) von Verkehrsmitteln, und

3. die Produktion von Konsumgütern direkt in der Stadt oder im Quartier („urbane Produktion“).

Alle drei Komponenten wurden den Forschern zufolge in einem gemeinsamen Pilotprojekt in enger Kooperation mit den Verantwortlichen des Holzmarkt-Areals, eines alternativen Wohn- und Gewerbeprojekts in Berlin Friedrichshain-Kreuzberg, praktisch erprobt.

Engagement statt reine Technologie

In der Befragung, so das IRS in einer Pressemeldung, zeigten sich die Teilnehmer skeptisch gegenüber rein technologieorientierten Ansätzen wie Drohnen oder unterirdische Zustellwege und marktgläubigen Konzepten. Stattdessen plädierten sie nach Angaben der Wissenschaftler für ein starkes Engagement der Kommunen, für regulatorische Eingriffe, für Kooperationen zwischen Staat und Wirtschaft, für eine intensive Beteiligung von Quartiersbewohnern, sowie für veränderte Konsumgewohnheiten.

Mikrodepots und Paketstationen: Diese beurteilten die Befragten unter der Voraussetzung als wirksam, dass ein dichtes, anbieteroffenes Netz solcher Depots geschaffen wird, das sicher, einfach und zuverlässig zu benutzen ist, das mit nachhaltigen Verkehrsmitteln zur Abholung oder Endanlieferung (Lastenräder, leichte Elektrofahrzeuge) gekoppelt und durch Anreize für geändertes Konsumverhalten, etwa dem Verbot kostenloser Retouren, unterstützt wird.

Sharing von Fahrzeugen: Sharing wird als nachhaltig beurteilt, wenn es sich um stationsbasierte Angebote handelt, die die Städte unter anderem durch die Umwidmung von öffentlichen Stellplätzen zu Carsharing-Stellplätzen und die Vergabe von Konzessionen fördern.

Urbane Produktion: Innerstädtische Produktion, etwa von Lebensmitteln und Kleinserienprodukten (urbane Landwirtschaft, 3D-Druckverfahren) wird dann als wirksam beurteilt, wenn es der Stadtplanung gelingt, gemischte Flächennutzungen von Wohnen und Gewerbe zu realisieren und entsprechende Nutzungskonflikte und Flächenkonkurrenzen zu entschärfen.

Für alle drei Ansätze gilt nach Ansicht der Experten, dass ihr Nutzen aktiv kommuniziert und demonstriert werden muss. Dr. Ralph Richter, wissenschaftlicher Mitarbeiter am IRS und stellvertretender Leiter der Forschungsabteilung „Kommunikations- und Wissensdynamiken im Raum“, der die Studie mit realisiert hat, nennt weitere begünstigende Bedingungen:

„Neuartige Praktiken in der Stadtlogistik haben besonders gute Realisierungschancen in dicht bebauten Gründerzeitquartieren mit einem jungen und kreativen Milieu. Deren postmaterialistische und ökologische Wertvorstellungen passen zur Nutzung von Sharing-Angeboten, Paketstationen und vor Ort hergestellten Produkten. Weniger empfänglich für solche Angebote sind hingegen ärmere Bevölkerungsschichten, obwohl gerade Carsharing auch die Haushaltskasse entlasten kann. Für eine breite Etablierung von nachhaltigen Logistiklösungen kommt es darauf an“, so Richter weiter, „diese Angebote auch für weniger privilegierte Bevölkerungsschichten attraktiv zu machen.“

Die Ergebnisse stützen sich auf eine zweistufige Delphi-Befragung von 322 (Juli 2019) beziehungsweise 211 (September 2019) Personen, die durch ihre berufliche oder ehrenamtliche Tätigkeit über Expertise im Bereich urbane Logistik, Verkehr und Mobilität sowie Stadtentwicklung verfügen. Sie arbeiten in den Bereichen Verwaltung, Politik, Wissenschaft/Forschung, Wirtschaft und NGOs.

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