Urbane Logistik: Abschied von fragmentierten Lieferprozessen

Laut einer Studie des Beraters Roland Berger müssen Akteure der letzten Meile zukünftig enger zusammenarbeiten, um erfolgreich zu sein.

Sogenannte Whitelabel-Lösungen für die Belieferung von Innenstädten sind laut einer Studie des Beraters Roland Berger der Schlüssel zu mehr Effizienz und Nachhaltigkeit. Dazu bedürfe es der unternehmensübergreifenden Zusammenarbeit. (Symbolbild: photoschmidt/Adobestock)
Sogenannte Whitelabel-Lösungen für die Belieferung von Innenstädten sind laut einer Studie des Beraters Roland Berger der Schlüssel zu mehr Effizienz und Nachhaltigkeit. Dazu bedürfe es der unternehmensübergreifenden Zusammenarbeit. (Symbolbild: photoschmidt/Adobestock)
Sandra Lehmann

Die zunehmende Urbanisierung und die Forderung nach mehr Klimaschutz erfordern ein Umdenken in der Belieferung von städtischen Räumen. Das ist ein zentrales Ergebnis der Studie „From atomization to massification. Urban logistics must make a U-turn to achieve a sustainable future“ des Beratungshauses Roland Berger. Wie das Unternehmen mit Sitz München Anfang Oktober mitteilte, müssten sich Akteure der urbanen Logistik von den derzeitigen fragmentierten Lieferprozessen verabschieden. Die verschiedenen Teilnehmer in der Logistikkette sollten enger zusammenarbeiten, um die Warenströme zu bündeln und das gesamte Ökosystem zu verändern.

„Steigende Emissionen, strenge gesetzliche Vorgaben und immer größere Volumina: Die Herausforderungen für die urbane Logistik sind vielfältig. In den letzten Jahren hat der Online-Handel zudem zu einer Atomisierung der Sendungen geführt, die auch die Logistik erfasst“, sagt Marc Pisoke, Partner bei Roland Berger. „Die Kunden erwarten immer schnellere und flexiblere Lieferungen. Die vorhandene Infrastruktur kann jedoch im Großen und Ganzen mit diesen Anforderungen nicht Schritt halten. Außerdem erschweren die Nachfrage-Schwankungen die Planung der zukünftig benötigten Ressourcen durch die Logistikdienstleister.“ 

Zu den vielen dauerhaften Veränderungen im Einkaufsverhalten der Verbraucher, die die Covid-19-Pandemie ausgelöst hat, gehört Roland Berger zufolge auch der zunehmende Wunsch nach Bequemlichkeit. Rund 56 Prozent der Online-Käufer im Alter von 18 bis 34 Jahren erwarten inzwischen eine Lieferung am selben Tag. Der Onlinehandel macht derzeit rund 20 Prozent des weltweiten Einzelhandelsumsatzes aus und es gibt keine Anzeichen dafür, dass dies in naher Zukunft nachlässt. Die Studienautoren gehen von einem jährlichen Wachstum von neun Prozent aus.

Wachstum im B2B-Bereich

Dieser Anstieg betreffe nicht nur den B2C-, sondern auch den B2B-Bereich. Prognosen zufolge nehme der weltweite Warenwert im elektronischen B2B-Handel bis 2025 jährlich um rund 17 Prozent zu. Geschäftskunden erwarten die gleiche Geschwindigkeit und den gleichen Komfort wie im privaten Bereich. Daher seien die Auswirkungen auf die Komplexität der Logistik schon jetzt erkennbar.

Laut der Roland Berger-Studie gibt mehrere Maßnahmen, um die Belastung der städtischen Logistikketten zu verringern. Einige Unternehmen nutzen beispielsweise speziell angefertigte Fahrzeuge (Purpose-Built Vehicles). Diese seien eigens für Zusteller konzipiert und hätten unter anderem einen direkten Zugang von der Fahrerkabine zum Lagerraum. Wenn eine ganze Flotte auf diesen Fahrzeugtyp umgestellt wird, kann diese um zehn bis 15 Prozent reduziert werden, so das Beratungsunternehmen. Hierdurch würden Kosten wie Umweltbelastung sinken.

Unternehmensübergreifende Austausch

Eine engere Zusammenarbeit zwischen den Logistikunternehmen könnte die Atomisierung ebenfalls verringern. Voraussetzung dafür sei der Austausch von Informationen und die gemeinsame Nutzung von Verkehrs- und Infrastrukturanlagen. Ergebnis wären gebündelte Lieferungen, die sowohl für Unternehmen als auch für Verbraucher geringere Kosten und Lieferzeiten bedeuten. Zudem führen sie zu weniger CO2-Emissionen und Staus in den Städten.

„Mit Blick auf die Zukunft ist das Bündeln von Lieferungen in der städtischen Logistik in gewissem Maße unvermeidlich: Die Firmen sollten eine stärkere Zusammenarbeit in Erwägung ziehen und beispielsweise Einrichtungen gemeinsam nutzen oder Warenströme bündeln“, sagt Pisoke. „So könnten sie die Effizienz des Gütertransports in städtische Gebiete steigern, die Auslastung der Fahrzeuge auf dem letzten Transportabschnitt optimieren und eine größere Menge an Gütern bei gleichbleibender Kapazität befördern. Über eine Begrenzung der Anzahl der Fahrzeuge, die verschiedene Kunden im gleichen Gebiet beliefern, könnten zudem die Transportwege optimiert werden. Verschiedene Unternehmen könnten Zustellrouten und geografische Gebiete gemeinsam nutzen und bündeln. Weitere Verbesserungen könnten auch durch die gemeinsame Nutzung von Daten erzielt werden, um die Kundennachfrage genauer vorherzusagen.“

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