Urban Mining: Heidelberg setzt auf Kreislaufwirtschaft für die Stadtentwicklung

Die Kommune erstellt mit Partnern ein digitales Materialkataster, um Baustoffe nach dem Abriss von Häusern erneut nutzen zu können.

Die Stadt Heidelberg hat ein Pilotprojekt für ein Kreislaufmodell in der Stadtplanung begonnen. (Foto: Klaus Venus)
Die Stadt Heidelberg hat ein Pilotprojekt für ein Kreislaufmodell in der Stadtplanung begonnen. (Foto: Klaus Venus)
Sandra Lehmann

Die Stadt Heidelberg hat gemeinsam mit den Partnern HeidelbergCement, der Materialplattform Madaster und dem Umweltberatungsinstitut EPEA das Pilotprojekt „Circular City – Gebäude-Materialkataster für die Stadt Heidelberg“ an den Start gebracht. Wie aus einer Pressemitteilung des Immobilienentwicklers Drees & Sommer, der Muttergesellschaft von EPEA, hervorgeht, basiert das Vorhaben auf dem sogenannten Urban Mining Prinzip, mit dem dicht bebaute Städte zu riesigen Rohstofflagerstätten werden. Ziel der „Stadtschürfung“ sei es, die bereits verbauten Materialien zu erfassen und zu prognostizieren, welche Sekundärrohstoffe daraus gewonnen werden können. Für Jürgen Odszuck, der als Erster Bürgermeister der Stadt Heidelberg zuständig für die Ressorts Stadtentwicklung und Bauen ist, bedeutet Urban Mining ein entscheidender Schritt, um die Klimaziele der Kommune zu erreichen:

„Bis spätestens 2050 wollen wir klimaneutral werden und den Energiebedarf der Kommune um die Hälfte senken. Das schaffen wir nur, wenn wir uns bereits jetzt mit dem enormen Energie- und Ressourcenverbrauch auseinandersetzen, den Bautätigkeiten verursachen. Urban Mining als eine Art moderner Bergbau in der Stadt kommt dabei eine Schlüsselrolle zu.“

Ziel des Pilotprojektes sei es, eine vollständige ökonomische und ökologische Analyse des gesamten Gebäudebestands, der in einem digitalen Materialkataster zusammengefasst wird. Das Kataster solle fortan Auskunft darüber geben, welches Material in welcher Qualität und in welcher Menge verbaut wurde. „Basierend auf diesen Informationen lassen sich beispielsweise Deponien und Aufbereitungsflächen entsprechend planen und eine regionale Wertschöpfung durch regionale Lieferketten und neue Geschäftsmodelle anstoßen. Das verringert die Abhängigkeit von importierten Rohstoffen oder lange Transportwege“, erklärt Jürgen Odszuck.

Grundlage für das Kataster bilde der vom Umweltberatungsinstitut EPEA entwickelte Urban Mining Screener. Dabei handele es sich um ein Programm, das anhand von Gebäudedaten wie beispielsweise Bauort, Baujahr, Gebäudevolumen oder Gebäudetyp deren materielle Zusammensetzung auf Knopfdruck schätzen könne. Die ersten Gebäude sind laut EPEA bereits erfasst: Das Patrick-Henry-Village, eine ehemalige Wohnsiedlung für Angehörige der US-Armee, ist mit rund 100 Hektar die größte Konversionsfläche Heidelbergs. Langfristig sollen hier Wohnungen für 10.000 Menschen und Raum für rund 5.000 Arbeitsplätze entstehen. Noch stehen dort aber 325 Gebäude, die für die neue Siedlung saniert oder abgerissen werden müssen – ein gigantisches Rohstofflager, wie der Urban Mining Screener berechnet hat: Das Patrick-Henry-Village beinhaltet demnach rund 465.884 Tonnen Material, davon entfällt etwa die Hälfte auf Beton, ein Fünftel auf Mauersteine und gut fünf Prozent auf Metalle. Im nächsten Schritt soll das Kataster auf den gesamten Gebäudebestand Heidelbergs ausgeweitet werden.

„Das Kataster liefert damit eine wichtige Entscheidungsgrundlage für zukünftige Quartiersentwicklungen“, erklärt Matthias Heinrich, Urban Mining-Spezialist bei EPEA. „Für Menschen früherer Jahrhunderte war es selbstverständlich, die Steine alter Burgen oder Anlagen für den Bau von Kirchen oder Siedlungen zu verwenden. Zerstörte Gebäude waren für die Trümmerfrauen die damaligen urbanen Minen. Sie holten aus ihnen so viel an wiederverwertbarem Material heraus wie möglich. Den stiefmütterlichen Umgang mit den recyclingfähigen Schätzen in unseren Städten können wir uns angesichts der Klimakrise, des Rohstoffmangels und steigender Energie- und Entsorgungskosten sowie Baupreise aber nicht mehr leisten“, erläutert Heinrich.

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