Umfrage: Rohstoffmangel bremst deutsche Wirtschaft aus

In einer Blitzumfrage des DIHK melden 83 Prozent der befragten deutschen Unternehmen Preisanstiege oder Lieferprobleme bei Rohstoffen, Vorprodukten und Waren.

Wie geht es für die deutsche Wirtschaft nach der Coronakrise weiter? (Bild: Micropix / AdobeStock)
Wie geht es für die deutsche Wirtschaft nach der Coronakrise weiter? (Bild: Micropix / AdobeStock)
Therese Meitinger

Lieferschwierigkeiten sowie deutliche Preissteigerungen bei Vorprodukten und Rohstoffen machen derzeit nicht nur der international orientierten deutschen Industrie zu schaffen – sie treffen Betriebe sämtlicher Branchen und Größenklassen. Zu diesem Schluss kommt eine am 19. August veröffentlichte Blitzumfrage des Deutschen Industrie- und Handelskammertag (DIHK).  Zwischen 22. Juli und 9. August wurden dafür nach Eigenangaben knapp 3.000 deutsche Unternehmen im In- und Ausland befragt.

Über alle Wirtschaftszweige hinweg melden der Studie zufolge 83 Prozent der Unternehmen Preisanstiege oder Lieferprobleme bei Rohstoffen, Vorprodukten und Waren.

„Rohstoffmangel und Lieferkettenprobleme treffen die deutsche Wirtschaft in ihrer ganzen Breite", kommentiert DIHK-Außenwirtschaftschef Volker Treier die Ergebnisse. „Die aktuelle Entwicklung kann den wirtschaftlichen Erholungsprozess nach der Krise merklich erschweren.“

Nur knapp ein Fünftel der Unternehmen rechnet bis zum Jahreswechsel mit einer Verbesserung der Situation. 53 Prozent der Unternehmen erwarten dagegen erst im kommenden Jahr eine Aufhellung der Lage. Ein Viertel kann nicht einschätzen, wann sich Lieferzeiten oder Preise normalisieren werden. „Wir sehen hier aktuell sehr große Unsicherheiten“, so Treier.

Industrie und Einzelhandel leiden am meisten

In vielen Industriezweigen sind laut der Umfrage nahezu alle Betriebe derzeit von Rohstoffknappheiten oder deutlichen Preisanstiegen betroffen. Über 90 Prozent der Unternehmen etwa aus der Gummi- und Kunststoffindustrie, Metallindustrie und Chemieindustrie berichten dem DIHK davon. In der Fahrzeugindustrie sind es 92 Prozent, in der Elektrotechnik 85 Prozent. Im Baugewerbe sehen sich 94 Prozent der befragten Betriebe mit diesen Herausforderungen konfrontiert.

Aber auch im Einzelhandel mit 83 Prozent, bei Transport- und Logistikbetrieben mit 67 Prozent sowie mit 48 Prozent bei sonstigen Dienstleistern machen sich in der Erhebung Knappheiten und Verteuerungen deutlich bemerkbar. Nur vereinzelt hätten Unternehmen berichtet, dass sie zwar Lieferschwierigkeiten in den vergangenen Monaten hatten, diese aber nicht mehr aktuell seien, so der DIHK.

Der Rohstoffmangel ziehe sich durch Komponenten und Güter nahezu aller Geschäftsbereiche – und könne deshalb nur schwer durch neue Produktionsverfahren oder Lieferanten kurzfristig kompensiert werden.

Zu spüren bekommen Unternehmen laut der Umfrage die Lieferengpässe und Preisanstiege derzeit insbesondere bei direkten Vorprodukten, Stahl, Aluminium, Kupfer und Holz. Verpackungen sind demnach durch alle Branchen hinweg ebenfalls Mangelware, genauso wie Elektronikkomponenten. In der Fahrzeugindustrie fehlen, ganz massiv, Halbleiter. Der Einzelhandel berichtet unter anderem von Engpässen bei Textilien.

Mehr Nachfrage, weniger Produktion

Als Gründe für die Rohstoffengpässe nennen die Unternehmen in der Erhebung vor allem eine gestiegene Nachfrage sowie – angesichts der unterschiedlichen Entwicklung des Pandemiegeschehens in der Welt – zu geringe Produktionskapazitäten (70 Prozent) und Transportprobleme (53 Prozent). Bei Letzteren machen sich unter anderem der aktuelle Containermangel (76 Prozent) sowie fehlende Frachtkapazitäten bei Schiffen (74 Prozent), Straßen und Schienen (27 Prozent) sowie Flugzeugen (24 Prozent) bemerkbar.

So trifft die jüngste Teilschließung des chinesischen Hafens in Ningbo die deutsche Wirtschaft in einer Zeit, in der sie ohnehin schon erhebliche Lieferschwierigkeiten bewältigen muss. Jedes zweite Unternehmen nennt in der DIHK-Befragung zudem Produktionsausfälle bei Zulieferern als Grund für den Rohstoffmangel. Unternehmen, die in Deutschland ansässig sind, berichten vereinzelt davon, dass die Hochwasserkatastrophe zu den Lieferengpässen beiträgt.

Preisanstiege und Inflationsgefahr

Als Folge der Lieferengpässe haben derzeit 88 Prozent der Unternehmen mit höheren Einkaufspreisen für ihre Produkte und Dienstleistungen zu kämpfen.

„Wenn eine anziehende Nachfrage in vielen Weltregionen auf nicht ausreichende Produktions- und Transportkapazitäten etwa aufgrund von Corona-Beschränkungen trifft, steigen die Preise“, erklärt Treier. „Das belastet zunehmend die weltweite Konjunktur und die internationalen Geschäfte unserer Unternehmen.“

In vielen Betrieben kommt es – so ein weiteres Ergebnis der Blitzumfrage – außerdem zu längeren Wartezeiten (73 Prozent) auf bestellte Rohstoffe und Waren sowie zu einem höheren Planungsaufwand (60 Prozent). Besonders kritisch wird es, wenn Aufträge nicht abgearbeitet werden können (42 Prozent) und die Lieferschwierigkeiten zu Umsatzausfällen führen (43 Prozent). Ein Viertel der Unternehmen muss zudem die Produktion drosseln oder gar stoppen.

Zwei Drittel der Unternehmen sehen sich gezwungen, gestiegene Preise an Kunden weiterzugeben (67 Prozent). Zudem reagieren sie auf die Herausforderungen, indem sie neue oder zusätzliche Lieferanten suchen (64 Prozent) oder – wo es möglich ist – die Lagerhaltung erhöhen (57 Prozent).

„Die Rohstoffengpässe könnten deshalb dazu führen, dass die gegenwärtig anziehende Inflation kein vorübergehendes Phänomen bleibt, sondern die Weltwirtschaft auch mittel- bis langfristig beeinflussen wird“, so der DIHK-Außenwirtschaftschef.