Ukraine-Krieg: Deutsche Autobauer setzen Produktion zeitweise aus

Weil Komponenten aus der Ukraine fehlen, stoppen mehrere deutsche Hersteller vorübergehend ihre Fließbänder. Zugleich suspendieren Unternehmen wie BMW, Ford oder Daimler Truck ihr Russlandgeschäft.

Beim Autobauer BMW fehlen aktuell nicht nur am Produktionsstandort München Kabelbäume. (Foto: BMW)
Beim Autobauer BMW fehlen aktuell nicht nur am Produktionsstandort München Kabelbäume. (Foto: BMW)
Therese Meitinger

Der Ukraine-Krieg schlägt sich in der Produktion deutscher Autobauer nieder. So haben sowohl BMW als auch VW angekündigt, in dieser oder der nächsten Woche die Fertigung an einigen deutschen Standorten auszusetzen. Dahinter stehen Lieferengpässe, die ihren Ursprung unter anderem in zwei Werken des Nürnberger Automobilzulieferers Leoni im Südwesten der Ukraine haben, wie der Spiegel am 1. März online berichtete. Mehrere deutsche Autobauer beziehen demnach Kabelbäume und Kabelsätze aus der Fertigung in Stryji und Kolomyja, doch angesichts der russischen Invasion sah sich Leoni gezwungen, vor Ort die Produktion zu unterbrechen.

Angesichts der fehlenden Kabelbäume will die BMW Group ab 7. März für voraussichtlich eine Woche die Produktion in München, Dingolfing und Oxford – am englischen Standort fertigt der Automobilist seinen „Mini“ – einstellen. Im Werk in Regensburg stehen schon seit 1. März die Fließbänder still – hierfür sind jedoch fehlende Halbleiter verantwortlich. Somit ist die gesamte europäische Fertigung von BMW in irgendeiner Form von Ausfällen betroffen.

„Die durch den Halbleitermangel angespannte Versorgungslage wird durch die Situation in der Ukraine noch zusätzlich angespitzt“, erklärt Manuel Sattig, Pressesprecher für das Werk Dingolfing, gegenüber LOGISTIK HEUTE.

Allein in Dingolfing, BMWs größtem europäischen Werk, werden mit dem Stillstand in der nächsten Woche rund 7.500 Neufahrzeuge nicht gebaut. Wie lange die Produktion ausgesetzt bleibt, ist noch offen, erklärt Sattig. Im Moment stehe man in engem Austausch mit anderen Produktionsstandorten, mit den in der Ukraine betroffenen Lieferanten sowie anderen Zulieferern, um den Engpass so schnell wie möglich zu bewältigen. „Wir erarbeiten diverse Lösungsszenarien“, beschreibt der Sprecher.

Bei VW trifft der Produktionsstopp besonders Elektroautos

Auch der Volkswagen-Konzern passt seine Produktion im Zuge der Ukrainekrise an. Zu dem weltweiten Zuliefernetz des Volkswagen Konzerns, das mehr als 40.000 Lieferanten umfasse, gehörten auch einige Zulieferer in der West-Ukraine, erklärt ein VW-Sprecher auf Anfrage von LOGISTIK HEUTE.

„Aufgrund der aktuellen Lage in dieser Region kann es zu Beeinträchtigungen in der Lieferkette kommen“, so der Sprecher weiter.

Als Reaktion auf die Engpässe ruht die Produktion am Standort Zwickau ab dem 1. März für vier Tage. Hier werden im Normalbetrieb verschiedene Elektrofahrzeuge gefertigt, wie etwa die Modelle „VW ID.4“, „VW ID.5“ und „Cupra Born“. Zwischen dem 2. und 4. März bleibt der Betrieb am Standort Dresden ausgesetzt, wovon der „ID.3“ betroffen ist.  

„Der Konzerneinkauf steht in intensivem Austausch mit den entsprechenden Lieferanten und prüft Alternativen“, heißt es auch vonseiten VW.

Auch die Mercedes-Benz Group arbeitet unter anderem mit Zulieferern in der Ukraine zusammen, die verschiedene Komponenten für die Fahrzeugproduktion liefern. Man beobachte die Situation genau und sei in engem Kontakt mit seinen Lieferanten, um an Lösungen zur Absicherung der Lieferkette zu arbeiten, so ein Sprecher am 2. März. Dazu gehört Mercedes-Benz zufolge auch die Verlagerung von Produktionsumfängen an andere Standorte der Zulieferer.

„Aufgrund der aktuellen Situation passen wir vorübergehend die Schichtplanung in einzelnen Werken an“, heißt es vonseiten des Automobilisten. „Derzeit laufen unsere Werke weltweit. Wir bewerten die Situation tagesaktuell neu.“

Rückzug vom russischen Markt

Andere Verbindungen kappten die Automobilisten im Zuge des Ukraine-Kriegs ganz bewusst: Mehrere Hersteller gingen in den letzten Tagen auf Distanz zum russischen Markt oder lösten bestehende Geschäftsbeziehungen mit russischen Unternehmen. So will BMW laut seiner Ankündigung vom 1. März vorerst keine Fahrzeuge im russischen Kaliningrad mehr bauen, wo es 2021 zusammen mit dem russischen Hersteller Avtotor noch rund 12.000 Fahrzeuge gefertigt hatte. Auch Auto-Exporte nach Russland haben die Münchener gestoppt. US-Autobauer Ford gab ebenfalls am 1. März bekannt, sein Russlandgeschäft mit sofortiger Wirkung auszusetzen. Über einen Hilfsfonds will das Unternehmen zudem 100.000 Dollar für Menschen in der Ukraine spenden.

Alle geschäftlichen Aktivitäten im größten Land der Welt hat mittlerweile auch Daimler Truck vorerst eingestellt – und hat dabei nach Berichten des Handelsblatts auch Aktivitäten zu einem bestehenden Joint Venture mit dem russischen Fahrzeughersteller Kamaz gestoppt. Besonders brisant: Dieser stellt auch Panzerfahrzeuge her. Daimler Truck beteuerte jedoch, die seit 2012 bestehende Kooperation, in deren Rahmen das Unternehmen Fahrzeugteile beisteuerte, habe sich auf zivile Lkw bezogen. Mit dem militärischen Bereich vom Kamaz habe man nie etwas zu tun gehabt.

Mercedes-Benz ließ am 2. März verlautbaren, bis auf Weiteres den Export von Pkw und Vans nach Russland sowie die lokale Fertigung in Russland einzustellen.

VW hielt zunächst am Fertigungsbetrieb in den beiden russischen Standorten Kaluga und Nischni Nowgorod fest. Nachdem das Unternehmen dafür kritisiert worden war, gab es am 3. März bekannt, die dortige Produktion bis auf Weiteres zu stoppen. Auch der Fahzeugexport nach Russland wurde mit sofortiger Wirkung ausgesetzt.

Anmerkung: Die Aussagen und Aktivitäten von Mercedes-Benz wurden am 3. März ergänzt. Am 3. März wurde ebenfalls der Fertigungs- und Exportstopp von VW für seine russischen Werke ergänzt. 

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