Ukraine-Krieg: BME-Umfrage sieht mögliches Erdgasembargo ambivalent

Ein möglicher Lieferstopp von russischem Gas birgt laut einer Mitgliederbefragung des BME disruptives Potenzial – in positiver wie negativer Hinsicht.  

Neben dem Ukrainekrieg beleuchtete die aktuelle Mitgliederbefragung des BME auch andere Herausforderungen, denen sich Einkäufer gegenübersehen. (Symbolbild: Sergey Nivens / Fotolia)
Neben dem Ukrainekrieg beleuchtete die aktuelle Mitgliederbefragung des BME auch andere Herausforderungen, denen sich Einkäufer gegenübersehen. (Symbolbild: Sergey Nivens / Fotolia)
Therese Meitinger

Der Krieg in der Ukraine trifft die deutsche Wirtschaft hart. Es gebe fast kein Unternehmen, das nicht davon berührt sei, so Gundula Ullah, Vorstandsvorsitzende des Bundesverbandes Materialwirtschaft, Einkauf und Logistik e.V. (BME). Ullah bezog sich damit auf eines der Ergebnisse der aktuellen BME-Mitgliederbefragung „Der Einkauf im ‚JETZT‘ – Krisenmanager, Versorgungsgestalter, Zukunftsmacher“: Zwischen 9. und 15. April 2022 hatten dabei 96 Einkäufer unter anderem aus den Bereichen Maschinenbau, Energie, Automotive, Chemie und Pharma aktuelle Herausforderungen im Procurement beurteilt.

„Den aktuellen Ergebnissen zufolge erwarten 98 Prozent der befragten Firmen negative wirtschaftliche Auswirkungen auf ihre Geschäfte. Mehr als ein Viertel von ihnen sieht die eigene Entwicklung sogar als kritisch an. In den Unternehmen steht insbesondere der Einkauf vor großen Herausforderungen“, so BME-Hauptgeschäftsführerin Dr. Helena Melnikov.

So seien dort fast 50 Prozent der Rohstoff- und Energieversorgung sowie über 20 Prozent der Logistik und Produktion von den Auswirkungen des Ukraine-Krieges negativ betroffen. Über zwei Drittel der Befragten spürten einen wachsenden Druck auf ihre Lieferketten; einige Firmen davon berichteten bereits von massiven Beeinträchtigungen.

Russland verliert als Beschaffungsmarkt an Bedeutung

81 Prozent der Umfrageteilnehmer gaben laut BME an, dass sie die westlichen Sanktionen gegen Russland direkt spüren. Das Geschehen in der Ukraine führe zu einem Exodus deutscher Unternehmen in Russland, heißt es vonseiten des Verband. Nur sieben Prozent der teilnehmenden Unternehmen sehen demnach aktuell Russland als Beschaffungsmarkt. Als Absatzmarkt ist es laut Umfrage für 21 Prozent noch von Bedeutung.

„Die Unsicherheit bezüglich der künftigen Energieversorgung und der hohe, sich weiter verschärfende Inflationsdruck trüben die Aussichten der deutschen Wirtschaft stark ein. Zudem hängt das drohende Erdgasembargo wie ein Damoklesschwert über ihr“, betonte Ullah.

Über 75 Prozent der vom BME befragten Unternehmen erwarten der Umfrage zufolge in diesem Fall Produktionsstillstände bei sich oder ihren Zulieferern. Das fein austarierte System der arbeitsteiligen deutschen Wirtschaft sei in ernsthafter Gefahr, so der Verband.

Umdenken auf erneuerbare Energien wird beschleunigt

Den Einkauf sieht der BME insbesondere in Bezug auf die Energieversorgung stark belastet. Hier seien Alternativen und kurzfristige Lösungsmöglichkeiten sehr begrenzt. Diese Situation verstärkt nach Einschätzung des Verbands allerdings ein Umdenken in Bezug auf alternative Energien bei den Unternehmen und könne einen Schub für den klimaneutralen Umbau weg von fossilen Energieträgern bedeuten.

Der militärische Konflikt verschärft auch den Mangel an Rohstoffen und Produktionsmaterialien: 70 Prozent der Unternehmen haben laut der Erhebung aktuell Schwierigkeiten, die bisher in der Region beschafften Waren und Rohstoffe durch Lieferungen von anderen Märkten zu ersetzen. Bei den benötigten Waren fehlt es zurzeit vor allem an Stahl- und Stahlprodukten, Energie, Logistikleistungen sowie Lebensmitteln und Agrarrohstoffen.

Weitere Umfrageergebnisse: Preiserhöhungen auf breiter Front und wachsender Wettbewerb um immer knappere Ressourcen befeuern die bereits durch die Coronapandemie angespannte wirtschaftliche Lage. Laut der Erhebung rücken regionale Beschaffungsmärkte nach Jahrzehnten der Globalisierung als ernsthafte Alternativen in den Fokus. Bei der Suche nach Ersatzlieferanten richten viele der befragten Unternehmen ihr Augenmerk nun verstärkt auf den EU-Binnenmarkt. An zweiter Stelle steht Deutschland. Auf den nächsten Plätzen folgen Mittel-, Ost- und Südosteuropa sowie die Türkei.

„Allein der hohe Grad an Unsicherheit über die weitere Entwicklung macht klar, dass sich die deutschen Unternehmen auch für extreme Ereignisse wie ein Energieembargo vorbereiten müssen. Dem Einkauf als Hüter der externen Wertschöpfungskette kommt damit eine zentrale und wichtige Aufgabe im Rahmen des Business Continuity Managements zu“, sagte die BME-Vorstandsvorsitzende Ullah abschließend.