Ukraine-Konflikt: Konjunkturerwartungen deutscher Industrie brechen ein

Im März kühlte das Wachstum der deutschen Industrie dem Einkaufsmanager-Index zufolge bereits merklich ab, nun sehen Experten das Risiko einer Stagflation.

Laut dem Einkaufsmanager-Index von BME und IHS Markit kommen auf die deutsche Industrie herausfordernde Zeiten zu. (Symbolbild: Industrieblick / AdobeStock)
Laut dem Einkaufsmanager-Index von BME und IHS Markit kommen auf die deutsche Industrie herausfordernde Zeiten zu. (Symbolbild: Industrieblick / AdobeStock)
Therese Meitinger
(erschienen bei Transport von Christine Harttmann)

Der S&P Global/BME-Einkaufsmanager-Index (EMI), ein Konjunktur-Frühindikator für die deutsche Industrie, rutschte für Deutschland mit 56,9 Punkten auf ein 18-Monatstief ab nach 58,4 im Februar. Das berichtet eine Pressemitteilung des BME vom 5. April. Hauptursache war demnach der Krieg in der Ukraine, der die Exportnachfrage drückte und zu neuen Lieferengpässen führte.

Gundula Ullah, Vorstandsvorsitzende des Bundesverbandes Materialwirtschaft, Einkauf und Logistik (BME), erklärte dazu:

„Die aktuellen EMI-Zahlen verheißen für den weiteren Konjunkturverlauf nichts Gutes. Der Krieg in der Ukraine verschärft die coronabedingten Engpässe der Industrie bei Rohstoffen und Produktionsmaterialien zusätzlich.“

Sorgen bereite den Firmen auch der steigende Kostendruck, nachdem die Einkaufspreise aufgrund der hohen Rohstoffnotierungen erstmals seit fünf Monaten wieder anzogen.

„Der jüngste EMI zeigt erste Spuren des Ukraine-Krieges“, zitiert der BME Dr. Gertrud R. Traud, Chefvolkswirtin der Helaba Landesbank Hessen-Thüringen.

Mit einem Wert von über 50 Indexpunkten signalisiere er zwar noch eindeutig Wachstum, aber die Stagflationstendenzen nähmen zu: weniger Wachstum, höhere Inflation. Gerade Letztgenanntes berge besonderen Sprengstoff.

„Die Werte für Deutschland reichen an die historisch negativ behafteten Zahlen der 70er-Jahre heran“, lässt sich Traud weiter zitieren.

Die wirtschaftlichen Folgen des russischen Überfalls auf die Ukraine seien in der gesamten deutschen Wirtschaft spürbar. Hinzu kämen erneute Lockdowns in China, äußerte der DIHK-Konjunkturexperte Dr. Jupp Zenzen gegenüber dem BME. Er spricht von verschärften Lieferkettenproblemen und enormen Preisanstiegen.

Auch Dr. Heinz-Jürgen Büchner, Managing Director Industrials, Automotive & Services der IKB Deutsche Industriebank AG, nennt zunehmende Lieferengpässe und Transportschwierigkeiten infolge des Krieges in der Ukraine als prägend für die Versorgungslage.

Im Detail zeigt der EMI-Index, dass sich das Produktionswachstum den zweiten Monat hintereinander verlangsamt. Auch der saisonbereinigte Teilindex Auftragseingang notierte im März noch in der Wachstumszone. Allerdings ging er gegenüber dem Vormonat deutlich zurück und erreichte den niedrigsten Stand seit Jahresbeginn.

Export-Neuaufträge gehen zurück

Erstmals seit 21 Monaten schrumpften die Exportneuaufträge der deutschen Hersteller. Auch wenn das Minus nur minimal ausfiel, erkennt der BME darin eine dramatische Trendwende gegenüber den kräftigen Zuwächsen im Februar. Zahlreiche Manager machten in erster Linie den Krieg in der Ukraine und die daraufhin verhängten Sanktionen gegen Russland und Weißrussland für den Rückgang verantwortlich.

Infolge des Kriegsausbruchs in der Ukraine brachen dazuhin die Geschäftsaussichten im Verarbeitenden Gewerbe praktisch ein. Der entsprechende Teilindex gab um 18 Punkte – das zweitgrößte Minus in der Umfragegeschichte nach dem Absturz zu Beginn der Coronavirus- Pandemie im März 2020 – nach und fiel damit auf den niedrigsten Wert seit Mai 2020. Eine knappe Mehrheit der Befragten rechnet über die kommenden Monate mit Einbußen und sorgt sich dabei vor allem um die zukünftige Nachfrage, die hohe Inflation sowie die anhaltenden Lieferengpässe.

Der höhere Kostendruck zum Ende des ersten Quartals führte dazu, dass mehr und mehr Unternehmen ihre Verkaufspreise anheben mussten, um ihre Gewinnmargen zu sichern. Der entsprechende Teilindex kletterte auf den zweithöchsten Wert überhaupt lediglich übertroffen vom Allzeithoch im November 2021.

Der EMI ist eine Momentaufnahme der Geschäftssituation im Verarbeitenden Gewerbe und ein gewichteter Durchschnitt der Messwerte für Neuaufträge, Produktion, Beschäftigung, Lieferzeiten und Vormateriallager. Der Index erscheint seit 1996 unter Schirmherrschaft des BME. Er wird vom S&P Global, einem börsennotierten US-amerikanischen Finanzdienstleistungskonzern, erstellt und beruht auf der Befragung von rund 500 Einkaufsleitern und Geschäftsführern der Verarbeitenden Industrie in Deutschland.