Transport: Die Katastrophe von Calais

Eurotunnel wird zum Nadelöhr für Lkw-Fahrer und Flüchtlinge./aktualisiert
Flüchtlinge warten an einem Sicherheitszaun in der Nähe des Eurotunnels in Calais. (Foto: Anja Kiewitt)
Flüchtlinge warten an einem Sicherheitszaun in der Nähe des Eurotunnels in Calais. (Foto: Anja Kiewitt)
Nadine Bradl

Die Situation in der nordfranzösischen Stadt Calais spitzt sich weiter zu. Immer mehr Flüchtlinge versuchen durch den Eurotunnel nach Großbritannien zu gelangen. Laut Betreiber zählte man allein 2015 37.000 Versuche – teilweise mit tödlichem Ausgang. Zuletzt wurde am 29. Juli 2015 ein Sudanese von einem Lkw überfahren, der vom Zug abfuhr. Ein untragbarer Zustand auch für die Lkw-Fahrer, meint der Bundesverband Güterkraftverkehr Logistik und Entsorgung (BGL).

Aufgebrochene Schlösser

Die Fahrer, die in Calais mit der Fähre oder via Eurotunnel nach Großbritannien fahren, berichteten nach BGL-Angaben von stark steigenden Flüchtlingszahlen. Immer mehr Menschen würden versuchen als blinde Passagiere auf die Ladeflächen zu gelangen – selbst am Tag. Dabei würden Schlösser und Plomben der Lkw aufgebrochen und die Ladung teilweise aus dem Lkw herausgeworfen. Laut BGL führe das immer häufiger dazu, dass die Empfänger die unvollständige, beschädigte oder verschmutzte Ware nicht mehr annehmen.

Sicherheitszäune sind keine Lösung

Die errichteten Sicherheitszäune allein können dieses Problem nicht lösen, erklärt der stellvertretende BGL-Hauptgeschäftsführer Dr. Adolf Zobel gegenüber LOGISTIK HEUTE. „Zum einen gelingt es den Flüchtlingen immer wieder, dennoch auf das Terminalgelände oder sogar in den Eurotunnel einzudringen, um auf fahrende Züge oder in Lkw zu gelangen. Die Gefährdung von Leib und Leben unserer Fahrer findet aber bereits vor diesen Zäunen statt.“ Schon etwa 40 Kilometer vor dem Tunnel würden Flüchtlinge darauf waren, an Engpassstellen auf Lkw aufzuspringen. Die Polizei ist den Fahrern laut Zobel keine Hilfe: „In der Umgebung des Tunnels beobachten vor Ort Polizisten Enterversuche oder Auseinandersetzungen mit Flüchtlingen, ohne einzugreifen. Aus unserer Sicht muss daher nicht nur die Polizeipräsenz vor Ort spürbar verstärkt und effektiv vorgegangen werden.“

Gewaltandrohungen und Übergriffe

Zudem würden die Flüchtlinge auch nicht mehr vor der Androhung von Gewalt zurückschrecken. Dem BGL liegen nach eigenen Angaben Meldungen vor, wonach Lkw mit Steinen beworfen oder die Reifen aufgeschlitzt wurden. Es gebe bereits Fahrer die Englandtouren nicht mehr übernehmen. Unter anderem auch deshalb, weil die Fahrer – sollten es Flüchtlinge auf ihren Lkw schaffen und von den britischen Grenzbeamten entdeckt werden – wegen Menschenschmuggels belangt werden.

Zu hohes Risiko

Das könnte dramatische Folgen für den Transport haben, meint Robert Keen, Generaldirektorin der British International Freight Association (BIFA). Sollten keine Maßnahmen von den französischen und britischen Behörden ergriffen werden, würden sich die internationalen Transportdienstleister weigern, die Strecke weiter zu befahren. „Das finanzielle und persönliche Risiko für sie und ihre Mitarbeiter ist auf Dauer zu hoch.“

Mangelnde Sicherheit

Die International Transport Union (IRU) befürwortete derweil die Ankündigung der britischen Innenministerin Theresa May eine neue, umzäunte Sicherheitszone in Calais einzurichten. Michael Nielsen, IRU Generaldelegierter für die EU, sagte: „Diese Initiative ist gut, aber längst überfällig“. Sowohl die Fahrer als auch ihre Lkw müssten geschützt werden – und zwar schnell. „Neueste Streiks in Calais verschärfen die Situation weiter und zeigen erneut die inakzeptable mangelnde Sicherheit im Hafen“, berichtete Nielsen.

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