Supply Chain Finance: Nachhaltigkeits-Plus durch eine bessere Finanzierung von Lieferpartnern

Zum Thema nachhaltige Lieferkettenfinanzierung diskutierten Experten im Supply Chain Finance HUB der Technischen Universität München am Campus Heilbronn.

250 Teilnehmer aus über 30 Ländern diskutierten mit den Experten über eine nachhaltige Supply-Chain-Finanzierung. (Foto: TUM Campus Heilbronn)
250 Teilnehmer aus über 30 Ländern diskutierten mit den Experten über eine nachhaltige Supply-Chain-Finanzierung. (Foto: TUM Campus Heilbronn)
Melanie Wack

Sustainable Supply Chain Finance verbessert die ökologische und soziale Bilanz von Lieferketten: Das Prinzip „Wer nachhaltiger produziert, profitiert von besseren Zahlungskonditionen“ diskutierten Experten aus über 30 Ländern auf dem zweiten „Supply Chain Finance HUB“ der Technischen Universität München (TUM) am Campus Heilbronn. Der digitale HUB war einer Pressemitteilung vom 1. Juni zufolge über innovative Networking-Formate interaktiv gestaltet und hat vom 19. bis 21. Mai digital stattgefunden.

Nachhaltigkeit im Fokus

Die ESG (Environment, Social, Governance)-Kriterien haben sich für die Bewertung der Nachhaltigkeit von Lieferketten durchgesetzt. Auch für die Finanzmärkte sind ökologisch-soziale Kriterien und Compliance-Aspekte der Maßstab für die Bewertung nachhaltiger Investments, deren Bedeutung für Investoren ständig zunimmt, so eines der Ergebnisse. Dass Nachhaltigkeit, Working Capital und Risikomanagement in Lieferketten sich gegenseitig befördern können (und nicht etwa im Widerspruch zueinanderstehen), zeigte der zweite Supply Chain Finance HUB der TU München Campus Heilbronn mit dem Schwerpunkt „Increasing Sustainability Performance with Supply Chain Finance“ mit 250 Registrierungen.

„Die internationale Resonanz beweist das enorme globale Interesse an diesem Thema“, erklärt Prof. Dr. David Wuttke, Professor für Supply Chain Management an der TU München Campus Heilbronn und Organisator der Veranstaltung.

Es gehe um tausende, für komplexe Liefernetzwerke um Millionen Lieferpartner. Je weiter unten diese in der Lieferkette sind, desto anspruchsvoller ist das Monitoring und desto geringer der direkte Einfluss einkaufender Unternehmen, so heißt es in der Mitteilung. Dennoch setzt auch das deutsche Sorgfaltspflichtengesetz zunächst bei den direkten Lieferbeziehungen an, in der Erwartung, dass die Anforderungen weitergegeben werden.

Struktur im Wandel

„Die Strukturen werden sich wandeln, selbst bei Unternehmen, die vom Gesetz nicht direkt betroffen sind, aber ihre Kunden“, beschreibt Dr. Thomas Volant, Partner bei der Wirtschaftskanzlei Clifford Chance, die anstehenden Veränderungen. Dr. Alexander Regelmann, Global Category Manager beim Chemieunternehmen Clariant, betont den holistischen Ansatz nachhaltiger Beschaffung: „Wenn wir als Unternehmen gegenüber unseren Kunden glaubwürdig sein wollen, müssen wir in die Betrachtung alle Produkte und Warengruppen einbeziehen.“ Als Vorgehensweise empfiehlt Dr. Anna Grobecker, BearingPoint: „Überlegen Sie, wo Ihre wesentlichen Hebel für eine nachhaltigere Lieferkette sind. Darunter sind Quickwins und natürlich Felder, in die Sie mehr investieren müssen.“

Anreize für Lieferanten schaffen

Welche Gestaltungsmöglichkeiten hat der Einkauf konkret mit Blick auf eine nachhaltige Beschaffung? Ist Lieferkettenfinanzierung über Reverse Factoring nach dem Prinzip „Wer nachhaltiger produziert, wird (durch einen vom einkaufenden Unternehmen beauftragten Finanzdienstleister) früher bezahlt“ ein geeignetes Instrument, um die ökologische und soziale Performance von Lieferanten zu verbessern? Reagieren Lieferanten auf eine solche Incentivierung? Investieren sie das Geld an den richtigen Stellen? Prof. Suvrat Dhanorkar von der Penn State University vergleicht die nachhaltige Transformation mit der Durchsetzung des Qualitätsmanagements in den 1980er/1990er Jahren.

„Damals gab es ganz ähnliche Debatten“, erklärt er und zeigt sich trotz der Komplexität der Aufgabe angesichts der Forschungsergebnisse zuversichtlich. Allein die Messbarkeit der Kriterien schätzt nicht nur er als Herausforderung ein.

Kapitalmärkte spielen mit

Für die Finanzmärkte gilt Nachhaltigkeit längst als Gamechanger: „Die Nachfrage nach und das Potenzial von nachhaltigen Investitionsmöglichkeiten sind riesig“, erklärt Katharina Michael, Managing Director, Co-Head Global Transaction Banking Germany at HypoVereinsbank - UniCredit Bank AG und stellt mit Blick auf die Nachprüfbarkeit aber klar: „Es ist nicht Aufgabe einer Bank die Lieferketten-Kennzahlen von Unternehmen zu beurteilen. Die ESG-Beurteilung obliegt den einkaufenden Unternehmen selbst und/oder Rating-Agenturen.“

Hohe Anforderungen

Tom Dunn, Vorstand des Londoner Supply Chain Finance-Anbieters Orbian, weiß, wie schwer sich viele Firmen noch mit diesem Thema tun: „Bei Sustainable Supply Chain Finance geht es um eine enge Begleitung der Kunden bei der Transformation“, betont er. Schließlich spielten bei der Lieferkettenfinanzierung auch weiterhin Faktoren wie die Optimierung des eigenen Working Capital eine Rolle.

So oder so sind laut Pressemitteilung die Anforderungen an die Programme hoch. Nachhaltige Lieferantenfinanzierung braucht neben ausgewiesener Finanzexpertise eine tiefe Kenntnis der eigenen Beschaffungsmärkte, Warengruppen und Lieferanten und infolgedessen sehr individuelle Konzepte. Nur dann passen die Hebel und es kommt zu den gewünschten Effekten, so die Angaben.

Für Puma hat Frank Wächter, Leiter Treasury, ein solches Konzept entwickelt. Der Sportartikelhersteller fördert seit 2016 über ein ESG-getriebenes Reverse Factoring mit Erfolg die soziale und ökologische Performance seiner Lieferanten.

Wächter betont: „Treasury und Einkauf müssen für SSCF eng zusammenarbeiten, um Lieferanten sinnvoll zu clustern und Kennzahlen zu finden, die sowohl aus Sicht von Finance, als auch aus Sicht der Beschaffung und mit Blick auf die Nachhaltigkeitsstrategie des Unternehmens die richtigen sind.“

Einkauf, Finance und Treasury müssen laut Pressemitteilung also ihre Silos verlassen und kollaborieren.

Hebel auch für Risikoländer

„Sustainable Supply Chain Finance braucht ein sensibles Management, damit die Lieferanten den Weg mitgehen und es nicht zu unerwünschten Effekten kommt“, fasst Prof. David Wuttke die Diskussionen aus den verschiedenen Networking-Sessions zusammen.

Das heißt: Langsam entwickeln statt vorschnell Lieferanten wechseln. Schließlich habe auch die abrupte Trennung von Lieferanten soziale Auswirkungen, die im Sinne eines ganzheitlichen Ansatzes bedacht werden sollten. Gleichzeitig liegt laut TUM Campus Heilbronn genau hierin eine Chance: Lieferanten aus Entwicklungsländern haben oftmals keinen eigenen Zugang zu den Finanzmärkten. Deshalb könne gerade in kritischen Beschaffungsmärkten die bevorzugte, an ESG-Kriterien gebundene Finanzierung entscheidende Impulse für eine nachhaltige Entwicklung geben.

Dritte Runde

Ein weiteres Ergebnis des zweiten digitalen HUB der TU München Campus Heilbronn: Das „kurzweile Format“ mit toolgestützten Panels, Experten-Talks, interaktiven Diskussionsrunden und viel Gelegenheiten zum persönlichen Austausch fand bei den Teilnehmenden großen Anklang. Auch der dritte Supply Chain Finance HUB der TUM am Campus Heilbronn wird demnach unter dem Thema „Blockchain and Supply Chain Finance“ vom 26. bis 28. Oktober 2021 digital stattfinden.      

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