Studie: Weltweites Tauziehen um Waren bleibt bis Mitte 2022

Was Lieferengpässe angeht, sieht eine Studie von Euler Hermes die USA weiterhin am längeren Hebel, Deutschland und Europa hingegen im Nachteil.

Frachtraten könnten laut Euler Hermes ab dem vierten Quartal 2022 nachgeben. (Symbolbild: Ralf Gosch / Fotolia)
Frachtraten könnten laut Euler Hermes ab dem vierten Quartal 2022 nachgeben. (Symbolbild: Ralf Gosch / Fotolia)
Therese Meitinger

Konsum-Boom meets Lieferengpässe: So fasst der Kreditversicherer Euler Hermes die aktuelle Situation im Welthandel kurz zusammen. Auch Lieferkettenunterbrechungen und die vielerorts rollende vierte Coronawelle seien zu diesem „Date“ geladen, so eine Pressemitteilung. Und bis mindestens Sommer 2022 dürfte diese Volatilität die neue Norm sein. Zu diesem Schluss kommt die neue Welthandelsstudie „Battling out of supply chain disruptions“, die der Hamburger Kreditversicherer am 9. Dezember veröffentlichte.

Der Einbruch beim weltweiten Handel mit Waren im dritten Quartal 2021 (-1,1 Prozent beim Volumen im Vergleich zum Vorquartal) im Zuge der vielerorts rollenden vierten Coronawelle dürfte nach Einschätzung von Euler Hermes allerdings vorübergehend sein. Schon im vierten Quartal sollte sich demnach der weltweite Warenhandel mit +0,8 Prozent zum Vorquartal leicht erholen.

Insgesamt legte der Welthandel 2021 beim Volumen der gehandelten Waren und Dienstleistungen der Studie zufolge um voraussichtlich rund acht Prozent im Vergleich zum Vorjahr zu, beim Wert sogar um 18 Prozent. Grund für die starke Wertsteigerung sind demnach neben Lieferengpässen die hohen Frachtkosten in der Schifffahrt und der starke US-Dollar (USD). In den kommenden zwei Jahren dürfte sich das weltweite Handelsvolumen mit plus 5,4 Prozent im Jahr 2022 und plus vier Prozent im Jahr 2023 sukzessive auf Vorkrisenniveau einpendeln, schätzt der Kreditversicherer. Auch die Entwicklung beim Wert der gehandelten Waren normalisiere sich in den kommenden zwei Jahren (2022: +7,2 Prozent; 2023: +5,7 Prozent), heißt es.

Flaschenhals China, abhängiges Europa

„Auf und Abs sind auch im kommenden Jahr an der Tagesordnung“, sagt Ana Boata, Head of Economic Research bei Euler Hermes. „Wir schätzen, dass aktuell rund vier Prozent der weltweit gehandelten Waren durch Engpässe in der Schifffahrt feststecken. Das Tauziehen um Waren dürfte bis mindestens Sommer 2022 weitergehen.“

Die USA säßen dabei weiterhin am längeren Hebel und sowohl Deutschland als auch Europa müssten sich hinten anstellen, so Boata weiter. China bleibe dabei der Flaschenhals durch die Null-Covid-Politik sowie eine starke Volatilität bei der Nachfrage und Logistik im Zuge des Chinesischen Neujahrs.

Europa ist im Vergleich zu den USA wesentlich stärker von Zwischenerzeugnissen abhängig. Auch die Abhängigkeit von China ist insgesamt groß: Euler Hermes geht davon aus, dass ein Rückgang der gesamten chinesischen Exporte um zehn Prozent für die EU spürbare Folgen hätte: Dies würde demnach zu einem Rückgang der Produktion im Metallsektor um mehr als sechs Prozent führen, im Automobilsektor (einschließlich Transportausrüstung) um mehr als drei Prozent und im Computer- und Elektroniksektor um mehr als ein Prozent.

Europa hinkt laut der Studie außerdem sowohl bei Produktionskapazitäten im verarbeitenden Gewerbe als auch bei Investitionen in die Hafeninfrastruktur hinterher. Deshalb könnte sich die vollständige Normalisierung der Engpässe in Europa über das Jahr 2022 hinaus verzögern, wenn die Nachfrage weiterhin über dem Potenzial bleibt, was laut Studie aktuell das wahrscheinlichste Szenario ist, heißt es.

Haushaltsgeräte, Unterhaltungselektronik, Automobilbranche sowie Maschinen und Anlagen sind dem Kreditversicherer zufolge am stärksten von Vorleistungsengpässen betroffen, insbesondere bei Halbleitern. Gleichzeitig gehören der Energie- und Elektroniksektor sowie Maschinen und Anlagen aufgrund der hohen Nachfrage aber auch zu den Exportgewinnern von 2021. 2022 dürften sie ebenfalls ein starkes Exportwachstum verzeichnen, prognostiziert Euler Hermes. 2023 dürften dann insbesondere die Autobauer und -zulieferer nach langer Durststrecke wieder zu den Exportgewinnern zählen.

Halbleiter gehen vor allem nach Asien und die USA

„Deutsche Unternehmen konnten ihre Halbleiter-Bestände zuletzt etwas aufstocken, aber sie bleiben trotzdem weiterhin Mangelware“, sagt Milo Bogaerts, CEO von Euler Hermes in Deutschland, Österreich und der Schweiz. „Taiwan ist der weltweit größte Produzent von Halbleitern und hat zuletzt Produktionskapazitäten deutlich ausgebaut.“

Diese lägen durchschnittlich jetzt sogar höher als vor der Pandemie, heißt es. Die größten Kontingente haben sich laut Euler Hermes allerdings Asien und die USA gesichert. Deutschland als führende Industrienation in Europa hatte demnach im Vergleich das Nachsehen.

Am Horizont winke allerdings eine schrittweise Normalisierung, so Ana Boata:

„Es zeichnet sich eine deutliche Entspannung bei den zahlreichen Ungleichgewichten und Verschiebungen im Welthandel ab. Dabei spielen drei wichtige Faktoren eine Rolle. Erstens der Konsum, zweitens die Lagerbestände und Produktionskapazitäten sowie drittens die Schiffskapazitäten.“

Der Konsum boomt; er dürfte laut der Studie seinen Höhenflug fortsetzen und somit weiterhin für eine hohe Nachfrage sorgen. Die Lager seien in den meisten Branchen ebenfalls wieder auf Vorkrisenniveau gefüllt. Selbst bei Halbleitern dürfte sich die Lage nach und nach entspannen.

„Die meisten Unternehmen werden allein wegen der Kosteneffizienz schrittweise zur ‚Just in time‘-Lagerhaltung zurückkehren – ‚Just in case‘ und Hamstern ist auf Dauer schlicht zu teuer“, sagt Bogaerts. „Über Reshoring oder Nearshoring wird aktuell zwar viel geredet, aber konkrete Projekte sehen wir nur wenige.“

Die Engpässe in der Schifffahrt dürften sich laut der Studie mit steigenden Kapazitäten wieder auflösen. Noch ist es nicht so weit: Die Frachtraten bewegen sich weiterhin auf Rekordniveau und tragen zusätzlich zur Teuerung bei. Allerdings hat seit November eine leichte Entspannung der Situation eingesetzt. Diese dürfte sich fortsetzen, wenn Ende 2022 die ersten neu bestellten Schiffe fertiggestellt sind und eingesetzt werden.

„Frachtraten haben im September 2021 ein Rekordhoch erreicht und lagen sechs bis sieben Mal höher als vor der Pandemie“, sagt Bogaerts. „2022 bleiben sie voraussichtlich auf hohem Niveau, dürften aber ab dem vierten Quartal 2022 langsam nachgeben.“

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