Studie: Jeder zweite Mittelständler kämpft mit Lieferengpässen

Laut einer Studie von KfW Research sind ein höherer Beschaffungsaufwand, Produktionsstörungen sowie Preisanpassungen die häufigsten Folgen.

Materialengpässe zwingen auch den deutschen Mittelstand dazu, Anpassungen in seiner Beschaffungsstrategie vorzunehmen. (Foto: Bavorndej / AdobeStock)
Materialengpässe zwingen auch den deutschen Mittelstand dazu, Anpassungen in seiner Beschaffungsstrategie vorzunehmen. (Foto: Bavorndej / AdobeStock)
Therese Meitinger

Lieferengpässe bei Rohstoffen und Vorprodukten haben weite Teile der deutschen Wirtschaft erfasst und betreffen zunehmend auch den Mittelstand: Gegenwärtig kämpft knapp jedes zweite (48 Prozent) der rund 3,8 Millionen kleinen und mittleren Unternehmen in Deutschland mit den Folgen von Lieferproblemen. Zu diesem Ergebnis kommt eine im September durchgeführte Sonderbefragung von KfW Research im Rahmen der repräsentativen Wiederholungsbefragung KfW Mittelstandspanel. In die von der KfW Bankengruppe beauftragte Sonderbefragung flossen die Antworten von 2.400 Unternehmen sämtlicher Wirtschaftszweige ein, deren Umsatz 500 Millionen Euro pro Jahr nicht übersteigt.

Verarbeitendes Gewerbe und Baugewerbe besonders betroffen

Besonders stark betroffen ist laut einer Pressemitteilung vom 11. Oktober das mittelständische Verarbeitende Gewerbe – vier von fünf Unternehmen (78 Prozent) beklagen hier Lieferengpässe. Nicht weniger heftig sind der Studie zufolge die Auswirkungen auf das Baugewerbe, wo sich 78 Prozent der Unternehmen mit Materialknappheit auseinandersetzen müssen. Im Groß- und Einzelhandel ist der Anteil der betroffenen Mittelständler mit 63 Prozent laut der Erhebung etwas geringer. Und selbst im Dienstleistungssektor, der grundsätzlich weniger stark von Vorleistungen abhängt, sehen sich nach Angaben von KfW Research immer noch rund vier von zehn kleinen und mittleren Unternehmen mit Lieferengpässen konfrontiert.

Dass der Mittelstand in der Breite betroffen ist, liegt nach Einschätzung der KfW nicht zuletzt daran, dass derzeit eine Vielzahl von Materialien und Vorprodukten nicht in der nachgefragten Menge zur Verfügung steht. Schwierigkeiten gebe es nicht nur bei Mikroprozessoren, auch einfache Steuerungselemente fehlten, genauso wie Stahl, Aluminium, Kupfer und andere Metalle, Kunststoffe und Verpackungsmaterialien oder auch Holz für die Bau- und Möbelindustrie, heißt es in der Mitteilung. Als wesentlichen Grund sieht die KfW, dass viele Unternehmen in der Coronakrise ihre Kapazitäten zurückgefahren haben und nun auf die wieder anspringende Nachfrage nur langsam reagieren können. Andere Ursachen wie Störungen im internationalen Frachtverkehr, die weiter anhaltenden Handelskonflikte oder einzelne Ereignisse wie die Waldbrände in Kalifornien spielen demnach ebenfalls eine Rolle.

Die Lieferengpässe wirken sich der Studie zufolge unterschiedlich auf den Mittelstand aus:

  • Am häufigsten verzeichnen kleine und mittlere Unternehmen einen erhöhten Arbeitsaufwand in der Beschaffung (29 Prozent).
     
  • Zu Beeinträchtigungen in der Produktion oder Dienstleistungserstellung wegen fehlender Rohstoffe oder Vorprodukte kommt es bei etwa jedem vierten Mittelständler (28 Prozent). Das Verarbeitende Gewerbe leidet hierunter am stärksten (56 Prozent).
     
  • Ebenfalls jedes vierte Unternehmen (26 Prozent) sieht sich gezwungen, infolge gestiegener Preise für Rohstoffe und Vorprodukte die Preise für seine eigenen Produkte oder Dienstleistungen anzupassen. Am häufigsten kommt es zu Preiserhöhungen in der Baubranche (61 Prozent).
     
  • Etwa 25 Prozenr aller Mittelständler sind gegenwärtig aufgrund der Engpässe im Lieferverzug gegenüber ihren Kunden. Jeder zehnte Mittelständler muss Aufträge sogar ablehnen, weil das benötigte Material fehlt. Insbesondere in der Bauindustrie, die Handwerksbetriebe vom Fensterbauer bis zu Dachdecker umfasst, ist dies ein Problem (21 Prozent).
     
  • Zu Beschäftigungseinschnitten führen die Lieferengpässe bislang in erster Linie im Verarbeitenden Gewerbe. Hier hat nahezu jedes zehnte Unternehmen seine Beschäftigung zumindest temporär durch den Abbau von Überstunden, Urlaub oder auch das Instrument der Kurzarbeit reduziert.

Eine schnelle Auflösung der Lieferengpässe erwartet der Mittelstand der Studie zufolge nicht. Nur fünf Prozent der betroffenen kleinen und mittleren Unternehmen gehen demnach von einer Entspannung bis zum Jahresende 2021 aus. Der Großteil rechnet damit, dass die Schwierigkeiten noch ein halbes bis ganzes Jahr andauern. Fast jedes fünfte Unternehmen ist laut der Erhebung sogar überzeugt, dass sich die Situation frühestens in einem Jahr normalisiert haben wird.

„Die Lieferengpässe legen den kleinen und mittleren Unternehmen enorme Steine auf ihren Weg aus der Corona-Krise“, sagt Dr. Fritzi Köhler-Geib, Chefvolkswirtin der KfW. „Am stärksten belasten sie das Verarbeitende Gewerbe und die Bauindustrie, aber auch der Handel und Dienstleister leiden. Das nimmt der gerade wieder angesprungenen Konjunktur ihren Schwung.“

Das Wirtschaftswachstum dürfe in den nächsten Monaten abflachen, werde aber weiterhin positiv ausfallen.

„Bis sich die Lieferengpässe auflösen, dürfte es dauern. Ich gehe aber davon aus, dass sich die Materialknappheit im Laufe der kommenden Monate zumindest etwas entschärft. Nachholeffekte können dann im kommenden Jahr einen Impuls für einen neuen Wachstumsschub geben“, so Köhler-Geib.

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