Studie: Fahrermangel kostet deutsche Wirtschaft zehn Milliarden Euro

Eine Konsortialstudie prognostiziert, dass im Jahr 2023 voraussichtlich mehr als 70.000 Lkw-Fahrer fehlen werden.

32 Ursachen für den fortschreitenden Fahrermangel hat eine Konsortialstudie nun ermittelt. (Symbolbild: Daniel Jędzura / AdobeStock)
32 Ursachen für den fortschreitenden Fahrermangel hat eine Konsortialstudie nun ermittelt. (Symbolbild: Daniel Jędzura / AdobeStock)
Therese Meitinger

Kapazitäten in der Transportlogistik sind knapp und stark gefragt. Der Mangel an qualifiziertem Fachpersonal ist seit vielen Jahren eine der größten Herausforderungen im Straßengüterverkehr. Im Februar 2022 wurde vor diesem Hintergrund die Konsortialstudie zur „Begegnung von Kapazitätsengpässen in der Logistik mit Schwerpunkt Fahrpersonal“ unter der Leitung der Professoren Wolfgang Stölzle von der Logistics Advisory Experts (Spin-off der Universität St. Gallen), Thorsten Schmidt von der Technischen Universität Dresden und Christian Kille vom Institut für Angewandte Logistik der Technischen Hochschule Würzburg-Schweinfurt (THWS) initiiert. Dem Konsortium gehören insgesamt 16 Unternehmen, fünf Verbände und ein Betreiber einer digitalen Matching-Plattform für Arbeitgeber und gewerbliche Fachkräfte an. Nun liegen die Ergebnisse laut einer Pressemitteilung vom 31. Januar im Detail vor.

Die wirtschaftlichen Auswirkungen der Fahrerkrise seien immens, heißt es vonseiten der Konsortialpartner. 32 identifizierte Wirkungen des Fahrermangels induzierten für den Wirtschaftsbereich Logistik der Studie zufolge eine Kostensteigerung in Höhe von schätzungsweise drei Prozent im Jahr 2022. Allein dies führte demnach im vergangenen Jahr zu einer Mehrbelastung für die deutsche Wirtschaft von rund zehn Milliarden Euro. Dies zeigen laut den Wissenschaftlern die Ergebnisse eines speziell entwickelten Modells.

Fahrermangel verschärft sich zusehends

Ein eigens für die Studie entwickeltes Modell soll nicht nur den Mangel an Fahrpersonal auf Basis aktueller Statistiken quantifizieren, sondern auch eine Prognose der Entwicklung des Fahrpersonalmangels ermöglichen. So wurde aus den vorliegenden Daten berechnet, dass aktuell mehr als 70.000 Lkw-Fahrer fehlen. 2022 waren es der Studie zufolge rund 53.000. Der Fahrermangel werde jährlich um rund 20.000 Fahrer zunehmen, prognostizieren die Wissenschaftler. Relativ gesehen sei dieser Mangel größer als in der Pflege oder der Erziehung.

Die breit abgestützte Analyse brachte einen umfangreichen Katalog mit 40 verschiedenen Ursachen hervor, die direkt (Einsatz und Gewinnung von Fahrpersonal) oder indirekt (Organisation und Marktentwicklung) für den Mangel an Fahrpersonal verantwortlich gemacht werden können. Besonders treten dabei nach Einschätzung des Konsortiums die Arbeitsbedingungen, das Arbeitsumfeld sowie das Bild des Berufs in der Öffentlichkeit hervor.

19 Maßnahmen mit besonders großem Potenzial

Im Zuge der Untersuchungen wurden zahlreiche Maßnahmen zur Begegnung des Fahrpersonalmangels analysiert und bewertet. 19 Maßnahmen davon besitzen laut der Mitteilung ein hohes Potenzial und genießen besondere Popularität. Darunter fallen politische Maßnahmen wie der Ausbau der Parkplätze, unternehmerseitige Maßnahmen wie den Einsatz eines speziellen Verantwortlichen für die Belange des Fahrpersonals sowie perspektivische Maßnahmen wie die Ausweitung der Potenziale digitaler Plattformen. Durch gezielt angesetzte Maßnahmen könne vorhandenes Personal gebunden und neues gewonnen werden, heißt es.

So hilfreich die Maßnahmen auch seien, sie würden kurzfristig keine absolute Linderung bringen, so die Wissenschaftler. Unternehmensübergreifende Optimierungsverfahren bergen den Studienergebnissen zufolge zusammen mit der Steigerung der Transparenz und dem Einsatz digitaler Anwendungen kurzfristig die größten Potenziale, dem Kapazitätsengpass im Straßengüterverkehr zu begegnen. Denn mit vorhandenen digitalen Lösungen lassen sich schon jetzt vorhandene Kapazitäten besser planen, wenn ihr Potenzial entsprechend besser genutzt wird – auch aus ökonomischen und ökologischen Gründen. Demgegenüber sei vom autonomen Fahren auf mittelfristige Sicht potenziell wenig Entlastung zu erwarten, so die Studienautoren.

Eine Befragung des Fahrpersonals für die Studie ermittelte: Sobald sich für den Beruf entschieden wurde, besteht überwiegend die Überzeugung, die richtige Wahl getroffen zu haben. Da die meisten Antwortenden ihren Job über Kollegen gefunden haben, zahlen nach Ansicht des Konsortiums auch hier gezielte Maßnahmen zur Verbesserung des Berufsbilds auf die Personalgewinnung sowie die Zufriedenheit der Fahrerinnen und Fahrer ein.