Studie: Disruptionen lassen Unternehmen Lieferketten neu denken

 Nur ein Drittel der deutschen Unternehmen ist laut einer Erhebung von PwC für Disruptionen bereit.

Seefrachtlieferketten sahen und sehen sich sehr unterschiedlichen Disruptionen ausgesetzt. (Symbolbild: Vichie / AdobeStock)
Seefrachtlieferketten sahen und sehen sich sehr unterschiedlichen Disruptionen ausgesetzt. (Symbolbild: Vichie / AdobeStock)
Therese Meitinger

Die weitreichenden Umbrüche in den globalen Lieferketten zwingen Supply-Chain-Verantwortliche dazu, ihre Ökosysteme grundlegend zu transformieren – zu diesem Ergebnis kommt die aktuelle Studie „Reinventing Supply Chains 2030“ der Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsgesellschaft PwC Deutschland (PwC). Für die Untersuchung wurden weltweit mehr als 1.000 Führungskräfte aus dem Bereich Supply Chain zu den wichtigsten Trends und Entwicklungen der Branche befragt, so eine Pressemitteilung vom 3. Juli. Demnach sorgen insbesondere geopolitische Krisen, der Klimawandel und technologischer Fortschritt für konstante Disruptionen, die globale Lieferketten dauerhaft aus dem Gleichgewicht bringen.  

Externe Schocks sind das New Normal

Die befragten Führungskräfte spüren den Studienergebnissen zufolge angesichts dieser Veränderungen den Druck, ihr gesamtes Lieferkettenkonzept umzudenken, um es anpassungsfähiger, nachhaltiger und intelligenter zu gestalten – also „denkende“ Systeme zu schaffen, die lernen und sich weiterentwickeln. Ihre Pläne beinhalten, die Transparenz zu erhöhen, KI und Robotik zu integrieren und alle Stakeholder miteinander zu vernetzen, um Probleme schneller zu erkennen und beheben. Dies, so die Befragung, gelingt derzeit allerdings nur einer Minderheit von „Supply Chain Champions“.

Die erfolgreichsten Transformationen zeichnen sich PwC zufolge durch Ende-zu-Ende-Ansätze aus, sind aber sehr komplex und erfordern laut den Supply Chain Champions anspruchsvolle Fähigkeiten und Technologien sowie neue Arbeitsweisen. Daneben sind auch eine klare Vision und Roadmap, Ressourcenkapazitäten und das Engagement der Mitarbeitenden gefordert. Die Umfrage ergab, dass gerade einmal acht Prozent der Unternehmen von sich sagen, dass sie ihre Lieferketten bereits vollständig transformiert haben, um bahnbrechenden Trends gerecht zu werden. Befragt nach ihrer Befähigung, technologische Disruptionen bewältigen zu können, gaben 45 Prozent der Unternehmen an, Initiativen zu planen – tatsächlich in Angriff genommen haben das Thema sogar schon 50 Prozent. In Deutschland planen zwar erst 37 Prozent der befragten Unternehmen entsprechende Initiativen, dafür haben bereits 61 Prozent bereits konkrete Maßnahmen angestoßen.

Eine gelungene Transformation wirkt sich unmittelbar auf die Wettbewerbsfähigkeit aus. So erwarten die Supply Chain Champions Kostensenkungen in der Lieferkette von 19 Prozent sowie Umsatzsteigerungen von 16 Prozent. Nutzen Unternehmen die Effekte des Umbruchs richtig, können sie ihre Resilienz und ihren Vorsprung zur Konkurrenz ausbauen.

„Kontinuierliche Disruptionen sind das ,New Normal‘. Unternehmen müssen daher Schritte einleiten, um ihre Lieferketten ganzheitlich neu zu denken. Anpassungsfähigkeit, Nachhaltigkeit und eine neues kognitives Ökosystem sind dabei der Schlüssel“, sagt Stefan Schrauf, Partner und Co-Lead Operations Transformation and Supply Chain Europe bei PwC Deutschland.

Nachhaltigkeit bleibt integraler Bestandteil des Wandels

Die Auswirkungen der anhaltenden Polykrise aus geopolitischen Konflikten, den Folgen des Klimawandels, steigenden Kosten und Inflation halten Supply-Chain-Executives in Atem. Insbesondere die steigenden ESG-Anforderungen bringen neue Herausforderungen mit sich: „Gesetzgeber weltweit verschärfen regulatorische Vorgaben während Verbraucher zunehmend erwarten, dass Unternehmen ihre Umwelt- und Sozialbemühungen verstärken”, sagt Schrauf und ergänzt: „Diese Trends geben neuen Lieferkettenmodellen und Wettbewerbsumgebungen einen starken Auftrieb.” Folglich erkennen mehr als 40 Prozent der von PwC befragten Unternehmen die Notwendigkeit, ihre Lieferketten ESG-konformer zu gestalten. Doch nur zwölf Prozent geben an, ihre Lieferketten bereits daran angepasst und Schlüsselfunktionen wie ein ESG-getriebenes Circular Network Design und eine ESG-Lieferkettenplanung weitestgehend implementiert zu haben. 66 Prozent haben entsprechende Initiativen bereits gestartet und 22 Prozent der Unternehmen sagen, dass sie diese Herausforderung derzeit noch nicht angehen.

Digitale Zwillinge als Chance

Zu den großen Chancen des Wandels zählen neue Technologien, die die Datensichtbarkeit erhöhen, Prozesse und Entscheidungsfindungen automatisieren, die Kommunikation und Zusammenarbeit verbessern und so Lieferketten nachhaltiger und widerstandsfähiger machen. Vor allem digitale Zwillinge, also interaktive virtuelle Replikate von physischen Objekten, Systemen und Prozessen, bieten großes Potenzial. 56 Prozent der Unternehmen prognostizieren, dass digitale Zwillinge unmittelbare Auswirkungen auf ihre Lieferketten haben werden. Weitere 37 Prozent der Unternehmen, die ihre Lieferketten technologisch vollständig angepasst haben, nutzen sie bereits in ihrer Lieferkettenplanung.

Auch Künstliche Intelligenz ist eine Schlüsseltechnologie in der Lieferkettentransformation. Die befragten Supply Chain Champions nutzen KI zum Beispiel bereits für Lieferkettenplanung, Logistik, Auftragsmanagement oder Risikomanagement, um Störungen vorhersagen und schnell reagieren zu können. Insgesamt 80 Prozent der Unternehmen glauben, dass KI langfristig positive Auswirkungen auf ihre Lieferketten haben wird.

Die Lieferkettentransformation ist PwC zufolge eine komplexe und umfangreiche Herausforderung, die parallel zum alltäglichen Geschäftsbetrieb erfolgen muss. Daher nähmen Supply-Chain-Manager häufig nur geringfügige Anpassungen vor. Doch marginale Verbesserungen von Qualität oder Service reichten nicht aus, so die Beratung.

Das Thema Lieferkettenresilienz beleuchten anhand der PwC-Studie auch Judith Schneider, Partnerin bei PwC Deutschland, und Karsten Spiekermann, Senior Manager bei PwC Deutschland, in ihrem Expertenbeitrag:

https://logistik-heute.de/fachmagazin/fachartikel/expertenbeitrag-lieferkettenresilienz-modeerscheinung-oder-fundamentaler-wandel-im-supply-chain-management-102357.html