Studie: Deutsche Unternehmen erwarten Lieferengpässe für Chips

Rund fünf Monate beträgt laut einer Bitkom-Studie aktuell die durchschnittliche Lieferverzögerung bei Halbleiter-Bauteilen beziehungsweise Komponenten in Deutschland.

Die Halbleiter-Versorgung bleibt laut einer Studie bei deutschen Unternehmen angespannt. (Symbolbild: Naka / AdobeStock)
Die Halbleiter-Versorgung bleibt laut einer Studie bei deutschen Unternehmen angespannt. (Symbolbild: Naka / AdobeStock)
Therese Meitinger

Der Mangel an Halbleitern bleibt in Deutschland ein gravierendes Problem. Neun von zehn Unternehmen (89 Prozent), die in diesem Jahr Halbleiter-Bauteile oder -Komponenten gekauft haben, hatten Schwierigkeiten bei der Beschaffung. Das sind noch einmal acht Prozentpunkte mehr als 2021, als 81 Prozent von entsprechenden Problemen berichteten. Zu diesem Ergebnis kommt eine repräsentative Befragung im Auftrag des Digitalverbands unter 404 deutschen Unternehmen ab 20 Beschäftigten aus verarbeitendem Gewerbe und ITK-Dienstleistungen – also Branchen, in denen intensiv mit Halbleitern gearbeitet wird. 86 Prozent dieser Unternehmen geben an, dass sie Halbleiter-Bauteile oder -Komponenten verwenden. Die Ergebnisse der Studie wurden am 24. Oktober veröffentlicht.

Lieferverzögerungen und Preiserhöhungen

Die in der Erhebung beschriebenen Schwierigkeiten sind dabei vielfältig: 97 Prozent der betroffenen Unternehmen machen Lieferverzögerungen zu schaffen, 93 Prozent sind mit Preiserhöhungen konfrontiert. Für 89 Prozent sind bestimmte Bauteile teilweise nicht verfügbar, bei 88 Prozent wurden die Liefermengen reduziert. Rund fünf Monate beträgt aktuell die durchschnittliche Lieferverzögerung bei Halbleiter-Bauteilen beziehungsweise Komponenten in Deutschland. Damit bleibt die Verzögerung auf hohem Niveau: Vor zwei Jahren waren es laut Bitkom 6,5 Monate.

Der Studie zufolge rechnen zwei Drittel (68 Prozent) der befragten Unternehmen damit, dass die Lieferverzögerungen 2024 zunehmen werden – 41 Prozent gehen von einer deutlichen Zunahme aus und 24 Prozent von einer leichten Zunahme. Jedes fünfte (19 Prozent) rechnet mit der Fortschreibung des Status quo. Demgegenüber geht jedes zehnte Unternehmen (zehn Prozent) davon aus, dass die Lieferverzögerungen im nächsten Jahr abnehmen.

„Ohne Chips geht in der deutschen Wirtschaft nichts. Halbleiter sind die Basistechnologie der digitalen Wirtschaft“ sagt Bitkom-Präsident Dr. Ralf Wintergerst. „Deutschland und Europa müssen einseitige Abhängigkeiten bei Halbleitern beenden.“

Für die allermeisten Unternehmen, die Halbleiterbauteile oder -komponenten verwenden, sind diese nach den Studienergebnissen für das eigene Geschäft unverzichtbar (83 Prozent). 85 Prozent haben im aktuellen Jahr 2023 bereits Halbleiter gekauft oder werden es noch tun. 39 Prozent dieser Unternehmen wissen allerdings nicht, woher diese Halbleiter überhaupt kommen. Im Übrigen dominiert Asien als Produktionsstandort. So bezieht jedes vierte Unternehmen (25 Prozent) seine Halbleiter-Bauteile aus China und 17 Prozent aus Taiwan. Südkorea (zehn Prozent) und Singapur (sieben Prozent) gehören ebenfalls zu wichtigen Halbleiter-Lieferanten. Dem gegenüber stehen die USA, von wo 21 Prozent der deutschen Käufer ihre Halbleiter-Bauteile und -Komponenten beziehen. Sechs Prozent kaufen in Israel und jeder 20. Käufer (fünf Prozent) gibt Deutschland als Produktionsland an.

Preis und Schnelligkeit entscheiden

Bei der Auswahl von Halbleiter-Lieferanten spielt das Herstellungsland beziehungsweise der Hauptsitz des Herstellers eine vergleichsweise geringe Rolle – viel wichtiger sind Faktoren der Wirtschaftlichkeit: 93 Prozent bezeichnen das Preis-Leistungs-Verhältnis als „äußerst wichtig“. 80 Prozent sagen dies über kurze Lieferzeiten und 69 Prozent über die Einhaltung der Liefermengen. Deutlich geringer sind die Werte für Kriterien, die auf die Reputation der Lieferanten bzw. geopolitische Spannungen sowie Handelskonflikte abzielen: 45 Prozent ist die Reputation des Lieferanten „äußerst wichtig“, 44 Prozent das Herstellungsland sowie 38 Prozent der Hauptsitz des Herstellers.

Wintergerst:

„Es ist nachvollziehbar, dass Unternehmen, die auf Halbleiter angewiesen sind, in erster Linie solche Lieferanten auswählen, die günstig sind und pünktlich liefern. Gleichwohl stehen Halbleiter im Mittelpunkt starker geopolitischer Interessen. Wir sollten deshalb ein komplettes Ökosystem von Unternehmen rund um Halbleiter in Deutschland und Europa aufbauen. So können wir Abhängigkeiten reduzieren und sind im Fall der Fälle weniger erpressbar.“

So sehen es laut der Bitkom-Erhebung auch die allermeisten Unternehmen in Deutschland, die Halbleiter-Bauteile und -Komponenten verwenden. 96 Prozent stimmen der Aussage zu, Deutschland solle die Förderung der heimischen Halbleiter-Industrie ausweiten. Gefragt danach, für welche Ziele eine Erhöhung der inländischen Produktion wichtig ist, werden sowohl Wettbewerbsfähigkeit (100 Prozent), technologische Souveränität (94 Prozent) und die nationale Sicherheit (93 Prozent) als besonders wichtig benannt