Studie: Absicherung industrieller Lieferketten wird immer schwieriger

Mehr als 40 Prozent der im Rahmen des „Supply Chain Check“ von Deloitte und BDI befragten Unternehmen planen, höherwertige Bereiche der Produktion zu verlagern.

Insbesondere mit Blick auf die langfristige Entwicklung hat sich der Analyse von Deloitte zufolge die Stimmung der Supply-Chain-Verantwortlichen im Industreiumfeld verschlechtert. (Symbolbild: Industrieblick / AdobeStock)
Insbesondere mit Blick auf die langfristige Entwicklung hat sich der Analyse von Deloitte zufolge die Stimmung der Supply-Chain-Verantwortlichen im Industreiumfeld verschlechtert. (Symbolbild: Industrieblick / AdobeStock)
Therese Meitinger

Die deutschen Industrie-Unternehmen blicken pessimistisch in die Zukunft: Mehr als 80 Prozent der Firmen rechnen mit rückläufigen Gewinnen. Zu diesem Schluss kommt die aktuelle Ausgabe der Studie „Supply Chain Pulse Check“ der Unternehmensberatung Deloitte und des Bundesverbands der deutschen Industrie (BDI). Denn die bei Rohstoffen und Vorprodukten stark importabhängige Industrie kann ihre globalen Lieferketten immer weniger oder nur mit hohem Aufwand absichern.

Insbesondere mit Blick auf die langfristige Entwicklung hat sich der Analyse zufolge die Stimmung der Supply-Chain-Verantwortlichen verschlechtert. 34 Prozent der befragten Unternehmen rechnen in den kommenden zwei bis drei Jahren mit einer zunehmenden Belastung ihrer Lieferketten (2023: 23 Prozent). Kurz- und mittelfristig hat sich der Ausblick dagegen entspannt: Die Zahl der Befragten, die innerhalb der nächsten drei bis zwölf Monate eine Verbesserung erwarten, ist im Vergleich zum Vorjahr gestiegen (um fünf beziehungsweise 13 Prozentpunkte).

„Die Unternehmen müssen mehr denn je alternative Szenarien für ihre Produktion und Rohstoffversorgung entwickeln“, sagt Dr. Jürgen Sandau, Partner und Lieferketten-Experte bei Deloitte. „Neben China gilt es, Länder wie Indien, Vietnam oder Indonesien stärker in Betracht zu ziehen.“ Denn geopolitische Risiken wie ein eskalierender China-Taiwan-Konflikt und zunehmende Handelskonflikte bergen aus Sicht von 64 und 58 Prozent der Befragten das größte Risiko für ihre Lieferkettenstrategie.

Verantwortliche haben Cyberrisiken auf dem Schirm

Hinzu kommen die Herausforderungen am Standort Deutschland: Vor allem die regulatorischen Anforderungen hierzulande machen den Studienautoren zufolge den Unternehmen zu schaffen. Für 75 Prozent der Befragten sind sie das größte Risiko für ihre Lieferkettenstrategie (2023: 59 Prozent). „Wir müssen sowohl im Land als auch in den Unternehmen entbürokratisieren“, sagt Lieferketten-Experte Sandau.

Die Energiepolitik (72 Prozent; 2023: 67 Prozent) und der Fachkräftemangel (71 Prozent; 2023: 65 Prozent) in Deutschland sowie die Rohstoffpreise (68 Prozent; 2023: 73 Prozent) werden ähnlich kritisch gesehen. Die Sorge um Cyberangriffe ist nun ganz oben auf der Agenda der Lieferketten-Verantwortlichen angekommen. Bei der jüngsten Befragung im Herbst 2023 war das Thema lediglich für 31 Prozent der Unternehmen kritisch. Heute stellt es für 67 Prozent ein Risiko für die Lieferketten-Strategie dar.

Der Trend zu weiteren Verlagerungen ist entsprechend groß. Knapp jedes zweite Unternehmen (49 Prozent) hat Teile seiner Wertschöpfung bereits verlagert und beabsichtigt, dies weiterhin zu tun. 42 Prozent planen, künftig höherwertige Bereiche der Produktion zu verlagern.

„Häufig sehen wir hierzulande nur noch Erhaltungsinvestitionen, aber keine Erweiterungsinvestitionen mehr. Wenn sich diese Entwicklung fortsetzt, entsteht der Wohlstand der Zukunft nicht mehr in Deutschland“, so Sandau.

In der Frage der Deindustrialisierung erwarten die Firmen wenig Unterstützung. Nur knapp ein Drittel (31 Prozent) von ihnen ist der Ansicht, dass die Politik die Gefahr der Deindustrialisierung erkannt hat oder gar die Wende ermöglichen wird. Ein Großteil der Unternehmen (86 Prozent) wünscht sich mehr Investitionen und Innovationen hierzulande, damit der Standort im globalen Wettbewerb mithalten kann.

KI und Kreislaufwirtschaft als Hoffnungsträger

Zugleich zeigt der aktuelle Supply Chain Pulse Check ein Bemühen der Unternehmen um den Standort. 72 Prozent geben an, dass sie ihre Produktion digitalisieren, um in Deutschland weiterhin erfolgreich zu sein. Neue Technologien, insbesondere Künstliche Intelligenz, haben nach Ansicht von 63 Prozent das Potenzial, die Produktivität zu steigern und Mehrkosten hierzulande auszugleichen.

Zirkuläres Wirtschaften wird von 69 Prozent der Befragten als vielversprechendes Mittel gesehen, um ihre Abhängigkeit von kritischen Rohstoffen zu mindern. Zwei Drittel (66 Prozent) geben an, dass damit die Kosten entlang der Lieferkette reduziert werden können.

„In vielen Industrie-Unternehmen gibt es nach wie vor Einsparpotenzial“, sagt Oliver Bendig, Partner und Leiter des Industriegeschäfts bei Deloitte. „Hier lohnt sich eine umfassende Analyse mehr als eine vorschnelle Verlagerung.“

Für die dritte Ausgabe des Supply Chain Pulse Check haben Deloitte und BDI zusammen mit dem Service-Verband ISLA mehr als 120 Lieferketten-Verantwortliche befragt. Sie sind überwiegend in Großunternehmen in den Branchen Maschinenbau/Industriegüter, Automobil, Chemie, Bauwesen sowie Transport und Logistik tätig. Die Befragung fand im April und Mai 2024 statt.