Stephanie Burghart / Sonax: „Man kann niemals alle Risiken abdecken“

Im Gespräch mit LOGISTIK HEUTE erklärt Dr. Stephanie Burghart, Chief Procurement Officer beim Autopflegespezialisten Sonax, die von ihr entwickelte integrierte Beschaffungsrisikoanalyse.

Dr. Stephanie Burghart ist Chief Procurement Officer von Sonax. (Bild: Sonax)
Dr. Stephanie Burghart ist Chief Procurement Officer von Sonax. (Bild: Sonax)
Therese Meitinger

Wie sieht ein effizientes Risikomanagement für die Beschaffung eines mittelständischen Industrieunternehmens aus? Mit dieser Frage hat sich Dr. Stephanie Burghart im Rahmen ihrer Doktorarbeit ebenso beschäftigt wie in ihrer Position als Chief Procurement Officer beim Neuburger Autopflegespezialist Sonax. Die ABC-Analyse sah und sieht sie in diesem Zusammenhang kritisch, wie sie im Interview mit LOGISTIK HEUTE berichtet.

„Wir beschaffen bei Sonax ungefähr 300 verschiedene Rohstoffe. Die ABC-Analyse geht ja vom Wert des Beschaffungsvolumens aus; was für Handelsunternehmen gut funktioniert, ist bestenfalls suboptimal für Industrieunternehmen“, so Burghart.

Sie erinnert an Fälle, in denen Autohersteller ihre teuren Luxuswägen nicht vom Hof bekommen haben, weil simple Kleinartikel mit Beschaffungskosten im Centbereich gefehlt haben.

Auf der Suche nach einer Methodik, die für Industrieunternehmen geeignet ist, wurde Burghart zunächst nicht fündig. So entwickelte sie im Rahmen ihrer Promotion die Herangehensweise, das Risiko von Zukaufteilen wie Rohstoffen gemäß ihrem Einfluss auf den Unternehmenserfolg – Umsatz oder Deckungsbeitrag – zu bewerten. Der Grundstein für die „Integrierte Beschaffungsrisikoanalyse“ (IBR) war gelegt.

Beschaffungsrisiken an Unternehmenserfolg koppeln

Konkret wurde die IBR jedoch erst, als bei Sonax eine findige IT-Kollegin einen Weg fand, das Beschaffungsvolumen mit den Umsätzen der Verkaufsartikel zu verknüpfen, die sie beeinflussen.

„Sie hat eine Aufstellung aller Rohstoffe erstellt, die wie im Jahr zuvor gekauft hatten, und sie dem Umsatz der Verkaufsartikel gegenübergestellt, die ohne diese Rohstoffe nicht möglich gewesen wäre“, erklärt die Sonax-CPO.

Ein Überraschungsbefund damals: Ein Rohstoff, der vom Beschaffungsvolumen her an 267. Stelle von 300 Positionen lag, beeinflusste etwa die Hälfte des Unternehmensumsatzes von Sonax.

Kann die IBR also ein Ansatz sein, um möglichst viele Beschaffungsrisiken zu erfassen und abzuwehren? Ganz im Gegenteil, sagt Stephanie Burghart. Man könne niemals wirklich alle Risiken abdecken. Deswegen bräuchten alle Beteiligten Mut zur Lücke, um immer wieder gemeinsam zu entscheiden, was man als Risiko begreift – und was nicht.

Das komplette Interview mit Dr. Stephanie Burghart lesen Sie in Ausgabe 1-2/2024 von LOGISTIK HEUTE. Sie ist am 21. Februar erschienen.       

Reizthema LkSG

„Wünschen ist gut. Machen ist besser. Faire Lieferketten“ – heißt es in einem Video des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales zum deutschen Lieferkettensorgfaltspflichtengesetz (LkSG). Anders als die geplante Corporate Sustainability Due Diligence Directive (CSDDD) der EU, zu der es zu Redaktionsschluss noch keine Einigung gab, greift das „deutsche Lieferkettengesetz“ bekanntermaßen bereits.