Seefracht-Trends: Die ununterbrochen unterbrochene Lieferkette

FourKites sieht in seinem „Global Ocean Report“ ein schwieriges erstes Halbjahr 2022 – und prognostiziert Entspannung im Pricing.

Von Lockdowns im Zuge der No-Covid-Politik der chinesischen Staatsführung waren mehrere chinesische Häfen direkt oder indirekt betroffen - darunter auch der hier im Normalbetrieb abgebildete Containerhafen Shenzhen. (Bild: Weiming / AdobeStock)
Von Lockdowns im Zuge der No-Covid-Politik der chinesischen Staatsführung waren mehrere chinesische Häfen direkt oder indirekt betroffen - darunter auch der hier im Normalbetrieb abgebildete Containerhafen Shenzhen. (Bild: Weiming / AdobeStock)
Therese Meitinger

Der US-amerikanische SCM-Plattformanbieter FourKites hat in seinem „Global Ocean Report“ die Entwicklung der Seefracht im ersten Halbjahr 2022 genauer beleuchtet und prognostiziert künftige Trends. In dem Whitepaper, das LOGISTIK HEUTE exklusiv für die deutschen Medien vorliegt, schildert das IT-Unternehmen ein herausforderndes Umfeld: Mehrere disruptive Ereignisse hätten in den ersten sechs Monaten Verweilzeiten in den Terminals, den „Verstopfungsgrad“ der Häfen und die Häufigkeit der Unterbrechungen des normalen Geschäftsbetriebs ansteigen lassen, heißt es. Im Importbereich lagen FourKites zufolge in den ersten fünf Monaten 2022 Verweildauern in den internationalen Häfen im Durchschnitt 20 Prozent oder mehr über dem Vergleichszeitraum 2021.

Den größten disruptiven Einzelfaktor sieht der Report dabei in den Lockdowns im Zuge der chinesischen No-Covid-Politik: Beginnend mit den Lockdowns in Shenzhen ab dem 13. März war zunächst eine Reduktion des verschifften Seefrachtvolumens in der Provinz Guangdong von bis zu 32 Prozent zu beobachten. Ähnlich habe sich die Situation in Shanghai dargestellt, heißt es. Während pandemiebedingte Shutdowns zuletzt etwas nachließen, geht das Unternehmen von anhaltenden Störungen auch für das restliche Jahr aus.

Auch wenn weltweit der wirtschaftliche Druck zunahm, hielten sich dem Report zufolge die per Seefracht verschifften Volumen auf einem hohen Level. Die Preissteigerung hat laut FourKites in diesem Segment deutlich nachgelassen: So lag laut Drewry der Durchschnittswert World Container Index zum 30. Juni bei 8.421 Dollar für einen 40-Fuß-Container. Damit lag er um 16 Prozent unter dem Vorjahreswert, aber um 4.903 Dollar höher als das Fünfjahresmittel. Innerhalb des ersten Halbjahres 2022 zeigt sich jedoch eine Abwärtsbewegung im Pricing: Ein Höchststand lag im Januar 2022 bei 9.698 Dollar.

Weitere Belastungen drohten aktuell mit Blick auf mögliche Auswirkungen potenzieller Rezessionen auf die USA und Europa – beides ausgewiesene Konsumentenmärkte, so FourKites.

Politische Krisen, Arbeitskämpfe, No-Covid-Politik

Shutdowns im Zuge der chinesischen No-Covid-Politik seien nicht der einzige Störfaktor in der Seefracht in der ersten Jahreshälfte gewesen, argumentiert der Anbieter: In diesem Zeitraum habe der weltweite Fachkräftemangel sowie politische Konflikte wie etwa der Ukrainekrieg oder Arbeitskämpfe etwa an der US-Westküste und europäischen Häfen zu Supply-Chain-Unterbrechungen geführt. Das wiederum habe Verspätungen, Materialengpässe, Preisexplosionen, ansteigenden Frachtraten und begrenzte Produktverfügbarkeiten nach sich gezogen. Der Ukrainekonflikt ließ den FourKites-Daten zufolge das russische Importvolumen im ersten Halbjahr 2022 um 89 Prozent zurückgehen, in der Ukraine lag der Wert bei 59 Prozent. In nord- und osteuropäischen Häfen legten die Verweildauern für Seefracht um bis zu 13 und zwölf Prozent zu. 

„Der Faktor, der Spediteuren und den wirtschaftlichen Eigentümern der Fracht, am meisten zu schaffen gemacht hat, lag in der beschränkten Vorhersagbarkeit der Services“, sagt Glenn Koepke, General Manager of Network Collaboration, gegenüber LOGISTIK HEUTE.

Mit „Service“ bezieht er sich auf die Zuverlässigkeit, mit der ein Schiff und ein Container ihre Ziele im Vergleich zu der angekündigten Ankunftszeit erreichen.

„Bedingt durch eine Vielzahl von Faktoren fielen die Pläne sehr inkonsistent aus und dann schufen Verzögerungen, Geschwindigkeitsreduzierungen zur Treibstoffeinsparung, Störungen im Hafenbetrieb, Herausforderungen an den Terminals und andere Faktoren eine Umgebung, in der Unternehmen nur noch wussten, dass sich ihre Ware irgendwo auf dem Wasser befindet – ohne zu ahnen, wann ihre Ware tatsächlich bei ihnen ankommt“, schildert Koepke. 

Die Holiday-Season könnte entspannter ausfallen

Dass die durchschnittliche Zeit für das weltweite Mittel einer Ozeanüberquerung gegenüber dem Höchststand von 49 Tagen im ersten Halbjahr 2022 dennoch um sechs Tage abnahm, wertet der Report jedoch als Zeichen der Entspannung in der verstopften Seefracht. Auch der Druck, den die „Holiday Shopping Season“ – also die Zeit vor und um Thanksgiving und Weihnachten – auf die Seefracht ausübt, könnte angesichts der Inflation geringer ausfallen, vermutet FourKites: Verbraucher stellten eine erhöhte Preissensibilität und Konsumzurückhaltung zur Schau.

Der Report prognostiziert, dass sich die Situation in der Seefracht noch über mehrere Monate hinweg angespannt gestalten wird und sich auch in der ersten Jahreshälfte 2023 nicht wesentlich verbessern wird. Die Unsicherheiten aus dem Ukrainekrieg, Treibstoffpreisen und der wirtschaftlichen Rezession erschweren eine Vorhersage zusätzlich. Hinzu kommen die Notwendigkeit zur Dekarbonisierung und  ESG-Anforderungen.      

Bezüglich des Pricings geht FourKites davon aus, dass Frachtraten – auch wenn sie zuletzt deutlich zurückgingen – sich im Vergleich zu Vor-Pandemie-Zeiten auf einem erhöhten Niveau halten werden. Während am Spotmarkt weiter eine hohe Preisvolatilität herrsche, werde das Pricing im Kontraktmarkt perspektivisch deutlich zurückgehen – die Reedereien hätten schließlich ein hohes Interesse an einem kontinuierlichen Frachtvolumen vonseiten der Spediteure, besagt der Report. Dies führe in den ersten Monaten von 2024 zu einer Preisstabilisierung.

Ohne Sicherheitsbestand geht es nicht

Unabhängig davon geht Glenn Koepke jedoch davon aus, dass die anhaltende Disruption in der maritimen Lieferkette viele Unternehmen ihre Supply Chain auf den Prüfstand stellen lässt:

„Die größte Anpassung, die die Besitzer der Fracht vornehmen werden, betrifft die Menge von Absicherungs- und Sicherheitsbestand, der in den Planungsprozess miteinberechnet werden muss. Das Vertrauen in die End-to-End-Distribution von Gütern ist schließlich verloren gegangen“, sagt er.

Supply Chains funktionierten immer dann gut, wenn es Vorhersagbarkeit UND Konsistenz gebe, doch beides fehle seit nunmehr drei Jahren, so Koepke weiter. Daran werde sich auch 2023 wenig ändern.

„So sieht die neue Norm für Supply Chains aus – und die einfache Konsequenz daraus ist, dass jeder mit unerwarteten Ereignissen planen und sich gegen diese absichern muss. Das Standard-Service-Level in der Supply Chain aufrechterhalten zu können, wird dementsprechend immer kostspieliger werden“, sagt der Experte.