SCRM: Warum die Halbleiterindustrie ein Spiegelbild der Weltwirtschaft ist

Die jüngsten Engpässe in der Produktion und Lieferung von Halbleitern haben massive Auswirkungen auf verschiedene Industrien. Mirko Woitzik, Global Director, Intelligence Solutions beim SCRM-Spezialisten Everstream Analytics, ordnet die aktuelle Situation ein und gibt einen Ausblick auf die Auswirkungen für globale Lieferketten.

Die Lieferketten für Halbleiter werden sich diversifizieren, prognostiziert Mirko Woitzik, Global Director, Intelligence Solutions bei Everstream Analytics. (Symbolbild: Naka / AdobeStock)
Die Lieferketten für Halbleiter werden sich diversifizieren, prognostiziert Mirko Woitzik, Global Director, Intelligence Solutions bei Everstream Analytics. (Symbolbild: Naka / AdobeStock)
Therese Meitinger

Lieferketten unter Dauerstress

Globale Lieferketten waren in den letzten Monaten einem echten Stresstest ausgeliefert. Neben den anhaltenden Covid-Lockdowns in China, die Produktion und Logistik weiterhin zum Erliegen bringen, gibt es weitere globale Faktoren, die sich auf Halbleiterlieferketten auswirken.

  1. Ein unberechenbarer Störfaktor für die Halbleiterindustrie ist der Klimawandel. Dürren destabilisieren die Chipproduktion in zweierlei Hinsicht. Erstens könnte die Verknappung der Wasserversorgung die Produktion direkt lahmlegen, da die Herstellung integrierter Schaltkreise einen hohen Wasserverbrauch hat. Zweitens können Dürren bei Anlagen in Gebieten, die auf Wasserkraft angewiesen sind, auch die Stromversorgung beeinträchtigen. Zum Beispiel hat die Stromrationierung in Sichuan im August die Produktion bei Intel für über zehn Tage zum Erliegen gebracht.
  2. Die Gesamtnachfrage nach Halbleiterchips ist aufgrund der steigenden Inflation und der sich abschwächenden globalen Wirtschaftsaussichten weiterhin rückläufig. Die koreanischen Chiphersteller verzeichneten im Juli einen Rückgang der Auslieferungen um 22,7 Prozent gegenüber dem gleichen Monat des Jahres 2021, und auch die Chiphersteller in Taiwan verzeichneten im Juni und Juli einen Rückgang der Produktionszahlen. Es wird erwartet, dass sich die Lieferketten für Chips der Unterhaltungselektronik in den kommenden Monaten entspannen werden, da die Lagerbestände steigen.
  3. Die Halbleiterhersteller in Europa könnten aufgrund der steigenden Energiepreise ihre Produktion drosseln. So warnte Robert Bosch im Juli, dass der Betrieb in seinem Halbleiterwerk in Dresden eingestellt werden könnte, wenn Russland die Gaslieferungen vollständig einstellt. Die Gaskrise könnte sich außerdem auf die Chipindustrie auswirken, weil die Produktion von Zulieferern, die stärker von Erdgas abhängig sind, gestört wird.
  4. Der Handelskrieg zwischen den USA und China verschärft die Situation. Die sogenannten Export Administration Regulations (EAR), gefährden die Halbleiterproduktion in China selbst, führen aber auch zu Störungen an anderen Standorten. So sind beispielsweise viele Halbleiterunternehmen, die in Singapur tätig sind, auf US-Technologie angewiesen und exportieren Anlagen nach China. Als regionales Produktions-, Forschungs- und Entwicklungszentrum liefert Singapur etwa elf Prozent der weltweiten Halbleiter und rund 20 Prozent der Chip-Herstellungsanlagen.

Ausblick: Diversifizierung der Halbleiter-Lieferketten

Gerade die angespannte Lage in China führt merkbar zu einem Wandel in der gesamten Branche. Everstream hat den Wunsch von Unternehmen, China zu verlassen, erstmals 2019 festgestellt. Indien, Vietnam und die EU kristallisierten sich als die Hauptanwärter heraus. Vor allem Technologieunternehmen wollen unabhängiger werden und sich von den Unwägbarkeiten des chinesischen Marktes abkoppeln. Apple ist ein Paradebeispiel dafür.

Die großen Chiphersteller investieren massiv in den Ausbau ihrer Produktionsanlagen. Diese Art von Verlagerung ganzer Produktionsstandorte ist jedoch nicht nur kostspielig, sondern auch extrem komplex: Unternehmen brauchen eine Lieferantenbasis, die Aufnahme neuer Lieferanten ist sehr kostspielig, Logistikkapazitäten müssen geschaffen werden. Deswegen verlief die Umstellung langsam, ist aber nun im Gange.

Die Abkehr von China ist auch in anderen Sektoren zu bemerken. Aktuell herrschen in der Pharmabranche Engpässe bei der Produktion und Lieferung von Medikamenten. Viele Unternehmen wollen jetzt vermehrt auf Europa als Produktionsstandort setzen.

Dieser Trend wird anhalten. Gerade die letzten zwei Jahre haben gezeigt, wie anfällig globale Lieferketten sind und welche Folgen die Abhängigkeit von einem Lieferanten haben kann. Unternehmen sollten ihre Zulieferer daher weiter diversifizieren und breiter aufstellen, um Single-Sourcing-Probleme zu vermeiden. 

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