SCRM: Risikoprävention bleibt SCM-Schwachstelle

Laut einer Studie von BME und Riskmethods unterschätzen Unternehmen auch oft die Risiken, die sich bei Sublieferanten ergeben.

Wie sich die Risikolandschaft in den letzten zwölf Monaten entwickelt? Das haben der BME und Riskmethods in einer gemeinsamen Studie untersucht. (Foto: stockWERK / Fotolia)
Wie sich die Risikolandschaft in den letzten zwölf Monaten entwickelt? Das haben der BME und Riskmethods in einer gemeinsamen Studie untersucht. (Foto: stockWERK / Fotolia)
Therese Meitinger

Die Risiken in den globalen Märkten und Lieferantennetzwerken nehmen weiter zu. So gut wie jedes Unternehmen ist davon betroffen. Doch die wenigsten halten Maßnahmenpläne parat, um im Ernstfall schnell auf Lieferausfälle reagieren zu können. Das ist eines der Ergebnisse der Studie „Supply Chain Risk Management – Herausforderungen und Status quo 2020“, die der Bundesverband Materialwirtschaft, Einkauf und Logistik (BME) und das auf SCRM spezialisierte IT-Unternehmen Riskmethods laut einer Mitteilung vom 20. November zum dritten Mal durchgeführt haben.

Plötzliche Lieferausfälle finden demzufolge regelmäßig statt: Laut Umfrage berichtet jedes zweite Unternehmen von bis zu fünf Störungen innerhalb eines Jahres, die den Geschäftsablauf beeinträchtigt haben. Das ist eine Steigerung von 28 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Nur 14 Prozent der Firmen sind nach Studienangaben in den vergangenen zwölf Monaten verschont geblieben. Trotzdem habe nur ein Viertel der Befragten Notfallpläne definiert, um auf Störungen vorbereitet zu sein, geben die Studienautoren an, – obwohl die Folgen von Lieferkettenunterbrechungen gravierend seien. Über der Hälfte der Befragten beklagt Umsatzverluste, Produktivitätseinbußen (+sieben Prozent zum Vorjahr) und erhöhte Betriebskosten (+acht Prozent).

„Einkäufer, Logistiker und Supply Chain Manager haben sich in den vergangenen Jahren mit einer Vielzahl von Krisen auseinandersetzen müssen. Allein die Lockdowns aufgrund der Corona-Pandemie ließen viele Lieferketten rund um den Globus stocken oder gar reißen. Deshalb gilt es, sich für künftige Engpässe bestmöglich zu rüsten und mögliche Störungen in der Lieferkette durch ein proaktives Risikomanagement signifikant zu verringern oder komplett auszuschalten“, betont BME-Hauptgeschäftsführer Dr. Silvius Grobosch.

Corporate Social Responsibility verstärkt gefragt

Politische Risiken stehen der Erhebung zufolge weiterhin an erster Stelle der Gefährdungen. Es folgen Lieferanteninsolvenz- und Cyber-Sicherheitsrisiken, die gegenüber der letzten Umfrage deutlich um 50 Prozent beziehungsweise 18 Prozent häufiger genannt werden. Auch die Themen Nachhaltigkeit und Compliance sind laut der Studie aktueller denn je. Die Unternehmen sähen sich strengeren Sorgfalts- und Haftungsregeln, wie etwa durch das geplante Lieferkettengesetz, ausgesetzt, heißt es. Mehr als die Hälfte der Befragten befürchtet schwere und sogar existenzbedrohende Schäden für das Unternehmen, wenn auf den Zulieferstufen soziale und ökologische Standards nicht eingehalten werden und dadurch Imageschäden, Umsatzverluste oder Bußgelder drohen. Das Pandemierisiko wurde laut BME und Riskmethods erstmals zur Liste hinzugefügt und steht an fünfter Stelle.

Ein Problem: Unternehmen überwachen mehrheitlich ihre direkten Lieferanten. Immer häufiger werden Unterbrechungen aber von Sub-Lieferanten verursacht, wie 45 Prozent der Befragten melden. Doch nur 24 Prozent haben die tieferen Lieferebenen auf dem Radar, das heißt drei Viertel der Firmen wissen nicht, wo sie am anfälligsten sind. Acht Prozent können die Quelle der Störung gar nicht identifizieren. Und nur sechs Prozent quantifizieren die finanziellen Folgen. Das sei erstaunlich, wenn man bedenkt, dass jede fünfte Lieferkettenunterbrechung Schäden zwischen einer Viertel und einer Million Euro und mehr nach sich ziehe, geben BME und Riskmethods an.

Mehr als die Hälfte (63 Prozent) der Teilnehmer erfährt laut der Erhebung von Problemen bei Sub-Lieferanten nach eigener Einschätzung gar nicht oder zu spät.

„Dadurch sind sie nicht in der Lage, zeitnah die richtigen Maßnahmen zur Schadensreduktion zu ergreifen. Das kann zu höheren Einkaufspreisen bei alternativen Lieferanten oder der kompletten Nichtverfügbarkeit von Komponenten führen – beides Mal ein hohes Verlustgeschäft. Mehr Transparenz im gesamten Liefernetzwerk hilft, finanzielle Schäden und Produktionsausfälle zu vermeiden“, erklärt Heiko Schwarz, Chief Revenue Officer und Gründer von Riskmethods.

Fast jedes zweite Unternehmen (44 Prozent) reagiert erst dann, wenn eine Störung in der Lieferkette schon eingetreten ist. Überwiegend reduziert sich die Risikoüberwachung auf die Lieferantenanalyse und -bewertung. Indikatoren wie Qualität und Performance (79 Prozent) sowie Finanzkennzahlen und Bonitäten (71 Prozent) stehen dabei im Vordergrund. Frühwarnzeichen wie Veränderungen beim Lieferanten oder globale Länder- und Standort-Risiken (zum Beispiel Naturkatastrophen, Streiks, Brände und Explosionen an Standorten oder Logistikknotenpunkten) hat weniger als die Hälfte der Firmen kontinuierlich auf dem Radar. Cyber-Risiken überwachen gerade einmal zwölf Prozent

Alle diese Risiken im Griff zu haben, setzt laut Riskmethods und dem BME ein umfassendes Risikomanagement voraus. 67 Prozent der Einkaufs- und Supply-Chain-Manager halten das auch für wünschenswert, verfügen aber oft nicht über die notwendigen Kapazitäten und Budgets, zum Beispiel für den Einsatz moderner Technologie und digital gestützter Analytik, ohne die das für eine durchgängige Risikoüberwachung nötige Sammeln von Daten und Einrichten von Informationsflüssen nicht möglich ist. Nur acht Prozent der Unternehmen überwachen ihre Risiken automatisiert, 58 Prozent behelfen sich manuell mit Excel-Tabellen.

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