SCM: Verspätungen durch Hafen-Lockdown in Vietnam

In puncto Frachtraten sieht eine Analyse von Setlog jedoch einen Hoffnungsschimmer am Horizont.

Containerschiffe aus Vietnam waren in diesem Jahr laut Daten aus dem SCM-System "OSCA" bis zu 52 Tage unterwegs. (Foto: Fotolia / Ralf Gosch)
Containerschiffe aus Vietnam waren in diesem Jahr laut Daten aus dem SCM-System "OSCA" bis zu 52 Tage unterwegs. (Foto: Fotolia / Ralf Gosch)
Therese Meitinger

Bereits seit Monaten machen sich beim Import von Konsumgütern aus Fernost hohe Transportkosten und fehlende Frachtkapazitäten bemerkbar. Nach Analysen des Bochumer IT-Unternehmens Setlog werden im vierten Quartal wohl einige Firmen zusätzlich die Auswirkungen des Lockdowns in Vietnam und die Folgen der immer wieder unterbrochenen Stromversorgung für chinesische Fabriken spüren. Nach Ansicht des Anbieters wird sich demnach die Situation bis nach Weihnachten nicht wesentlich verändern. Frühestens ab dem Osterfest 2022 werde es signifikante Erleichterungen geben, prognostizieren die SCM-Spezialisten in einer Pressemitteilung vom 12. Oktober.

Das Unternehmen beruft sich dabei auf eine Auswertung der Daten von 100 Firmen und Marken aus den Jahren 2019 bis 2021 aus, die Setlogs SCM-Software „OSCA“ nutzen.  Aus dem Zahlenmaterial berechnete Setlog, dass sich Produkte aus Vietnam um durchschnittlich bis zu 25 Tage verspäten, ehe sie hierzulande in den Warenlagern eintreffen. Dafür verglichen die Analysten nach Firmenangaben Daten aus der zweiten Jahreshälfte 2019 mit denen von 2021. Der Auswertung zufolge kommen überhaupt nur 17 Prozent aller Lieferungen pünktlich an. Im Jahr 2019 waren es 70 Prozent, 2020 rund 38 Prozent.

Die Analysten sahen sich der Mitteilung zufolge speziell den Seefrachtbereich an. Die Transportzeit für Container aus Fernost verlängerte sich der Erhebung zufolge im Schnitt um neun Tage. Die Stahlboxen sind demnach dieses Jahr bis zu 52 Tage auf Reisen. Doch nicht nur die Lieferungen aus vietnamesischen Häfen verspäteten sich, auch Waren aus China träfen deutlich später ein als im Jahr 2019, so die Mitteilung. Beispiel Schanghai: Die Transportzeit bis zum Lager betrug laut Setlog vor zwei Jahren im Schnitt 37,1 Tage, 2020 bereits 41,5 Tage und 2021 schließlich 47,6 Tage. Noch deutlicher waren die Unterschiede bei der Analyse des Hafens Yantian (27,6 Tage, 37,8 Tage und 43 Tage).

Lockdown trifft unter anderem Apple, Adidas und Nike

Unternehmen, die statt eines Schiffs die Bahn als Transportmittel aus dem Reich der Mitte nach Europa bevorzugten, mussten dem IT-Anbieter zufolge zum Teil ebenfalls tagelange Lieferverspätungen hinnehmen. Grund hierfür seien Kapazitätsengpässe und verzögerte Abfertigungen an mehreren Zollübergängen gewesen, so der Anbieter. Die Analysten von Setlog sehen in ihren Auswertungen, dass Buchungen für die Bahn vier bis sechs Wochen vor dem Abfahrttermin des Güterzugs gemacht werden.

Stark betroffen vom Lockdown in Vietnam sind laut dem Unternehmen unter anderem Apple, Adidas und Nike. Der US-Anbieter beispielsweise lässt die Hälfte der Nike-Schuhe und ein Drittel der Kleidung am Mekong produzieren und verlor schon zehn Produktionswochen. Setlog rechnet damit, dass es noch Monate dauern wird, bis sich die gesamten Lieferketten wieder erholt haben.

„Viele Fabrikarbeiter sind von den Städten aufs Land geflohen, um zu überleben, weil es keine Arbeit gab, die Fabriken geschlossen waren oder nur Wochenschichten gemacht werden konnten“, betont Ralf Düster, Mitglied des Setlog-Vorstands.

Er rechnet damit, dass es weitere Produktionsverlagerungen aus dem Land geben wird, das in jüngster Zeit für viele Unternehmen als Alternative zu China gewählt wurde.

In puncto Frachtraten sieht Düster einen Hoffnungsschimmer am Horizont. Die Raten pendelten sich in den vergangenen Wochen ein, es gäbe sogar erste Ratenreduzierungen – wenngleich auf einem Niveau das, je nach Relation, Reederei und Loop, dem Sechs- bis Achtfachen dessen vor der Pandemie entspricht.

„Ausreißer wie die 20.000 US-Dollar für den Transportauftrag eines 40-Fuß High Cube-Container aus Fernost im Sommer sind momentan nicht zu beobachten“, sagt Düster.

Die vorab bezahlten (prepaid) Raten sanken Setlog zufolge zum Teil um etwa 1.500 US-Dollar. Einige Reedereien wollen demnach ihre Raten einfrieren. Auch die Verfügbarkeit von Seecontainern habe sich leicht entspannt, so der Anbieter. Sie seien auf fast allen Strecken verfügbar, nur in Einzelfällen komme es noch zu Problemen.

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