SCM-Studie: Ohne Nearshoring keine Resilienz

In der Coronakrise setzten laut einer McKinsey-Studie SCM-Manager vor allem auf Ad-hoc-Maßnahmen wie die Erhöhung der Lagerbestände.

Ihre Lieferketten künftig regionaler anzulegen, haben sich zu der Coronakrise viele SCM-Manager vorgenommen. Umgesetzt haben es wenige. (Foto: TMLsPhotoG / AdobeStock)
Ihre Lieferketten künftig regionaler anzulegen, haben sich zu der Coronakrise viele SCM-Manager vorgenommen. Umgesetzt haben es wenige. (Foto: TMLsPhotoG / AdobeStock)
Therese Meitinger

Lieferkettenmanager stehen weltweit unter Druck: Über 90 Prozent investierten zwar während der Coronakrise, um ihre Lieferketten widerstandsfähiger gegen externe Störungen zu machen. Öfter als geplant jedoch griffen Supply Chain Manager zur Ad-hoc-Maßnahme, nur die Lagerbestände zu erhöhen. Und auch weniger häufig als geplant setzten sie auf Langfristeffekte, indem sie ihre Zuliefererbasis regionalisierten. Das sind die zentralen Ergebnisse einer kürzlich veröffentlichten Vergleichsstudie, für welche die Unternehmensberatung McKinsey & Company weltweit über 70 Supply Chain Manager führender Unternehmen befragt hat – 2020 zum ersten Mal und in diesem Jahr erneut.

Weitere Ergebnisse laut McKinsey: Digitale Technologien kommen heute deutlich häufiger zum Einsatz als zu Beginn der Pandemie, zum Beispiel Echtzeit-Monitoring oder auf künstlicher Intelligenz (KI) basierende Analytik.

Die Umfrage beziffert auch den eklatanten Mangel an IT-Fachkräften im Bereich Supply Management: 2021 verfügten ihr zufolge nur ein Prozent der befragten Unternehmen über genügend IT-Fachkräfte.

„Im Zuge des Digitalisierungsschubs wird der Bedarf an IT-Qualifikationen noch mehr zum Flaschenhals, als er es ohnehin schon gewesen ist“, berichtet Vera Trautwein, McKinsey-Expertin für Supply Chain Management und Mitautorin der Studie. „Damit nehmen auch die Handlungsspielräume dramatisch ab.“

2020 hatten immerhin der Vorgängerstudie zufolge noch zehn Prozent der befragten Supply Chain Manager auf ausreichend Experten mit entsprechendem IT-Know-how in ihren Abteilungen zurückgreifen können.

Anspruch und Wirklichkeit klaffen auseinander

Wie haben die Supply Chain Manager in der Krise konkret agiert? Fast alle Befragten (92 Prozent) haben in die Widerstandsfähigkeit ihrer Lieferketten investiert, 80 Prozent zudem in digitale Supply-Chain-Technologien. Aber während 40 Prozent der Befragten 2020 im ersten „Supply Chain Pulse“ von McKinsey noch ein Nearshoring und den Ausbau ihrer Lieferantenbasis geplant hatten, haben dies schließlich doch nur 15 Prozent auch in die Tat umgesetzt. Stattdessen bauten deutlich mehr Manager als erwartet, 42 gegenüber 27 Prozent, ihre Lagerbestände aus.

Die Vergleichsstudie 2020/21 zeigt McKinsey zufolge auch: Supply Chain Manager haben je nach Branche sehr unterschiedlich in der Krise agiert. Healthcare dürfe als Vorreiter bei der Regionalisierung der Lieferkette gelten, so das Beratungsunternehmen: 60 Prozent der Befragten in der Branche haben, wie von ihnen auch angekündigt, tatsächlich Beschaffung, Produktion und Vertrieb auf eine Region wie Europa oder Nordamerika konzentriert. Dies hatten in der Studie 2020 auch 33 Prozent der Unternehmen aus der Automobil-, Luft- und Raumfahrt- und Verteidigungsindustrie angekündigt. Umgesetzt haben dies letztlich nach eigenen Angaben aber nur 22 Prozent. Und das, obwohl mehr als drei Viertel der Supply Chain Manager dieser Maßnahme Priorität eingeräumt hatten. Die Branchen Chemie und Rohstoffe nahmen die wenigsten Veränderungen an ihren Lieferketten vor.

Über Jahre haben sich die Lieferketten zu einem hochfrequenten sensiblen Organismus entwickelt. Konsequent globalisiert, auf die Schwankungen der Verbraucherwünsche optimiert und mit möglichst geringer Lagerhaltung, um Kosten zu sparen.

„Diese Strategie hat die Unternehmen verwundbar gemacht“, stellt McKinsey-Partner Knut Alicke fest.  „Und in der Krise wurden eher kurzfristig wirksame Maßnahmen ergriffen.“

In der Folge seien Lieferketten noch nicht widerstandsfähig genug sind, um künftige Störungen zu verhindern.

„Für Unternehmen bleibt das Nearshoring der Lieferanten mittel- bis langfristig ein Schlüsselfaktor, um ihre Krisenfestigkeit zu erhöhen.“

Daneben seien Ausbau und Nutzung digitaler Technologien aber die zentralen Faktoren für resiliente Lieferketten.

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