SCM: Expertin erwartet Ausweitung der Lieferengpässe

Jane Enny van Lambalgen von der UNO-Denkfabrik Diplomatic Council geht davon aus, dass China zum Flaschenhals für die Weltwirtschaft wird.

Jane Enny van Lambalgen ist beim Diplomatic Council Interim Manager für Strategie, Operational Excellence, Turnaround und für Digital Transformation. (Foto: Diplomatic Council)
Jane Enny van Lambalgen ist beim Diplomatic Council Interim Manager für Strategie, Operational Excellence, Turnaround und für Digital Transformation. (Foto: Diplomatic Council)
Therese Meitinger

Die weltweiten Lieferengpässe werden sich in den kommenden Monaten auf immer mehr Segmente ausweiten – das prognostiziert Jane Enny van Lambalgen, Produktions- und Logistikexpertin bei der UNO-Denkfabrik Diplomatic Council. In einem Statement vom 28. Oktober rechnet sie damit, dass die angespannte Liefersituation rund um den Globus weit ins nächste Jahr hineinreichen wird.

In der Industrie werden Material- und Logistikengpässe sogar über Jahre hinweg das „new normal“ sein, ist sich Jane Enny van Lambalgen sicher. Fertigungsunternehmen seien daher gut beraten, zügig resiliente, digitalisierte und gesetzeskonforme Lieferketten aufzubauen. Wer darauf warte, dass sich die Lage wieder auf dem alten Niveau einpendele, steuere auf den Konkurs zu, warnt die Logistikexepertin der Denkfabrik.

Jane Enny van Lambalgen erklärt:

„Der durch Corona verursachte Stillstand hat beim Wiederanlauf die Produktions-, Fracht- und Containerkapazitäten weltweit durcheinandergebracht. Ein Mangel an einfachsten Produkten wie beispielsweise an bestimmten Schrauben oder Plastikteilen ist absehbar.“

Nicht nur die Automobil- und Zulieferindustrie stehen ihrer Ansicht nach vor riesigen Problemen, auch weite Teile des Maschinen- und Anlagenbaus werden 2022 in Schwierigkeiten geraten, glaubt sie. Ohne eine gründliche Digitalisierung sind diese Herausforderungen für sie nicht zu meistern.

Als Beispiel für eine gelungene Digitalisierung der Lieferkette verweist van Lambalgen auf die Softwarestrategie von Tesla angesichts der Chipkrise; der Autohersteller hat seine Software derart flexibilisiert, dass die Wagen mit unterschiedlichen Chips je nach Verfügbarkeit produziert werden können.

„Eine intelligente Digitalisierung weit über das heute in der Industrie übliche Maß hinaus stellt den Schlüssel für den Erfolg in der globalen Mangelwirtschaft der nächsten Jahre dar“, sagt Jane Enny van Lambalgen.

Resiliente Lieferketten als wesentlicher Erfolgsfaktor

Die Gründe für die weltweiten Produktions- und Lieferprobleme in immer mehr Segmenten reichen nach Einschätzung der Fachfrau weit über die Coronakrise hinaus. Konkret nennt sie die schwächelnde Energieversorgung in China und die Gefahr einer weiteren Zuspitzung des Konflikts zwischen den USA und China im südchinesischen Meer und um den Inselstaat Taiwan.

„Ein Kampf um Taiwan würde die globale Chipversorgung über Jahre hinweg massiv in Frage stellen“, warnt Jane Enny van Lambalgen. Der Aufbau einer adäquaten Halbleiterfertigung in Europa würde mindestens ein Jahrzehnt dauern, schätzt die Expertin. Doch es geht keineswegs nur um Hightechprodukte, stellt sie klar, zahlreiche Rohstoffe wie beispielsweise Aluminium und Magnesium stünden ebenfalls vor massiven Lieferproblemen.

China werde zum Flaschenhals für die Weltwirtschaft, weil viele Branchen von der Volksrepublik abhängig seien, legt Jane Enny van Lambalgen den Finger auf einen wunden Punkt der Globalisierung.

Sie schlussfolgert daraus:

„Die Unternehmen in den westlichen Industrienationen müssen ihre weltweiten Produktions- und Logistikketten zügig auf eine maximale Versorgungssicherheit umstellen. Die Einrichtung resilienter Lieferketten, die Berücksichtigung des Lieferkettengesetzes, des sogenannten Supply Chain Act, und die Wiederverwertbarkeit der Komponenten im Sinne einer Green Economy werden zu den wichtigsten Erfolgsfaktoren in den nächsten Jahren.“

Für viele Länder von Brasilien bis Indien sieht van Lambalgen in der Chinakrise enorme Chancen, neue Betriebe anzuziehen. Jetzt komme es für die Industrie darauf an, zügig zukunftssichere Produktionsstandorte und nachhaltig belastbare Lieferketten zu etablieren, um der Mangelwirtschaft, die voraussichtlich bis mindestens 2025 anhalten wird, zu trotzen.

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