SCM-Analyse: Effekte aus Suezkanal-Krise treffen Verbraucher kaum

Laut Softwareanbieter Setlog kommen im Zuge der Krise im Schnitt Bekleidung, Spielzeug & Co. aus Asien rund drei bis sieben Tage später am Lager an.

Die Krise am Roten Meer lässt die Frachtraten steigen, so eine Analyse von Setlog. (Symbolbild: Ralf Gosch / Fotolia)
Die Krise am Roten Meer lässt die Frachtraten steigen, so eine Analyse von Setlog. (Symbolbild: Ralf Gosch / Fotolia)
Therese Meitinger

Lieferkettenexperten des Bochumer Softwareanbieters Setlog haben in einer Pressemitteilung vom 23. Januar vor Panikmache aufgrund der Krise am Suezkanal gewarnt, wo Huthi-Milizionäre in den letzten Wochen wiederholt Schiffe angegriffen haben. Verbraucher würden die Auswirkungen bei schnelldrehenden Konsumgütern, die aus Asien importiert werden, aktuell kaum spüren, so Ralf Düster, Vorstandsmitglied des IT-Anbieters.

Seine Aussagen fußen der Mitteilung zufolge nicht nur auf Gesprächen mit Importeuren und Spediteuren, sondern auch auf einer Analyse des Unternehmens von 50 Marken aus dem Bereich schnelldrehender Konsumgüter: Demnach verzögern sich aufgrund der Situation am Suezkanal Importe von Deko, Kleidung & Co. aus Fernost im Schnitt um 3,5 bis sieben Tage. Für die Stichprobe verglich Setlog Daten seit Beginn der Attacken der Huthi-Rebellen im November bis 17. Januar mit Zahlen aus dem gleichen Zeitraum vor einem Jahr. Im Detail analysierten sie die Transportzeit zwischen Asien und den Westhäfen – und zwar vom Ablegen der Schiffe am Port bis zum Eintreffen der Waren im Zentrallager.

Schiffe nehmen Umwege über Kap der Guten Hoffnung

Die Lieferverzögerungen kommen der Analyse zufolge zustande, weil viele Schiffe nicht mehr durch den Suezkanal fahren, sondern einen Umweg über die Südspitze Afrikas in Richtung Europa nehmen. Je nach Geschwindigkeit der Schiffe dauert diese Fahrt zwischen sieben und 20 Tage länger als durch die 164 Kilometer lange Wasserstraße.

Dass viele Importeure die verlorene Zeit ausgleichen können, liegt laut Düster an mehreren Maßnahmen, welche die Firmen ergriffen haben: Sie planen früher, nutzen Software zur Verfolgung der Container und reagieren rechtzeitig auf Änderungen der Fahrpläne von Spediteuren und Reedereien. Importeure schauten derzeit verstärkt nach Reedereien, auf die Fahrtrouten (Loops) an den Westhäfen und Zeiteinsparungen im Nachlauf durch den Wechsel von Verkehrsträgern, um die längere Laufzeit von Fernost nach Europe insgesamt zu verkürzen, so Düster. Grundsätzlich hätten viele auch ihre Strategie überdacht, mit welchen Lieferanten sie zusammenarbeiten können.

Große Handelsunternehmen sehen keinen Grund zur Panik

Düster warnt in diesem Zusammenhang vor Panikmache, die in einigen Medien zu lesen war. Er verweist auf die differenzierten Aussagen großer Unternehmen, was Ausfälle oder Lieferverzögerungen im Handel angeht. Aldi Nord betont beispielsweise auf seiner Website, dass eng mit Lieferanten und Logistikpartner an Lösungen gearbeitet werde.

Autobauer stärker betroffen

Anders sieht die Lage laut der Pressemitteilung in anderen Branchen aus – etwa in der Automobilindustrie. Volvo berichtete über einige Tage Produktionsstopp in Gent (Belgien) wegen Lieferengpässen bei Getrieben. Der Elektroautobauer Tesla muss seine Produktion bei Berlin ab 29. Januar für fast zwei Wochen weitgehend aussetzen.

Auch wenn die Verbraucher hierzulande wenig merken von den Angriffen der Huthi-Rebellen auf Schiffe, so sind die Auswirkungen auf die Kostenentwicklungen für Unternehmen Setlog zufolge empfindlich. Denn rund zehn Prozent des gesamten Welthandels läuft über den Suezkanal, bis zu 19.000 Schiffe fahren pro Jahr durch die ägyptische Meerwasserstraße. Laut einer Analyse des Kreditversicherers Allianz Trade ist die Zahl der Frachter, die den Suezkanal passieren, um etwa 30 Prozent zurückgegangen. Gleichzeitig hat sich demnach der Schiffsverkehr um das Kap der Guten Hoffnung fast verdoppelt.

Krise funktioniert als Kostentreiber

Aufgrund der Krisensituation schnellten die Preise für Versicherungsprämien für Transporte durch den Kanal in die Höhe, wie Setlog berichtet. Und der Umweg über das Kap der Guten Hoffnung verursacht bei Transporten bis zu 30 Prozent höhere Kosten für Treibstoff. Die Folgen sind ärgerlich: Die Lage am Roten Meer verursachen allein bei Deutschlands größter Container-Reederei Hapag-Lloyd nach Firmenangaben monatlich Mehrkosten im hohen zweistelligen Millionenbereich.

Aktuelle Zahlen zeigen: Die Preise für den Containertransport aus dem Reich der Mitte wuchsen Anfang Januar schnell in die Höhe. „Für eine 40-Fuß-Box (HC) von China nach Europa bezahlten Importeure auf dem Spotmarkt in der ersten Woche im Schnitt 1.500 US-Dollar, in der zweiten Woche bereits mehr als 5.000 US-Dollar“, berichtet Patrick Merkel, Geschäftsführer von Prologue Solutions aus Hamburg. Kostentreiber seien aktuell zudem die freien Tage anlässlich des chinesischen Neujahrsfests, das am 10. Februar beginnt.

„Jedes Jahr versuchen Unternehmen, Saisonwaren für Frühjahr und Sommer vor Chinese New Year aus China herauszubekommen“, erläutert Ralf Düster. „Der Bedarf an Containern und die Transportkapazitäten für die Routen nach Europa und in die USA ist aufgrund dieser kurzen Hochsaison gestiegen, er bewegt sich aber unter Vorjahresniveau. Verlader akzeptieren daher kurzfristig höhere Kosten, da der Abfluss der Ware aus den Produktionsstätten höchste Priorität hat.“

Für Importeure kam die Krise am Suezkanal laut Setlog zur Unzeit: Denn Reeder hatten aufgrund der geringeren Nachfragen in großem Stil damit begonnen, auf vielen Routen Schiffsverbindungen zu streichen oder einzelne Häfen nicht anzufahren (blank sailing), um die Raten stabil zu halten.

„Rund 25 Prozent der Gesamtkapazität wurde ab Dezember aus dem Markt genommen“, erläutert Merkel. Die Situation im Roten Meer habe dann plötzlich den Druck auf die reduzierten Kapazitäten erhöht und so zu einem massiven Preisanstieg sowie erheblichen Platzproblemen geführt.

Merkel: „Die Welle dürfte aber bis März durchgeschwappt sein, wobei einige Nachfolgeprobleme durch Leercontainerknappheit erwartet werden, weil die Verteilung aktuell nicht mehr funktioniert. Wir erwarten eine Entspannung der Nachfrage und damit auch der Frachtkosten im März.“