Savills Nearshoring Index: Vietnam und Ukraine erzielen Top-Scores

Laut dem Immobiliendienstleister Savills treibt Covid-19 die Diversifizierung der Lieferketten voran.

Der Savills Nearshoring Index entsteht auf Grundlage der Personal-, Elektrizitäts- und Infrastrukturkosten sowie der Offenheit zum Handel. (Symbolbild; Foto: TMLsPhotoG/AdobeStock)
Der Savills Nearshoring Index entsteht auf Grundlage der Personal-, Elektrizitäts- und Infrastrukturkosten sowie der Offenheit zum Handel. (Symbolbild; Foto: TMLsPhotoG/AdobeStock)
Matthias Pieringer

Die Coronapandemie stellt die Widerstandsfähigkeit bestehender Prozesse weltweit auf den Prüfstand und befördert damit laut einer Mitteilung von Savills den Trend zurück zu regionalen Versorgungsketten beziehungsweise „Nearshoring“. Mithilfe des Savills Nearshoring Indexes hat der Immobiliendienstleister die Logistikmärkte weltweit untersucht und Länder mit hohem Potenzial identifiziert, die von der neuen Dynamik am Markt profitieren könnten.

Spielball der Politik

Daraus resultierende alternative Produktionsstandorte könnten demnach zu einer Verlagerung der Handelsströme führen und somit eine Diversifikation am globalen Industrie- und Logistikmarkt vorantreiben. „Der Handelskonflikt zwischen den USA und China verursachte bereits eine Umstrukturierung der globalen Produktions- und Lieferketten und förderte den Handel in Ländern wie Mexiko oder Vietnam“, sagte Paul Tostevin, Director World Research bei Savills. „Die Covid-19-Pandemie hat verstärkend dazu geführt, dass die Beständigkeit der Lieferketten zunehmend politisiert wird. Sowohl in Frankreich, Japan als auch Indien werden Stimmen für eine wirtschaftliche Unabhängigkeit laut.“

Savills Nearshoring Index


Der Savills Nearshoring Index filtert Länder und deren Potenzial heraus, die direkte Anrainer zentraler Konsumentenmärkte sind oder sehr nahe zu ihnen liegen. Das Ranking entsteht auf Grundlage der Personal-, Elektrizitäts- und Infrastrukturkosten sowie der Offenheit zum Handel.

Vietnam ganz oben

Vietnam erzielte den höchsten Score, bedingt durch niedrige Kosten für Personal und Elektrizität sowie einem Produktionsmarkt, der bereits vor der Pandemie einen rapiden Aufschwung vollzog. Mit Indonesien und Thailand entwickeln sich der Analyse zufolge zwei weitere kostengünstige regionale Knotenpunkte im asiatisch-pazifischen Raum. Sie könnten, so die Savills-Mitteilung, eine Alterative zu China darstellen, da ihre Personalkosten im Vergleich weniger als halb so hoch sind wie die der Volksrepublik.

Ukraine im Europavergleich vorne


In Europa sieht der Savills Nearshoring Index ein starkes Potenzial in den osteuropäischen Ländern wie der Ukraine, Serbien oder der Tschechischen Republik. Das liege zum einen an den niedrigeren Kosten in der Herstellung sowie für das Personal und zum anderen an der guten infrastrukturellen Anbindung, zum Beispiel per Zug, an die großen westeuropäischen Märkte wie Frankreich oder Deutschland. Die Ukraine nimmt das höchste Ranking im europäischen Vergleich ein und folgt Vietnam auf globaler Ebene.

Hohe Lohnkosten als Hindernis

„Die USA und Kanada erzielen wie die nord- und westeuropäischen Länder ein deutlich geringeres Wertschöpfungspotenzial für eine Nahverlagerung. Hohe Lohnkosten sind ein Hindernis für Standortverschiebungen innerhalb der Landesgrenzen (das sogenannte Onshoring). Nichtsdestotrotz gibt es einen Spielraum für kritischere und weniger preissensitive Güter. Eine Automatisierung im Herstellungsverfahren befähigt diese Länder darüber hinaus dazu, die Kosten zu senken, um wettbewerbsfähig zu bleiben. Langfristig wird die automatisierte Produktion eine zunehmende Rolle spielen, wenn Technologien günstiger und für alle Märkte zugänglich sind“, prognostizierte Tostevin.

Deutschlands Rolle

Deutschland rangiert auf einem der hinteren Plätze im Nearshoring Index. Obwohl die infrastrukturellen Begebenheiten und die offenen Märkte der Mitteilung zufolge ein deutlicher Pluspunkt sind und das Land zu den großen Endverbrauchermärkten gehört, wird das Potenzial durch hohe Arbeits- und Produktionskosten wesentlich vermindert. „Der deutsche Logistikmarkt ist geprägt von der globalen Zusammenarbeit, aber auch hier zeigt sich eine Dynamik, die den Blick auf regionale Produktion wendet. Um wettbewerbsfähig zu bleiben. wird Deutschland jedoch neben der Technologisierung der Prozesse auf günstigere Nachbarländer ausweichen müssen“, sagte Bertrand Ehm, Director Industrial Investment bei Savills.

Stärkere Fragmentierung der Lieferketten

„Die Versorgungsketten sind oftmals komplex, sodass sich die Verlagerung der Herstellung nah an die Endverbrauchermärkte kostenintensiv gestalten könnte und die Vorteile des Nearshorings abhängig vom Produkt stark variieren würden. Kurzfristig ist eine größere Fragmentierung der Lieferketten zu erwarten und dass Länder, die eine Balance zwischen der Nähe zu den zentralen Verbrauchermärkten, niedrigen Produktionskosten und wirtschaftsfreundlichen Rahmenbedingungen, zuerst profitieren werden“, schloss Marcus de Minckwitz, Director Savills Regional Investment Advisory EMEA.

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