Prognose: Das wird 2022 in der Medizintechnik wichtig

Mit Nachfrageboom auf der einen und massiven Lieferengpässen auf der anderen Seite kämpft die Medizintechnik weiterhin mit den Langzeitfolgen von Covid-19.

Die Verwendung von KI-Technologien in der Medizintechnik soll in den nächsten Jahren deutlich zunehmen, sagt EMS-Dienstleister Plexus voraus. (Foto: Plexus)
Die Verwendung von KI-Technologien in der Medizintechnik soll in den nächsten Jahren deutlich zunehmen, sagt EMS-Dienstleister Plexus voraus. (Foto: Plexus)
Therese Meitinger

Der Markt für Medizintechnik hat in den letzten zwei Jahren gewaltige Umbrüche hinter sich: Zuerst sorgte Covid-19 für eine weltweite Zwangspause. Zuletzt bremsten Rohstoffmangel, Lieferengpässe und hohe Frachtkosten die Branche aus. Was erwartet den Medizintechnikmarkt 2022? Das Healthcare und Life Sciences-Team des EMS-Dienstleisters Plexus hat Hersteller zu den Herausforderungen und Chancen des Jahres 2022 befragt – und die Ergebnisse in einer Pressemitteilung vom 2. Dezember veröffentlicht.

Als die fünf Kernthesen benennt Plexus:

1. Supply Chain Resilience wird zur Überlebensfrage

Der globale Engpass bei den Halbleitern trifft momentan fast alle Branchen – und wird sich mit großer Wahrscheinlichkeit noch bis 2022 und 2023 hinziehen. Die Chips sind aber nicht das einzige Problem. Auch andere Rohstoffe und Vorprodukte wie Stahl, Aluminium, Kunststoff und Holz sind rar. Für Hersteller und Zulieferer handelt es sich mehr als nur um Unterbrechungen der Lieferkette. Viele rechnen mit einem immensen finanziellen Schaden – wenn nicht sogar mit dem Geschäftsaus.

Ein proaktives und vorausschauendes Supply Chain Management gehörte Plexus zufolge bereits im letzten Jahr zu den Top-Prioritäten. Im nächsten Jahr werde diese Aufgabe zur Überlebensfrage, so der Anbieter. Vorlaufzeiten haben sich geändert und müssen zukunftssicher geplant werden. Es gelte, Optionen bei Nichtverfügbarkeit von Komponenten zu evaluieren – von „Drop-in-Ersatzteilen“ bis zu kompletten Re-Designs. All das setzt ein hohes Maß an Agilität und Weitsicht voraus, wie Plexus argumentiert. Zu den wichtigsten Entscheidungen, die Medizingerätehersteller jetzt treffen, gehört dem Anbieter zufolge der Einsatz von Predictive-Analytics-Tools, der Ausbau ihres Zulieferernetzwerks sowie die Implementierung eines Design-for-Supply-Chain(DfSC)-Ansatzes, der die Lieferkette bereits in der Entwicklungsphase berücksichtigt.

2. Point-of-Care-Diagnostik (POCT) boomt

In der Labordiagnostik hat Covid-19 zwei brennende Fragen aufgeworfen: Wie kann das Testen und Analysieren lokal durchgeführt werden? Und wie lässt sich die Analyse beschleunigen? Molekulardiagnostische Systeme (MDx), die eine schnelle Diagnostik am Point-of-Care (POCT) ermöglichen, erleben angetrieben durch PCR-Tests einen Boom.

Das hohe Innovationstempo bei Laborgeräten werde sich 2022 fortsetzen, prognostiziert Plexus. Umso wichtiger sei es für Unternehmen im Bereich Diagnostik und Life Science auf entsprechende Partner bei der Entwicklung und Fertigung zu setzen. Sie brächten das nötige technische Know-how mit, um komplexe Geräte und System zeitnah auf den Markt zu bringen und Compliance-Anforderungen zu erfüllen.

3. Verschiebung von elektiven Eingriffen

Einzelne Bereiche der MedTech-Branche sind noch immer stark von der Coronakrise betroffen, darunter der Bereich der elektiven Eingriffe. Viele Operationen müssen erneut verschoben werden. Das wirke sich zwangsläufig negativ auf die Auftragsbücher von MedTech-Unternehmen aus, so Plexus. Im nächsten Jahr erwartet das Unternehmen diesbezüglich eine Besserung. Beim Hochfahren der Produktion müssten Hersteller verstärkt auf externe Ressourcen zurückgreifen. Das Outsourcing umfasst dabei nicht mehr nur die Fertigung, sondern schließt auch die Entwicklung (Design-for-Manufacturing), das Supply Chain Management sowie Aftermarket-Services ein.

4. Künstliche Intelligenz (KI) weiter gefragt

Der Markt für KI im Gesundheitswesen soll bis 2028 um das Zwölffache wachsen – von 10,6 Milliarden US-Dollar auf 120,2 Milliarden US-Dollar, sagt Plexus voraus. Die Entwicklung und Integration von moderner Datenanalytik und Machine Learning (ML) in medizinische Geräte sowie in den Produktionsanlagen selbst nimmt kontinuierlich zu. Damit rückt zukünftig ein neuer Aspekt in den Mittelpunkt: die KI-Compliance. Gesetzliche Regelungen zum Einsatz von KI-gestützten Anwendungen sind bereits im Entstehen. Die FDA veröffentlichte 2021 einen Aktionsplan für künstliche Intelligenz und maschinelles Lernen. Auch die EU-Kommission hat dieses Jahr einen ersten Gesetzesentwurf zu KI vorgelegt, der die rechtlichen Rahmenbedingungen von KI-Anwendungen festlegen soll. Für den Gesundheitswesen und in der Medizintechnik sollen dabei besonders strenge Kriterien angelegt werden. Medizingerätehersteller sind Plexus zufolge gut beraten, diese Entwicklungen im Auge zu behalten und wenn nötig einen Partner mit der nötigen Compliance-Expertise ins Boot zu holen.

5. Cybersecurity

Das Thema Cybersicherheit gewinnt in jeder Branche an Dringlichkeit, trifft Medizingerätehersteller jedoch gleich mehrfach: Zunächst gilt es Plexus zufolge, die Intellectual Property zu schützen – insbesondere, wenn Produkte zur Fertigung außer Haus gegeben werden. In der Produktion selbst heiße es, Anlagen und Standorte vor Cyberattacken wie Ransomware abzusichern. Und schließlich müssten Hersteller als Inverkehrbringer die Cybersicherheit ihrer medizinischen Geräte am Markt garantieren. Probleme machen dabei vor allem Legacy-Produkte, die dringend an neue Standards angepasst werden müssen.