Procurement-Trends 2022: Von Nachhaltigkeit bis Lieferengpässe

2022 werden die Auswirkungen des Brexits zum ersten Mal wirklich sichtbar, ist Jan-Hendrik Sohn von Ivalua überzeugt. Doch er sieht auch Chancen für den Einkauf.

Jan-Hendrik Sohn ist Regional Director DACH und CEE der Spend-Management-Plattform Ivalua. (Foto: Ivalua)
Jan-Hendrik Sohn ist Regional Director DACH und CEE der Spend-Management-Plattform Ivalua. (Foto: Ivalua)
Therese Meitinger

Jan-Hendrik Sohn, Regional Director DACH und CEE der Spend-Management-Plattform Ivalua, sieht fünf Trends, auf die sich die Beschaffung 2022 einstellen muss:

1. Lieferengpässe werden eine Abkehr von der etablierten Just-in-Time-Kultur einläuten

„Die Chip-Krise, steigende Energiepreise und ein nicht nur auf Großbritannien beschränkter Mangel an Lkw-Fahrern werden mit hoher Wahrscheinlichkeit auch im Jahr 2022 zu Lieferengpässen führen. Hinzu kommen die fortdauernden Auswirkungen der Pandemie wie geringere Personalstände und stark verspätete oder ganz ausbleibende Lieferungen für produktionsrelevante Direktmaterialien und Baugruppen. Unternehmen und Verbraucher müssen sich daher auch im kommenden Jahr darauf einstellen, dass bestimmte Zuliefer- und Endprodukte nur eingeschränkt oder verzögert verfügbar sein werden. Mögliche Folgen sind Umsatzeinbußen, eine geringere Angebotsvielfalt und höhere Einkaufs- und Endkundenpreise.“

„Diese Situation ist für alle Seiten problematisch und zwingt zu zügigen Innovationen: Lkws als rollende Nachschublager werden ergänzt oder sogar abgelöst durch neue Zwischen- oder Produktionslager, die die Unternehmen zügig aufbauen müssen. Sie werden zusätzliche Kostentreiber sein. In dieser Lage benötigt der Einkauf unbedingt moderne digitale Werkzeuge, die die erforderlichen Daten, Preise und Risikoinformationen zuverlässig, in Echtzeit und übersichtlich aufbereitet liefern, um bestmöglich informiert die richtigen Entscheidungen zu treffen.“

2. Nachhaltigkeit wird wichtigster Wettbewerbsfaktor

„Unabhängig von der aktuellen Weltwirtschaftslage erwarten immer mehr Menschen, dass Unternehmen bei der Herstellung ihrer Produkte die Einhaltung von Arbeits- und Umweltstandards sicherstellen – sowohl intern als auch bei ihren Lieferanten. Einige Organisationen haben schon auf diesen Trend reagiert: Sie verpflichten sich zur Einhaltung eines Code of Conduct (CoC) und machen faire Arbeitsbedingungen sowie die Einhaltung internationaler Umweltstandards zur Bedingung für die Fortsetzung oder Neuaufnahme der Zusammenarbeit mit Lieferanten.“

„Ich bin überzeugt, dass die Nachfrage nach nachhaltigen Produkten 2022 weiter steigen und dies die Anpassungsbereitschaft der Lieferanten deutlich erhöhen wird – und dass sie diesen Druck in die nachgelagerten Lieferantenketten weitertragen werden. Hier herrscht Handlungsbedarf für Unternehmen, die sich diesem Trend bisher verweigert haben: Künftig werden Unternehmen nur erfolgreich sein können, wenn sie neue gesetzliche Regelungen einhalten und zugleich die gestiegenen Verbrauchererwartungen nachweisbar erfüllen. Daher wird Nachhaltigkeit im kommenden Jahr zu einem noch wichtigeren Wettbewerbsfaktor.“

3. Umsetzung neuer Richtlinien wird verpflichtend

„Organisationen müssen bis 2023 das in diesem Jahr verabschiedete Lieferkettengesetz in die Praxis umsetzen. Für die Zukunft sind noch einmal erweiterte Berichtspflichten und Regelungen zu erwarten, die im Rahmen eines europäischen „Green Deal“ beschlossen werden. So ist beispielsweise fest davon auszugehen, dass in Kürze konkrete Maßnahmen zur Senkung des CO2-Ausstoßes zu ergreifen und nachzuweisen sind – somit wird das Thema Nachhaltigkeit bei Kreditentscheidungen auf Bankenseite eine gewichtigere Rolle einnehmen (Stichwort Sustainable Finance). Unternehmen werden in diesem Bereich ihre Geschäftsmodelle und ihr Risikomanagement anpassen müssen. Meinem Eindruck nach arbeiten bisher vor allem Großunternehmen bereits an entsprechenden Projekten und geben ihrem Einkauf entsprechende Tools an die Hand. Dieser Trend wird sich auf mittelständische Unternehmen ausweiten. Sie sind gefordert, entsprechende Einkaufsprozesse zu implementieren, für Transparenz zu sorgen und gegenüber ihren Kunden entsprechende Nachweise zu erbringen.“

4. Auswirkungen des Brexits werden sichtbar

„Der Brexit und dessen Auswirkungen auf die europäische Lieferketten sind hierzulande noch nicht wirklich sichtbar. Grund dafür sind die Chip-Krise und die noch immer andauernde Pandemie. Wenn sich die Situation etwas entspannt – und davon ist für Mitte 2022 auszugehen – wird sich zeigen, dass die Folgen ähnlich sind: Lieferengpässe und -verzögerungen, die in der EU zu Produktionsausfällen führen werden. Besonders prominente Branchen sind die Automobilindustrie und der Maschinenbau. Organisationen sollten deshalb die aktuelle Situation nutzen, um die dringend benötigte Transparenz und Flexibilität ihre Lieferketten zu bringen und in die Zusammenarbeit mit bestehenden Partnern zu investieren – oder neue zu suchen.“

5. Bessere Zusammenarbeit mit Lieferanten wird ein Muss

„Die beschriebenen Trends und die damit verbundenen Herausforderungen zwingen Unternehmen, im kommenden Jahr deutlich enger mit Lieferanten zusammenzuarbeiten als bisher. Dies gilt insbesondere bei der Definition von Nachhaltigkeitszielen, Prognosen und Verbesserungsplänen – aber ich rate zudem zur gemeinsamen Entwicklung von Innovationen. Bisher wurde die Zusammenarbeit von den meisten Organisationen auf wenige strategische Lieferanten beschränkt. Um die kommenden Herausforderungen zu meistern, müssen Organisationen jedoch ihr Verhältnis zu Partnern über ihre gesamte Lieferkette neu definieren. Die dazu notwendigen Prozesse und Lösungen müssen effizient und hoch skalierbar sein – die 'alten Zeiten‘ von Datensilos und händischem Partnermanagement sind ab dem kommenden Jahr definitiv vorbei.“

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