Plattformökonomie: Betriebssystem der Logistik nimmt Gestalt an

Die ersten Open-Source-Komponenten aus dem Projekt „Silicon Economy“ sind veröffentlicht worden. Ab sofort können Unternehmen frei verfügbare Software und Hardware nutzen und für ihre Bedürfnisse anpassen.

Mit der Veröffentlichung der ersten Open-Source-Komponenten aus dem Projekt „Silicon Economy“ nimmt das Betriebssystem der Logistik für die Plattformökonomie der Zukunft Gestalt an. (Foto: Fraunhofer IML)
Mit der Veröffentlichung der ersten Open-Source-Komponenten aus dem Projekt „Silicon Economy“ nimmt das Betriebssystem der Logistik für die Plattformökonomie der Zukunft Gestalt an. (Foto: Fraunhofer IML)
Matthias Pieringer

Im Projekt „Silicon Economy“, das vom Bundesministerium für Digitales und Verkehr (BMVD) gefördert wird, hat das Fraunhofer-Institut für Materialfluss und Logistik IML die nächste Stufe der digitalen Vernetzung in der Logistik eingeleitet: Am 7. April 2022 haben die Dortmunder Logistikforscher Ergebnisse der Soft- und Hardwareentwicklungen aus insgesamt fünf Entwicklungsprojekten in einer digitalen Bibliothek, dem sogenannten Repository, der Open Logistics Foundation bereitgestellt. Die Stiftung verfolgt das Ziel, Open Source in der Logistik zu verankern. Der Quellcode der Entwicklungen sei nun frei verfügbar und könne von Unternehmen weiterentwickelt und auf ihre Bedürfnisse angepasst werden, teilte das Fraunhofer IML mit.

„Wir wollen unser Land moderner und digitaler machen. Mit diesem Projekt setzen wir international neue Standards für die Logistik“, so Dr. Volker Wissing, Bundesminister für Digitales und Verkehr. „Unser Ziel ist die Digitalisierung sämtlicher Geschäftsprozesse entlang der Lieferkette – von der Bestellung über die Transportplanung bis zur Abrechnung. Deutschland ist hier Vorreiter. Mit der digitalen Bibliothek der Open Logistics Foundation öffnen wir unsere gesammelten Daten für Unternehmen weltweit. Mit digitalisierten Einfuhrprozessen erhöhen wir die Planbarkeit, bauen Bürokratie ab und senken Transportkosten.“

„So etwas wie das Linux für die Logistik bauen“

Professor Michael ten Hompel, geschäftsführender Institutsleiter des Fraunhofer IML, betonte: „Mit unserem Vorhaben Silicon Economy sind wir angetreten, so etwas wie das Linux für die Logistik zu bauen. Der erste Grundstein für ein neuartiges dezentrales Plattformen-Ökosystem in der Logistik ist jetzt mit der Veröffentlichung unserer ersten Open-Source-Komponenten gelegt. Die Logistik wird zunehmend durch Digitalisierung und künstliche Intelligenz bestimmt. Jetzt entscheidet sich, wer das viel zitierte Datengold heben wird und die richtigen Algorithmen als Erster an den Start bringt.“

Digitale Frachtbriefe und Tracking von Paletten

Mit der Open Logistics Foundation habe man eine Umgebung, „in der Schnittstellen und Basisprozesse standardisiert und anwendbar werden und ein offener, föderaler und souveräner Datenraum entsteht. Die Unternehmen können jetzt intelligente Lösungen entwickeln zu digitalen Frachtbriefen oder dem Tracking von Paletten. Die Unternehmen denken bereits um: Sie wissen, dass es gemeinsamer Anstrengung bedarf und Open Source für die Digitalisierung und Automatisierung der Logistik unabdingbar ist. Wir sind daher überzeugt davon, dass das Ökosystem der Anbieter und Nutzer schnell wachsen wird“, so ten Hompel.

Das Forschungsprojekt Silicon Economy startete im Mai 2020 (LOGISTIK HEUTE berichtete). Es läuft über drei Jahre und wird vom BMDV mit 25 Millionen Euro gefördert. Mit der Veröffentlichung der Komponenten aus dem Projekt im Repository der Open Logistics Foundation, einer Technologieinitiative international tätiger Logistikunternehmen, setzt das Fraunhofer IML auf eine schnelle industrielle Verwertung. Die Gründung der Stiftung Ende Oktober 2021 geht auf eine Initiative des Instituts im Rahmen des Vorhabens zurück.

„Wir freuen uns jetzt auf engagierte Entwicklerinnen und Entwickler sowohl in Konzernen als auch im Mittelstand, in kleinen Unternehmen und bei Start-ups. Wir fordern sie auf, unsere Forschungsergebnisse zu prüfen, anzupassen und weiterzuentwickeln. Ich bin mir sicher, dass damit in naher Zukunft in der Logistik viele innovative, kreative Anwendungen möglich werden, die wir uns heute vielleicht nicht einmal vorstellen können, sagte Fraunhofer IML-Institutsleiter ten Hompel.

Repository der Open Logistics Foundation

In den kommenden Wochen und Monaten werden laut dem Fraunhofer IML weitere Komponenten aus der Silicon Economy in das Repository eingehen. Darüber hinaus starten nun auch die Industriepartner der Open Logistics Foundation erste eigene Projekte, deren Ergebnisse über das Repository frei zur Verfügung gestellt werden. Unter folgendem Link gelangen Interessierte zum Repository der Open Logistics Foundation: https://git.openlogisticsfoundation.org/.

Veröffentlichte Komponenten

Zu den veröffentlichten Komponenten zählen beispielsweise ein Service zur Erzeugung, Speicherung und Weitergabe von digitalen Frachtbriefen in menschen- und maschinenlesbarem Format, unter Berücksichtigung etablierter Vorlagen und internationaler Standards konzipiert und als Referenzimplementierung umgesetzt.

Weitere Komponenten bieten Lösungen zur Integration von IoT-Geräten und der Aufbereitung von Daten für die Nutzung durch andere Dienste sowie zur Digitalisierung von Einfuhrprozessen in der Luftfracht-Frischelogistik. Die Softwarebibliothek der „IDS Integration Toolbox“ vereinfacht dem Fraunhofer IML zufolge darüber hinaus die Integration von Komponenten für die International Data Spaces (IDS) in IT-Systeme. Davon sollen vor allem kleine und mittlere Unternehmen profitieren: Sie seien nicht mehr auf Spezialisten mit besonderen Kenntnissen des IDS-Referenzarchitekturmodells angewiesen, um sich mit den sicheren Datenräumen zu verbinden.

„Sämtliche Komponenten werden unter der freien Open Logistics License veröffentlicht, die das europäische Haftungs- und Urheberrecht berücksichtigt“, hieß es seitens des Fraunhofer IML.

 

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