Nachhaltigkeit: Start des Cradle to Cradle Congress in Freiburg

Mit rund 250 Teilnehmenden startete der siebte internationale Kongress.

 „Wirtschaftliche Prozesse sollen nicht mehr vorwiegend linear verlaufen, sondern in Kreisläufen“, erklärt Bundesumweltministerin Svenja Schulze bei der Eröffnung des Cradle to Cradle Congress. (Foto: Cradle NGO/ Max Arens)
„Wirtschaftliche Prozesse sollen nicht mehr vorwiegend linear verlaufen, sondern in Kreisläufen“, erklärt Bundesumweltministerin Svenja Schulze bei der Eröffnung des Cradle to Cradle Congress. (Foto: Cradle NGO/ Max Arens)

Klima- und Ressourcenkrise müssen zusammen gedacht werden, um die Probleme unserer Zeit langfristig zu lösen, heißt es in einer Pressemitteilung der Cradle to Cradle NGO, die am 14. Juli erschienen ist. Das Thema wurde beim Auftakt des 7. Internationalen Cradle to Cradle Congresses am 14. Juli in Freiburg deutlich: Vor rund 250 Teilnehmenden vor Ort in der Messe Freiburg sowie im digitalen Stream haben Vertreter aus Politik, Wirtschaft und Wissenschaft darüber diskutiert, wie Cradle to Cradle skaliert werden und die Transformation hin zu einer klima- und ressourcenpositiven Wirtschaft und Gesellschaft beschleunigt werden kann, so die Angaben in der Meldung. Die weiteren Teile des Kongresses finden am 7. September in Mainz und am 4. November in Mönchengladbach statt. 

„Wir müssen als Gesellschaft die Art und Weise wie wir produzieren und konsumieren komplett überdenken und zu einer geschlossenen Kreislaufwirtschaft kommen, die beim Produktdesign beginnt. Cradle to Cradle kann diese Transformation vorantreiben.“, sagt die geschäftsführende Vorständin von Cradle to Cradle NGO, Nora Sophie Griefahn.

Transformation als Chance

„Gemeinsam verfolgen wir das Ziel, eine Wirtschaft zu stärken, die sich an der Idee des Kreislaufs orientiert. Wirtschaftliche Prozesse sollen nicht mehr vorwiegend linear verlaufen, sondern in Kreisläufen“, sagte Bundesumweltministerin Svenja Schulze in ihrem Grußwort.

Sie übernahm zum zweiten Mal in Folge die Schirmherrschaft der Veranstaltung und betonte, dass diese Transformation dringend notwendig sei und umgesetzt werden müsse, aber nicht zwangsläufig Verzicht bedeuten müsse. Der erste Teil des Kongresses in Freiburg stand unter dem Motto "Next industrial Revolution - Scaling Innovation". In Mainz wird sich alles um "Plastics & Packaging for Tomorrow" drehen und der Mönchengladbacher-Teil steht im Zeichen von "Cities & Regions driving Change". 

Fundamentaler Wandel nötig

Diese Umsetzung der Transformation stand im Mittelpunkt des Diskussionspanels mit der Abteilungsleiterin Energie des DIW, Prof. Dr. Claudia Kemfert, dem stellvertretenden Hauptgeschäftsführers des Industrieverbands BDI, Holger Lösch, dem Professor für Ressourcenstrategien und Gründer der Nachhaltigkeitsberatung SystemiQ, Prof. Dr. Martin Stuchtey, sowie der Grünen Europaabgeordneten Anna Cavazzini, die dem Ausschuss für Binnenmarkt und Verbraucherschutz vorsitzt. Kemfert und Lösch betonten, dass sich die Industrie bewusst sei, dass sie auch im Eigeninteresse von einer linearen zu einer zirkulären Wirtschaft kommen müsse. Noch befänden wir uns beim ersten Schritt, Emissionen zu vermeiden und zu senken, so Kemfert.

„Es geht um die Veränderung von Produktionsprozessen und Produkten. Wir müssen darüber nachdenken welchen Weg ein Produkt nimmt. Und dieser Weg sollte idealerweise möglichst kreisförmig verlaufen”, sagte BDI-Vize Holger Lösch.

“Es ist gut, dass man auf regionaler Ebene und in Unternehmen schaut, wie man Cradle to Cradle und solche Konzepte umsetzen kann. Dazu braucht es aber auch eine starke europäische Gesetzgebung”, sagte die EU-Politikerin Anna Cavazzini.

Der europäische Green Deal sei dafür ein gutes Instrument, stimmten alle vier Panelisten überein. Fest stehe auch, dass eine geschlossene Kreislaufwirtschaft die beim Design von Produkten und Prozessen beginne, Kern dieses Gesetzesvorhaben sei.

Vom C2C-Produkt zum innovativen Geschäftsmodell

Über die konkrete Umsetzung von Cradle to Cradle und Circular Economy sprachen im zweiten großen Panel des Tages Thomas Fuhr, Co-CEO des Sanitärprodukteherstellers Grohe AG, Dr. Michael Karrer, Senior Vice President Sustainability & EHS beim Autozulieferer ZF Group, Arnaud Marquis, Group Sustainability Officer des Fußbodenherstellers Tarkett sowie Wilhelm Mauß, Geschäftsführer der Lorenz GmbH & Co, die Wasserzähler produziert.

Alle vier Unternehmen berücksichtigen bereits jetzt C2C in ihrer Wertschöpfung. Grohe hat C2C-zertifizierte Armaturen und Duschköpfe im Portfolio, bei ZF sind es Brems- und Kupplungsteile für Nutzfahrzeuge, bei Lorenz Wasserzähler und bei Tarkett mit der Marke Desso unterschiedliche kreislauffähige Bodenbeläge. Alle vier Unternehmen haben konkrete Pläne, ihre Cradle to Cradle-Aktivitäten auszuweiten.

Am Anfang

“Wir stehen auf unserem C2C-Weg noch ganz am Anfang, aber wir haben begonnen”, so Grohe Co-CEO Thomas Fuhr.

Das Unternehmen setze sich neben C2C auf Produktebene für branchenweite Rücknahmesysteme für kreislauffähige und vollständig wiederverwertbare Sanitärprodukte ein. Zudem sei bei Grohe eine Logistik für Produkt-Service-Modelle im Sanitärbereich in Arbeit.

Kooperationen für die Zukunft

Auch ZF will den Weg zu neuen Produkten und Geschäftsmodellen nicht alleine beschreiten: “Wir brauchen Kooperationen entlang unserer gesamten Wertschöpfungskette, um die Herausforderungen der Zukunft anzugehen”, so der Nachhaltigkeitsverantwortliche von ZF, Michael Karrer. ZF arbeite derzeit an der rückstandslosen Rückgewinnung und Wiederaufbereitung von Kupfer aus Elektromotoren. Auch, um bei diesem immer seltener werdenden Rohstoff auf der sicheren Seite zu sein, da er im Zuge der Elektromobilität immer wichtiger werde.

Materialgesundheit im Fokus

Arnaud Marquis brachte das Thema Materialgesundheit in die Diskussion mit ein. Denn für Tarkett sei dieser Punkt ein Grund gewesen, das Geschäftsmodell auf Cradle to Cradle umzustellen. Bis 2030 will das Unternehmen 30 Prozent seiner Teppich- und Holzböden aus den zurückgenommenen und recycelten eigenen Produkten herstellen. Heute liege die Quote bei 13 Prozent. So soll der Anteil an Primärressourcen immer weiter sinken. Tarkett hat neben einem Rücknahmessystem auch eigene Recyclingstätten, in denen die unterschiedlichen Bestandteile von Bodenbelägen rückstandslos voneinander getrennt und zurück in den Produktionsprozess geführt werden.

"Menschen nutzen unsere Fußböden. Und deswegen möchten wir Fußböden schaffen, die gut für diese Menschen und die Umwelt sind”, so Arnaud Marquis.

Produkte als Service

Auch für Wilhelm Mauß ist diese über das einzelne Produkt hinausgehende Transformation von Geschäftsmodellen das eigentliche Ziel, das er auch bei Lorenz verfolge: “Mein liebsten Geschäftsmodell sind Produkte als Service: Wir entwerfen neue Produkte für die Wiederverwertung. Und wir möchten, dass sie am Ende ihres Lebenszyklus an uns zurückgegeben werden. Wir müssen in Modulen denken, um die Produkte einfach wiederverwertbar zu machen”.

Eine internationale Perspektive brachte zudem Mansoor Bilal ein, Vice President Marketing, Reserach & Innovation beim pakistanischen Textilhersteller Soorty. Soorty ist laut Mitteilung das weltweit einzige Unternehmen mit einer komplett nach C2C zertifizierten Denim-Produktpalette vom Garn über das Gewebe bis hin zu fertigen Kleidungsstücken und habe 2018 damit begonnen, das eigene Geschäftsmodell ganz neu zu definieren, um in der Textilindustrie einen Unterschied zu machen.

„Wir haben in allen Teilen des Geschäfts angesetzt. Es ging uns nicht nur um eine andere Art der Produktion, sondern um einen umfassenden Ansatz”, sagte Bilal. So habe Soorty ein neues Wassermanagement eingeführt und chemische Abfälle drastisch reduziert.

Aktive Foren am Nachmittag

In drei interaktiven Foren konnten sich am Nachmittag auch die digital Teilnehmenden in die Diskussion vor Ort in Freiburg einbringen. In einem vom Deutschen Institut für Normung (DIN) ausgerichteten Forum zum Thema zirkuläre Bauwirtschaft wies DIN-Präsident Dr. Albert Dürr auf den enormen Ressourcenverbrauch der Bauindustrie hin. Um die Ressourcen im Kreislauf führen zu können brauche es Transparenz bei der Verwendung, auch von Sekundärrohstoffen und bei Verbauverfahren. Digitale Produktpässe, in denen Materialqualität und Wertschöpfungsketten sowie Prozesse festgehalten werden können, seien dafür ein gutes Instrument. Dabei sei es unerlässlich, für Produkte und Prozesse Qualitätsstandards festzulegen.

Im zweiten Forum diskutierten Prof. Dr. Iris Belle, Leading Consultant Smart City Solutions beim Immobilienunternehmen Drees & Sommer, Ashleigh McLennan, Sustainable Economy and Procurement Officer beim ICLEI European Secretariat und Dr. Klaus von Zahn, Leiter des Umweltschutzamtes Freiburg darüber, wie Cradle to Cradle als Bestandteil von urbanen Entwicklungsprozessen zu nachhaltigen und resilienten Quartieren und Regionen führen kann.

Im dritten Forum sprachen Marcel Gröpler, Leiter der Fachabteilung Green Building der Lindner Group und Stephan Ketterer, Leiter des Business Development bei der Deutschen Lichtmiete Vermietgesellschaft über innovative Produkt-Service-Modelle und wie diese in einer zirkulären Wirtschaft dazu beitragen können, Rohstoffkreisläufe vollständig zu schließen.