Nachhaltigkeit im Einkauf: Strategien sind da, KPIs fehlen oft noch

Eine Studie von Höveler Holzmann nimmt die Erfolge und Defizite, die Einkaufsorganisationen mit Blick auf nachhaltige Lieferketten erzielen, unter die Lupe.

Die zentrale Rolle des Einkaufs beim Erreichen von Nachhaltigkeitszielen ist vielen Unternehmen bewusst. (Fotolia: Paladin1212 / Fotolia)
Die zentrale Rolle des Einkaufs beim Erreichen von Nachhaltigkeitszielen ist vielen Unternehmen bewusst. (Fotolia: Paladin1212 / Fotolia)
Therese Meitinger

Die Relevanz ist unstrittig, die Stakeholder kennen ihre Verantwortung: Für die Erfüllung der ESG-Kriterien ist die Lieferkette einer der größten Hebel. Mit dem Erreichen einer nachhaltigen Supply Chain tun sich viele Organisationen jedoch noch schwer. Zu diesem Ergebnis kommt die am 7. Juli veröffentlichte Studie „Zwischen Umweltbewusstsein und Umsetzung“, in der das Düsseldorfer Beratungsunternehmen Höveler Holzmann die Rolle des Einkaufs für das Erzielen hoher Nachhaltigkeitswerte untersuchte.

Wie bemisst sich der Reifegrad von Einkaufsabteilungen in Bezug auf Nachhaltigkeit? Diese Frage war Ausgangspunkt für die Studie, die Höveler Holzmann Eigenangaben zufolge im Zeitraum vom 27. Januar 2022 bis zum 28. Februar 2022 durchgeführt hat. Branchenübergreifend untersuchte die Studie den Reifegrad der Einkaufsabteilungen von insgesamt 112 Befragten in Bezug auf Nachhaltigkeit. Der größte Anteil der Teilnehmer verantwortet dem Unternehmen zufolge ein Einkaufsvolumen von mehr als einer Milliarde Euro. Es sind jedoch ebenfalls eine Vielzahl an mittelgroßen und kleineren Einkaufsorganisationen vertreten.

Generell hat Nachhaltigkeit für die Studienteilnehmer eine hohe Relevanz: 92 Prozent äußern, dass ein nachhaltiger Einkauf für den zukünftigen Erfolg ihres Unternehmens wichtig sei. Die Zahlen für die persönliche Vertrautheit mit dem Thema sind ähnlich hoch: 83 Prozent der Befragten geben an, dass sie mit Nachhaltigkeit im Einkauf voll oder eher vertraut sind. In beiden Punkten bestehen dabei keine nennenswerten Unterschiede zwischen den verschiedenen Größen der Einkaufsorganisationen.

Schlüsseldimensionen für Hebelwirkung

Welche Strategien verfolgen die Unternehmen, um sicherzustellen, dass sie ihre Ziele erreichen und sich kontinuierlich verbessern? Um den aktuellen Leistungsstand von Nachhaltigkeit im Einkauf zu identifizieren, stützt sich die Studie Höveler Holzmann zufolge auf vier Schlüsseldimensionen, mit denen der Einkauf die Gestaltung der Lieferkette beeinflusst:

  1. Einkaufsstrategie und -ziele
  2. Strategischer Einkaufsprozess
  3. Lieferantenmanagement
  4. Organisation und Personal

Das Bewusstsein ist da, doch es fehlt an Verbindlichkeit

Niedrige Kosten und sichere Versorgung hätten lang die zwei Grundpfeiler einer erfolgreichen Einkaufsstrategie gebildet, argumentieren die Studienautoren. Heute sei Nachhaltigkeit klar die dritte Säule: Dass Nachhaltigkeitsaspekte in die Einkaufsstrategie integriert wurden, trifft für 29 Prozent der Befragten voll und für weitere 43 Prozent eher zu. Dabei fällt auf, dass größere Einkaufsorganisationen Nachhaltigkeitsaspekte tendenziell eher in ihrer Einkaufsstrategie berücksichtigen als kleinere Unternehmen.

Weniger eindeutig als die Strategien für nachhaltigen Einkauf sind die Absichten, welche die Organisationen verfolgen. Hier geben nur noch 59 Prozent der Befragten an, konkrete Ziele zur Steigerung der Nachhaltigkeit abzuleiten – 41 Prozent verfolgen eher oder überhaupt keine Ziele. Viele Organisationen weisen darüber hinaus Nachholbedarf auf, wenn es darum geht, ihre Ziele durch Kennzahlen zu quantifizieren und regelmäßig zu überprüfen: Mit 54 Prozent quantifiziert über die Hälfte der Befragten eher keine oder überhaupt keine Ziele durch Kennzahlen. Wie bei der Strategie sind bei den Nachhaltigkeitszielen größere Unternehmen ambitionierter als kleine.

Was bedeutet Nachhaltigkeit?

Doch was verstehen die Unternehmen konkret unter Nachhaltigkeit? Auch diese Frage wurde den Teilnehmern im Rahmen der Höveler Holzmann-Studie gestellt: Sie konnten angeben, welche sozialen, ökologischen und ökonomischen Ziele sie zur Steigerung ihrer Nachhaltigkeit im Einkauf verfolgen. Das Ergebnis hinsichtlich sozialer Nachhaltigkeit: Verzicht auf Kinderarbeit erwarten mit 95 Prozent die meisten Organisationen von ihren Lieferanten, dicht gefolgt vom Verzicht auf Zwangsarbeit (93 Prozent) und Diskriminierung (92 Prozent). Auch faire Löhne und Arbeitsplatzgesundheit und -sicherung erwartet die Mehrheit der Teilnehmer (jeweils 76 Prozent) von den Lieferanten, Geschlechtergleichstellung ist 60 Prozent wichtig. Weitaus seltener wird das Ziel der Aus- und Weiterbildung genannt, nämlich von nur 34 Prozent.

Bei den ökologischen Zielen wird mit 74 Prozent das Recycling von Material am häufigsten genannt. Die Einsparung von Material bei der Produktion sowie die Vermeidung oder Reduzierung von Emissionen ist jeweils 66 Prozent der Teilnehmer wichtig, dicht gefolgt von nachhaltigen Verpackungen mit 64 Prozent. Die Nutzung regenerativer Ressourcen oder gar Klimaneutralität wünscht sich eine knappe Mehrheit der Einkaufsorganisationen (je 52 Prozent). Eine Minderheit von 44 Prozent erwartet, dass ihre Lieferanten nachhaltige Transportmittel oder Wege nutzen. Insgesamt wird somit deutlich, dass soziale Ziele bei den Teilnehmern einen höheren Stellenwert genießen als ökologische – ähnlich wie das Lieferkettengesetz diese Faktoren gewichtet.

Ökonomische Ziele hingegen werden von den teilnehmenden Unternehmen vergleichsweise häufig genannt: 83 Prozent von ihnen wünschen sich faire Geschäftspraktiken von ihren Lieferanten, 72 Prozent erwarten langfristige Verträge. Die Verhinderung von Betrug nennen 69 Prozent als Ziel, faire Preise 64 Prozent.