Logistikimmobilien: Nachhaltigkeit richtig umsetzen

Ein Fachforum auf der EXPO REAL widmete sich dem Thema ESG-Kriterien bei Logistikimmobilien.

V.l.n.r.: Matthias Pieringer, Doreen Kruschina, Michael Nolte, Giulia Peretti, Torsten Radszuweit. (Foto: Sandra Lehmann)
V.l.n.r.: Matthias Pieringer, Doreen Kruschina, Michael Nolte, Giulia Peretti, Torsten Radszuweit. (Foto: Sandra Lehmann)
Sandra Lehmann

Nachhaltigkeit, Klimaschutz und CO2-Neutralität spielen in Bestand und Neubau auch in der Logistik eine immer wichtigere Rolle. Aber wie können Logistikimmobilienentwickler, Bauherren und Investoren Nachhaltigkeit bei Logistikansiedlungen umsetzen und welche Dinge sind dabei zu beachten? Diesen Fragen widmete sich die Logix-Talkrunde „Logistikimmobilien: Der Wettlauf zu ESG und Nachhaltigkeit ist eröffnet!“, die am 12. Oktober 2021 im Rahmen der Immobilienfachmesse EXPO REAL stattfand und von LOGISTIK HEUTE-Chefredakteur Mattias Pieringer moderiert wurde. Bevor es mit Michael Nolte, Director, Head of Project Management bei Prologis Germany Management GmbH, Giulia Peretti, Managerin ESG und Nachhaltigkeit, Real I.S. AG, sowie Torsten Radszuweit, Leiter Zentraleinkauf und Immobilien, Pfenning Logistics Group, in die Diskussion ging, erläuterte Doreen Kruschina, Kruschina Planung + Baumanagement, zunächst die wichtigsten Grundlagen in Sachen Nachhaltigkeit bei Logistikimmobilien.

Risiken und Vorteile der EU-Taxonomie

So wies die Expertin etwa auf Unterschiede zwischen Zertifizierungen wie etwa BREEAM, DGNB sowie WELL und der EU-Taxonomie hin. Hätten die unterschiedlichen Zertifizierungs-Organisationen jeweils eigene Vorgaben für das Erreichen eines bestimmten Nachhaltigkeitsstandards bei Gebäuden, sei die EU-Taxonomie einheitlicher, aber auch deutlich strenger in den Kriterien. „Wer nach der EU-Taxonomie zur Nachhaltigkeit bauen möchte, muss alle Parameter sehr korrekt und vor allem von Anfang an erfüllen. Fehler in der Planung sind anschließend nicht mehr heilbar. Dabei geht es nicht nur um CO2-Neutralität, sondern auch um soziale Standards sowie Abfallvermeidung und Recycling“, erläuterte Kruschina.

Das Risiko, ein Kriterium nicht zu erfüllen und anschließend nicht zertifiziert zu sein, steht für die Immobilienfachfrau einer Fülle von Vorteilen gegenüber.

„Man erhält durch die Taxonomie eine wesentlich höhere Transparenz in Sachen Nachhaltigkeit und damit auf Dauer eine höhere Gebäudequalität. Und auch bestimmte Technologien, die helfen nachhaltiger zu bauen, werden sich mit den strengeren Vorgaben schneller durchsetzen.“

Für den Logistikimmobilien-Spezialisten Prologis seien ESG-Standards, also Environmental-, Social- und Governance-Kriterien, seit Langem bereits Teil der täglichen Entwicklerpraxis, stieg Michael Nolte in die Diskussion ein. Das Unternehmen hat im Rahmen der diesjährigen EXPO REAL den Logix-Award für eine Logistikanlage erhalten, die nach dem WELL-Standard konzipiert wurde. Allerdings, so der Experte, spiele Nachhaltigkeit nicht nur bei Neubauten eine Rolle. Auch in Bestandsgebäuden müssten die Kriterien greifen.

„Das ist sehr herausfordernd, weil die Infrastruktur dafür häufig nicht gemacht ist. Zum Beispiel müssen Dächer bei älteren Anlagen meist komplett neu gedeckt werden, damit Fotovoltaikanlagen überhaupt installiert werden können“, gab Nolte Einblick in die Praxis.

Neben CO2-Neutralität steht für Torsten Radszuweit das Wohlbefinden der Mitarbeiter im Fokus von Logistikanlagen.

„Wir stehen als Dienstleister in einem harten Wettbewerb um Arbeits- und Fachkräfte. Es ist für uns essenziell, dass unsere Belegschaft gern zur Arbeit kommt. Vor allem in Bestandsgebäuden ist ein attraktives Umfeld Pflicht.“

Trotz dieser Bemühungen ist Pfenning Logistics auch schon an Grenzen gestoßen, was nachhaltiges Bauen und insbesondere die Erfüllung der EU-Taxonomie angeht.

„Bei einem unserer Neubauprojekte waren wir sehr nah dran am Kriterienkatalog der EU. Allerdings wollten wir auch gern eine Werkstatt für unseren Lkw-Fuhrpark einrichten, um flexibler auf Ausfälle zu reagieren. Das hätte sich wirtschaftlich aber nur gelohnt, wenn wir auch eine Tankstelle installiert hätten. Laut EU-Taxonomie dürfen aber keine fossilen Brennstoffe gefördert werden. Damit war diese Idee dann vom Tisch“, erklärte Radszuweit dem Publikum.

Durch eine gute Datenlage zur mehr Umweltschutz und besseren Sozialstandards beizutragen ist das Ziel von Giulia Peretti. Als Nachhaltigkeitsbeauftragte ihres Unternehmens hält es die Fachfrau für essenziell, nicht nur selbst zu wissen, wie viel ein Gebäude an Ressourcen verbraucht und wie hell beispielsweise das Licht sein muss, damit Mitarbeiter ihren Job einfacher und sicherer erledigen können. Auch die Belegschaft, insbesondere Führungskräfte, können aus ihrer Sicht mit den richtigen Daten für das Thema Nachhaltigkeit sensibilisiert werden.

„Wie viel Strom, Wasser und Energie verbraucht wird und ob dabei noch Luft für Einsparungen ist beziehungsweise nachweislich irgendwo Verschwendung stattfindet, kann ein Motivator für ein verändertes Verhalten am Arbeitsplatz sein“, so Peretti.

Allerdings sei es momentan noch sehr schwer an belastbare Daten zu kommen und diese auch öffentlich nutzen zu dürfen. Hier wünscht sich die Expertin eine deutliche Verbesserung für die Zukunft. Dranbleiben könnte sich aus Sicht von Doreen Kruschina durchaus lohnen.

„Ich gehe davon aus, dass es zukünftig ein Best-in-Class-System geben wird, in dem ein Wettbewerb darum herrscht, wer mehr und schneller in Nachhaltigkeit investiert. Die, die wirklich an dem Thema arbeiten, werden einen Vorteil haben.“

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