Logistikdienstleistung: „Auch wir bekommen den Fachkräftemangel zu spüren“

Wenn es um Lebensmittellogistik geht, weiß man bei der Nagel-Group Bescheid. Wie das Unternehmen mit Sitz in Versmold mit den gestiegenen Energiepreisen und dem andauernden Fachkräftemangel umgeht, erläutert CEO Carsten Taucke im Gespräch mit LOGISTIK HEUTE.

Carsten Taucke hat mit LOGISTIK HEUTE-Redakteurin Sandra Lehmann über die aktuellen Herausforderungen der Energiekrise und des Fachkräftemangels gesprochen. (Foto: Andre Zelck)
Carsten Taucke hat mit LOGISTIK HEUTE-Redakteurin Sandra Lehmann über die aktuellen Herausforderungen der Energiekrise und des Fachkräftemangels gesprochen. (Foto: Andre Zelck)
Sandra Lehmann

LOGISTIK HEUTE: Die Preise für Energie sind stark gestiegen. Das belastet auch Logistikdienstleister. Wie gehen Sie damit um?

Carsten Taucke: Wir haben bereits Ende vergangenen Jahres einen sogenannten Energie-Floater für unsere Kunden eingeführt – ein flexibles Modell, das die aktuelle Preisentwicklung für Brennstoffe miteinbezieht. Damit können wir unser Angebot so kalkulieren, dass die Steigerungen mit abgefangen werden. Allein könnten wir die Teuerung in diesem Bereich nicht mehr tragen, das würde uns an den Rand der Existenz drängen. Das verstehen auch unsere Kunden, die zum größten Teil Verständnis für dieses Vorgehen zeigen. Auch wenn sie natürlich selbst nicht glücklich über die Mehrbelastungen sind.

Die gestiegenen Preise halten auch viele Endverbraucher zum Sparen an. Bekommen Sie als Logistikdienstleister für die Lebensmittelbranche die Zurückhaltung am Ladenregal zu spüren?

Bis jetzt ehrlicherweise nicht, ganz im Gegenteil sogar. In den ersten acht Monaten dieses Jahres verzeichneten wir ohne Ausnahme höhere Volumina als noch 2021. Wir gehen davon aus, dass dieser Effekt auch der Coronapandemie und den Lockdowns geschuldet ist, die es im vergangenen Jahr gegeben hat und die 2022 bislang zum Glück ausgeblieben sind.

Sorgenkind vieler Dienstleister ist neben den Energiepreisen der Mangel an Fachkräften und Lkw-Fahrern. Betrifft Sie diese Entwicklung?

Ja, auch wir bekommen diesen Trend natürlich zu spüren – aktuell sogar noch verstärkt durch die Ukraine-Krise. Viele Fahrer aus osteuropäischen Ländern orientieren sich anderswo hin und wir merken, dass auch unsere Subunternehmer und diejenigen, die uns bislang bei der Arbeitskräftesuche unterstützt haben, kein Personal mehr finden. Gerade in strukturschwächeren Gebieten ist das eine Herausforderung – sowohl im Bereich Kraftfahrer als auch bei den Lagermitarbeitern.

Wie versuchen Sie in diesem Punkt gegenzusteuern?

Zum einen mit den Maßnahmen, die wir bereits seit Jahren in den Fokus stellen. Wir verstehen uns als attraktiven Arbeitgeber, der marktgerecht bezahlt und seine Mitarbeiter gut behandelt. Zum anderen versuchen wir gerade im Bereich Lkw-Fahrer ein besseres Arbeitsumfeld zu schaffen, in dem wir verstärkt Tagestouren anbieten, im engeren Europa unterwegs sind und zuverlässige Arbeitszeiten anbieten.

Was tun Sie, um Mitarbeiter für Ihre Logistikzentren zu finden und zu binden?

Wir nutzen gern Veranstaltungen, um auf uns als Arbeitgeber hinzuweisen und zu zeigen, dass es sich lohnt, Teil unseres Teams zu werden. Insbesondere Nachwuchskräften, für die wir ein internes Förderprogramm etabliert haben, möchten wir offene Türen signalisieren. Dafür besuchen wir Jobmessen in ganz Deutschland oder laden selbst ein. Der persönliche Kontakt ist vielfach entscheidend. Für den Erstkontakt setzen wir natürlich auch auf die digitalen Kanäle, haben auf unseren Karriereseiten die Möglichkeiten für Schnellbewerbungen geschaffen und machen über Social Media Ads auf uns aufmerksam. Wir beziehen auch unsere Mitarbeiter ein und haben Mitarbeiter-werben-Mitarbeiter-Programme eingeführt. Denn unsere zufriedenen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind die besten Botschafter für unser Unternehmen.

Liegt der Fachkräftemangel – sowohl im Bereich Kraftfahrer als auch bei den Lagermitarbeitern – mitunter auch am schlechten Image der Logistik?

Obgleich wir alle natürlich am Image der Logistikwirtschaft noch nachbessern können, bin ich der Meinung, dass sich bei einigen Berufen in den vergangenen Jahren viel zum Besseren gewendet hat. Nehmen wir nur den Lageristen – ein Job, der aus meiner Sicht immer noch sehr in seinem Anspruch und seiner Vielfältigkeit unterschätzt wird. Klar, man läuft viel und ist – wie etwa bei der Nagel-Group – oft in Kühl- und Tiefkühlzonen unterwegs. Aber, war das früher ein Anlernberuf, gibt es heute eine mehrjährige Ausbildung. Und das ist auch gut so. Man muss in diesem Job in der Lage sein, sich mit vielen Dingen auseinanderzusetzen. Eventuell den Staplerschein zu machen, so wie wir es auch anbieten. Man muss digitale Neuerungen einsetzen und unterschiedliche Systeme bedienen können. Warum dieser Job also immer klein geredet wird, erschließt sich mir nicht. Im Gegenteil: Logistiker sind systemrelevant, auf der Fläche am Gabelstapler, in der Disposition oder in der Fahrerkabine. Wir Lebensmittellogistiker versorgen die Bevölkerung Europas, darauf kann man sogar stolz sein, seinen Teil dazu beizutragen.

Neben dem Fachkräftemangel treibt viele Unternehmen das Thema Nachhaltigkeit um. Welchen Stellenwert haben Umweltschutz und soziale Gerechtigkeit bei Ihnen?

Einen sehr bedeutenden. Strategisch ist dieses Thema sehr weit oben aufgehängt – und wird auch vom Top-Management und dem Verwaltungsrat weiterentwickelt. Außerdem haben wir neben unserer Nachhaltigkeitsabteilung ein bereichsübergreifendes Nachhaltigkeitskomitee für die Umsetzung von Nachhaltigkeitsmaßnahmen aufgebaut. Das hat zum einen den Grund, dass wir uns als Familienunternehmen den nachfolgenden Generationen verpflichtet fühlen und diese Aufgabe deshalb nicht nur halbherzig angehen möchten. Darum beziehen wir bei Planungen in diese Richtung auch gern alle Abteilungen im Unternehmen ein und bitten auch unsere Nachwuchskräfte Vorschläge für Nachhaltigkeitsprojekte zu machen. Zum anderen gibt es heute kaum noch eine Ausschreibung unserer Kunden, bei der Nachhaltigkeit keine Rolle spielt. Sich darum zu bemühen wird also nach und nach zum Wettbewerbskriterium.

In welchen Bereichen kommt Nachhaltigkeit denn bei der Nagel-Group bereits zum Tragen?

Bei unseren Logistikimmobilien ist das Thema Nachhaltigkeit immer im Fokus – ob wir neu bauen oder erweitern oder modernisieren. Wo immer es möglich ist, setzen wir in unseren Logistikzentren zukünftig auf Photovoltaik, setzen zum Beispiel Maßnahmen zur Verbesserung unserer Kälteanlagen oder der Dämmung um. Wir lassen uns regelmäßig nach dem ZNU-Standard für Nachhaltiges Wirtschaften zertifizieren. Ein wichtiger Punkt ist hierbei auch unsere Belegschaft mitzunehmen: So haben wir zum Beispiel an mittlerweile acht unserer Standorte Bienenvölker angesiedelt, um auf das Thema Artenschutz aufmerksam zu machen. Den Nagel-Honig können unsere Mitarbeiter dann gegen eine kleine Spende erhalten mit der wir ein soziales Projekt unterstützen, das der jeweilige Standort selbst aussucht. In unserer Dienstwagenflotte sind seit einiger Zeit vollelektrische Pkw im Einsatz, jede dritte Neubestellung ist schon ein E-Auto. Entsprechend bauen wir die Ladeinfrastruktur bei uns aus. Und auch bei den Lkw simulieren wir den Einsatz alternativer Antriebstechnologien und starten Piloten. Im Süden Deutschlands haben wir aktuell ein Projekt mit einem unserer Kunden laufen, bei dem ein elektrisches Shuttle zum Einsatz kommt.

Das Gespräch führte Sandra Lehmann.

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