Logistik-Indikator: Im dritten Quartal machen sich Zukunftssorgen breit

Der Indikator sieht vor allem Materialengpässe und die zunehmende Inflation als Grund für das weitere Einbrechen der Geschäftserwartungen.

Auf welche Konjunkturentwicklungen müssen sich Anbieter und Nutzer von Logistikdienstleistungen einstellen? (Symbolbild: Kadmy / Fotolia)
Auf welche Konjunkturentwicklungen müssen sich Anbieter und Nutzer von Logistikdienstleistungen einstellen? (Symbolbild: Kadmy / Fotolia)
Therese Meitinger

In der deutschen Logistikwirtschaft präsentierte sich das Geschäftsklima im dritten Quartal 2022 im Vergleich zum Vorquartal noch einmal merklich ungünstiger und notierte nur noch bei einem Stand von 87,6 Punkten. Dies geht aus den monatlichen Erhebungen zum Logistik-Indikator hervor, die das Ifo Institut im Auftrag der Bundesvereinigung Logistik e.V. (BVL) im Rahmen seiner Konjunkturumfragen durchführt. Ursächlich für den Rückgang war laut den Mitteilungen der beiden Institutionen vom 20. September die spürbare Verschlechterung der Geschäftslage und -erwartungen.

Die Entwicklung sei angesichts der galoppierenden Inflation und der anhaltenden Probleme in den Lieferketten nicht überraschend, so Prof. Dr. Thomas Wimmer, Vorstandsvorsitzender der Bundesvereinigung Logistik (BVL), in seinem Kommentar zu den Ergebnissen. Es lohne sich aber ein genauerer Blick auf die Sektoren Industrie und Handel sowie Logistikdienstleistung, da diese die aktuelle Geschäftslage recht unterschiedlich beurteilten.

Unterschiedliches Bild bei Logistikdienstleistern und -anwendern

Bei den Logistikdienstleistern trübten sich die Geschäftsperspektiven deutlich ein und auch die Zufriedenheit mit der aktuellen Geschäftssituation nahm merklich ab. Folglich sank auch der Punktestand des Klimaindikators auf 88,4. Im Vergleich zu den vergangenen drei Monaten verlor die Nachfrage klar an Dynamik, was dazu führte, dass die Auftragsbestände stellenweise als zu niedrig empfunden wurden. Für die nahe Zukunft wurde nur noch vereinzelt mit einer steigenden Nachfrage gerechnet und es wurden auch wesentlich seltener Preissteigerungen anvisiert als zuletzt.

Thomas Wimmer verweist in seinem Kommentar jedoch darauf, dass der Indikator zur aktuellen Situation in diesem Segment im Vergleich zum Vorgängerindikator deutlich weniger zurückging als in Handel und Industrie. Der Indikator bewegt sich ihm zufolge auf einem ähnlichen Level wie etwa im dritten Quartal 2022. Den Grund für diese Entwicklung vermutet Wimmer in Aufholeffekten, resultierend aus den Staus vor den asiatischen Häfen sowie den weiterhin sehr hohen Preise im Seefrachtbereich.

Bei den Betrieben aus Handel und Industrie machten sich vernehmbar mehr Sorgen über die erwartete Geschäftsentwicklung breit. Des Weiteren nahm auch die Zufriedenheit mit den laufenden Geschäften stark ab. Als Resultat kühlt das Geschäftsklima deutlich ab und war mancherorts ungünstig. Der Klimaindikator notierte bei 87,8 Punkten. In den letzten Monaten konnten die Lagerbestände wieder aufgefüllt werden und wurden im Gegensatz zum Vorquartal sogar stellenweise als zu groß eingestuft. Weitere Preiserhöhungen peilten die Befragten nicht mehr ganz so häufig an wie in den Quartalen zuvor.

Bedarf an Logistikdienstleistungen könnte sinken

Die schwierige Situation in Industrie und Handel ziehe aber auch schlechtere Geschäftserwartungen bei den Logistikdienstleistern nach sich, kommentiert Thomas Wimmer von der BVL. Die negativen Geschäftserwartungen bei Industrie und Handel werden ihm zufolge vermutlich zu einem sinkenden Bedarf an Logistikdienstleistungen führen. Viele Unternehmen haben mit dem Ziel höherer Resilienz gegen Lieferstörungen bereits ihre Bestände erhöht, was wiederum zu sinkender Nachfrage im Dienstleistungsbereich führt.

„Der Krieg in der Ukraine dagegen ist in der Logistik insofern kein großes Thema mehr, als die diesbezüglichen Lieferketten bereits umgestellt wurden“, sagt Wimmer.

Hier erwarten die BVL-Mitglieder laut einer jüngst durchgeführten Blitzumfrage keine außergewöhnlichen Störungen mehr. Die Sanktionen gegen Russland dagegen werden sich weiter auswirken, zuallererst natürlich durch die hohen Energiepreise.

Ein teils durch Corona verursachter hoher Krankenstand bei den Logistikdienstleistern treffe auf den chronischen Personalmangel, was weiter steigende Preise vermuten lasse, sagt Wimmer. Diese kommen zusätzlich zu den allgemeinen Preissteigerungen in der Produktion. Eine weiter ungebremst steigende Inflation könnte zu einer starken Konsumzurückhaltung und damit in eine echte Rezession führen, prognostiziert Wimmer.

Konjunktur kühlt wohl weiter ab

Auch Prof. Dr. Timo Wollmershäuser vom Ifo Zentrum für Makroökonomik und Befragungen sieht eine Abkühlung der Konjunktur: Die Energiekrise und die damit verbundene hohe Unsicherheit über den weiteren Verlauf der Energieversorgung schwächte ihm zufolge die deutsche Konjunktur ab. Im ersten Halbjahr 2022 verausgabten die privaten Haushalte größtenteils die Sparrücklagen, die sie im Zuge der Pandemie in den vergangenen beiden Jahren gebildeten hatten.

„Da sich der Anstieg der Verbraucherpreise in den kommenden Monaten noch beschleunigen wird, nicht zuletzt, weil die Energieversorger allmählich die kräftig gestiegenen Beschaffungskosten für Strom und Gas an ihre Kunden weitergeben werden, wird in der zweiten Jahreshälfte der Konsum der privaten Haushalte und im Einklang damit die gesamte Wirtschaftsleistung zurückgehen“, prognostiziert Wollmershäuser.

Auch die aktuellen Ifo Konjunkturumfragen legen eine solche Abkühlung nahe. Über alle Wirtschaftsbereiche hinweg zeigten sich die Unternehmen über die weitere Entwicklung ihrer Geschäftssituation besorgt. Auch der Anteil Unternehmen mit einer positiven Lagebeurteilung nahm weiter ab. Dass die Einschätzungen zur wirtschaftlichen Lage per saldo noch positiv ausfielen, dürfte Wollmershäuser zufolge an den hohen Auftragsbeständen der Unternehmen im Verarbeitenden Gewerbe und im Bauhauptgewerbe liegen, die allerdings allmählich abschmelzen.

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