Lieferketten-Studie: Inflation bremst im Einkauf Nachhaltigkeit aus

Erst 22 Prozent der im Rahmen einer Ivalua-Studie befragten deutschen Unternehmen haben das deutsche Lieferkettengesetz vollständig umgesetzt.

Nachhaltigkeitsinitiativen und Inflationsbekämpfung zusammenzubringen stellt sich für viele Unternehmen herausfordernd dar, so eine Studie von Ivalua. (Symbobild: Ronolo Tavani / Fotolia)
Nachhaltigkeitsinitiativen und Inflationsbekämpfung zusammenzubringen stellt sich für viele Unternehmen herausfordernd dar, so eine Studie von Ivalua. (Symbobild: Ronolo Tavani / Fotolia)
Therese Meitinger

Eine Studie von Ivalua, einem US-französischen Anbieter von Cloud-basierten Spend-Management-Lösungen, ergab, dass 89 Prozent der Lieferketten der befragten Unternehmen in den letzten zwölf Monaten inflationsbedingt unterbrochen wurden. Das berichtet eine Pressemitteilung vom 7. September. Die Studie wurde nach Firmenangaben von Sapio Research im Juli 2023 im Auftrag von Ivalua durchgeführt. Sie beruht auf einer Umfrage unter 850 Beschaffungsleitern in GB (250), USA (250), Deutschland (100), Frankreich (100), Schweden (50), Niederlande (50) und Italien (50).

Aufgrund der höheren Inflation und steigender Kosten wurden der Studie zufolge die Unternehmen bei ihren Bemühungen zur Verbesserung der Nachhaltigkeit der Lieferketten (66 Prozent) und der Arbeitsstandards (62 Prozent) ausgebremst. Und das trotz des zunehmenden Drucks der Regulierungsbehörden bezüglich Transparenz und Berichterstattung und einer Zunahme von Fällen moderner Sklaverei. Laut der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) lebten 2021 49,6 Millionen Menschen in moderner Sklaverei, davon 27,6 Millionen in Zwangsarbeit und 17,3 Millionen in der privaten Wirtschaft.

Lieferkettengesetz erhöht Druck für ESG-Engagement

Im Januar 2023 ist das deutsche Lieferkettensorgfaltspflichtengesetz (LkSG) in Kraft getreten, das Unternehmen dazu verpflichtet, die Einhaltung von Menschenrechten bei ihren direkten Lieferanten zu überwachen. Die von Ivalua beaufragte Studie ergab nun, dass bisher nur 22 Prozent der befragten Unternehmen das Gesetz vollständig umgesetzt haben, 47 Prozent sind dabei es umzusetzen – 17 Prozent sind noch in der Planungsphase.

In der Studie wird zudem festgestellt:

  • Kosten sind wichtiger als Nachhaltigkeit: Mehr als die Hälfte der Unternehmen (55 Prozent) arbeiteten aufgrund steigender Kosten mit billigeren statt mit umweltfreundlicheren Lieferanten zusammen.
  • Deutsche Unternehmen deutlich stärker von Sanktionen betroffen als europäische Nachbarn: Während 64 Prozent der deutschen Unternehmen aufgrund der Sanktionen im Krieg gegen die Ukraine betroffen sind, waren es in Italien 42 Prozent, in Frankreich 55 Prozent und in den Niederlanden nur 16 Prozent.
  • Onshoring der Lieferketten, um Ungewissheiten zu verringern: Mehr als ein Drittel (39 Prozent) der Unternehmen haben in den letzten zwölf Monaten ihre Lieferketten auf mehr lokale Anbieter umgestellt, um Ungewissheiten zu reduzieren, und weitere 43 Prozent beabsichtigen, ebenso vorzugehen.
  • Die Rückkehr von Sparmaßnahmen: Die Unternehmen reagierten auf die hohe Inflation mit einer verstärkten Konzentration auf Kostensenkungen (43 Prozent), betriebliche Effizienz (42 Prozent), und einer höheren Gewichtung der Kosten bei der Lieferantenauswahl (30 Prozent).

„Die Inflation verhindert weitere Fortschritte im ESG-Bereich. Wenn die Unternehmen Kosten senken, um dem Sturm der Inflation zu trotzen, bleiben der Umweltschutz und der Schutz vor moderner Sklaverei auf der Strecke. Dadurch laufen die Unternehmen Gefahr, ihre Netto-Null-Ziele zu verfehlen, Greenwashing zu betreiben und die regulatorischen ESG-Anforderungen nicht mehr zu erfüllen“, kommentiert Alex Saric, Experte für Smart Procurement bei Ivalua.

„Viele Unternehmen verlagern ihre Lieferketten auch deshalb ins Inland, um Kosten zu senken und Risiken aufgrund von geopolitischen Störungen zu verringern. Doch diejenigen, die sich für Onshoring entscheiden, müssen eine gewisse Vielfalt bei den Risikoprofilen ihrer Lieferketten erhalten, um auch die Auswirkungen lokaler Störungen verringern zu können.“

Ukrainekrieg belastet europäische Unternehmen

Die Unternehmen berichten den Studienautoren zufolge, dass sie in den letzten zwölf Monaten durch die steigenden Kosten von Energie und Kraftstoffen (86 Prozent) sowie Rohstoffen (84 Prozent) behindert wurden. Der Krieg in der Ukraine belastet weiterhin die europäischen Unternehmen, insbesondere in Frankreich (83 Prozent), Italien (82 Prozent) und Deutschland (79 Prozent).

Mehr als die Hälfte (55 Prozent) der Führungskräfte im Beschaffungswesen ist der Meinung, dass ihr Unternehmen nicht gut gerüstet sei, um Unsicherheiten zu bewältigen und darauf zu reagieren. Mehr als zwei Drittel der Beschaffungsleiter wollen mehr Verantwortung für die Bewältigung dieser Ungewissheit übernehmen, aber nur 31 Prozent fühlen sich von ihrem Unternehmen ausreichend dazu befähigt.

„Die Beschaffung hat das Potenzial, den Unternehmen bei der Verringerung der Auswirkungen der Inflation zu helfen. Mithilfe von Technologie können die Beschaffungsteams die Visibilität über die Beschaffungskette und die Zusammenarbeit verbessern, um gemeinsam mit den Lieferanten zur Identifizierung von Chancen für langfristige Kosteneinsparungen beizutragen“, betont Alex Saric.

Zum Beispiel könnten frühe Zahlungstermine oder die Nutzung von Einkaufsvorteilen dazu beitragen, die Auswirkungen der Inflation zu dämpfen, indem sie dem Einkäufer Rabatte sicherten und gleichzeitig das Risiko für den Lieferanten verringerten. Dies helfe den Unternehmen, starke Lieferantenbeziehungen zu schaffen, sodass sie weiterhin bei ESG-Initiativen zusammenarbeiten können, ohne die Beziehungen durch den Fokus auf Kosteneinsparungen zu opfern.