Lieferantenmanagement: Den Druck entlang der Lieferkette reduzieren

Fünf aktuelle Herausforderungen machen deutlich, wo Prozessoptimierungen greifen können.

Lieferkettenstörungen haben in den letzten Jahren vielen Supply Chain Managern zu schaffen gemacht. (Symbolbild: Kamonrat / Fotolia)
Lieferkettenstörungen haben in den letzten Jahren vielen Supply Chain Managern zu schaffen gemacht. (Symbolbild: Kamonrat / Fotolia)
Therese Meitinger

Mit Lieferkettenengpässen, Fachkräftemangel oder fehlender Transparenz in den Warenströmen waren Supply Chain Manager in den letzten beiden Jahren immer wieder konfrontiert. DSV IMS, die SCM-Sparte des dänischen Logistikdienstleisters DSV, hat aktuelle Herausforderungen zusammengefasst, um zu betrachten, wie sich der Aufwand reduzieren lässt, ohne an Qualität einzubüßen.

Laut einer Studie des „Bundesverband Materialwirtschaft, Einkauf und Logistik“ (BME) waren im Jahr 2020 86 Prozent der Unternehmen von Lieferkettenunterbrechungen betroffen. Verantwortlich waren demnach vor allem direkte Lieferanten, aber auch Sub-Lieferanten verursachen immer häufiger Störungen. Fast alle befragten Unternehmen beklagen fehlende Transparenz bei der Lieferkettensteuerung sowie eine fehlende Digitalisierung von Lieferkettenprozessen. Um der Materialknappheit und Lieferkettenstörungen entgegenzuwirken, sahen sich die meisten Verantwortlichen bisher gezwungen, zusätzliche Lieferanten in ihr Portfolio aufzunehmen.

„Wenn Sie heute beispielsweise bei einem Halbleiterunternehmen mit einem Jahresumsatz von über 500 Millionen US-Dollar für den Einkauf verantwortlich sind, arbeiten Sie wahrscheinlich mit 1.500 bis 2.000 Lieferanten und bearbeiten jedes Jahr 8.000 bis 9.000 Bestellungen sowie mehr als 10.000 SKUs (Stock Keeping Units) zur Steuerung und Verwaltung des Lagerbestands“, erläutert Sam Samson, Global VP und Managing Director EMEA bei DSV IMS.

Das Management verlange, dass der Warenfluss sichergestellt ist und möglichst auch Kosten reduziert werden, habe aber oft keinen Überblick über die gestiegenen Anforderungen und die dadurch zusätzliche Arbeitsbelastung, beschreibt Samson weiter ein typisches Szenario.

Fünf wachsende Herausforderungen sieht DSV IMS:

  • Mehr Störungen im Warenfluss: Gerade in den vergangenen zwei Jahren, war es für den Einkauf immer schwieriger sicherzustellen, dass Materialien und Teile rechtzeitig sowie in der geforderten Qualität und Menge verfügbar waren. Die stärkere Globalisierung von Supply Chains sowie schwer vorhersehbare Ereignisse werden nach Ansicht des Logistikdienstleisters auch in Zukunft die Steuerung von Lieferketten massiv beeinflussen. Supply Chain Manager müssten sich daher zunehmend mit Marktanalysen und Risikobewertung beschäftigen, um beispielsweise Engpässe vorauszusehen und kommende Risiken zu analysieren, heißt es. Bereits heute informierten sich viele Einkäufer bei Rating-Anbietern und externen Experten, da sie intern nicht alle Bewertungen abdecken können.
  • Kostenkontrolle und Kapitalbindung: Eine der Kernaufgaben im Supply Chain Management ist die Kostenkontrolle, die wesentlich über die Profitabilität eines Unternehmens entscheidet. Kommt es jedoch zu Lieferengpässen, lassen sich höhere Kosten im Einkauf häufig nicht vermeiden. Denn wenn die für die Produktion notwendigen Materialien fehlen, stockt die Produktion, was zu noch höheren Verlusten führt. Einer der wenigen Hebel, um solchen Engpässen entgegenzuwirken, ist DSV IMS zufolge bisher die Zusammenarbeit mit immer mehr Lieferanten, um Ausweichoptionen zu haben. Dies ziehe jedoch zusätzliche Arbeitsprozesse nach sich.
    Den zweiten Hebel sieht der Anbieter in der Vorratshaltung von Material. Wer jedoch zu viel Lagerbestand habe, sei im Wettbewerb oft nicht effizient genug, so DSV IMS. Denn das binde zu viel Kapital und trage außerdem noch zur allgemeinen Warenverknappung bei, wenn Material, das anderweitig dringend benötigt würde, als totes Kapital im Lager liegt.
  • Zusätzliche Lieferanten: Die Erweiterung der Supply Chain ist mit erheblichem Aufwand verbunden. Denn es sei nicht damit getan, Lieferanten zu finden, die die gefragten Materialien oder Teile bereitstellen, argumentiert DSV IMS. Für die Qualitätssicherung sei auch eine Prüfung der Waren notwendig. Hinzu komme eine Überprüfung des Lieferanten an sich, beispielsweise in Hinsicht auf seine Zuverlässigkeit, aber auch in Bezug auf die Einhaltung rechtlicher Vorgaben.
  • Steigende Compliance Anforderungen: Bei der Überprüfung der Lieferanten gilt es sowohl Branchenvorgaben als auch regionale Gesetzgebungen, Zollbestimmungen und viele weitere Faktoren zu berücksichtigen. Im Zuge des Lieferkettensorgfaltspflichtengesetzes (LkSG) müssen Unternehmen außerdem sicherstellen, dass alle direkten Lieferanten Menschenrechts- und Umweltstandards einhalten. Die Umsetzung dieser Vorgaben erfordert DSV IMS zufolge eine immer höhere Transparenz sowie die Erweiterung des Risikomanagements auch auf CSR-Risiken. Dafür ist eine Anpassung bestehender Compliance- und Vertragsregelungen sowie die Implementierung wirksamer Kontrollmechanismen erforderlich.
  • Hoher administrativer Aufwand: Durch die steigende Zahl der Lieferanten und Vorgaben erhöht sich der Aufwand bei der Betreuung und Administration enorm. Neben dem Onboarding neuer Zulieferer steige auch die Zahl der Verhandlungen über Preise und Lieferkonditionen, argumentiert DSV IMS. Die Anzahl der einzelnen Bestellungen und P.O.s (Bestellnummern), Rechnungen und SKUs (Stock Keeping Units) explodiere und alle Vorgänge müssten revisionssicher dokumentiert werden.

Betrachte man alle diese Aufgaben und zusätzlichen Anforderungen, sei leicht ersichtlich, dass die Verantwortlichen im Einkauf entlastet werden müssten, um ihre Kernaufgaben weiterhin erfüllen zu können, argumentiert DSV IMS. Es stelle sich daher die Frage, wie man den Aufwand reduzieren könne, ohne an Qualität einzubüßen. Eine Digitalisierung und teilweise Automatisierung von Prozessen kann nach Ansicht des Logistikdienstleisters in bestimmten Bereichen Routineaufgaben erleichtern. Allerdings zeigen laut DSV IMS die erwähnten Studien, dass die Digitalisierung noch nicht sehr weit fortgeschritten ist. Das ist dem Unternehmen zufolge einerseits dem erheblichen Aufwand bei der Implementierung über die unterschiedlichen Prozessketten hinweg geschuldet. Andererseits lohnt sich demnach die Investition aber auch nicht für jeden Anwendungsfall.

Super Supplier kann für Entlastung sorgen

„Wir haben bei der gemeinsamen Analyse mit unseren Kunden festgestellt, dass in fast allen Fällen maximal 20 Prozent der Lieferanten wirklich entscheidend für das Unternehmen und die Wettbewerbsdifferenzierung sind, denn sie liefern rund 80 Prozent der benötigten Waren“, erklärt Samson. „Diese Kernlieferanten sollten auf jeden Fall von den internen Experten in den Unternehmen betreut werden. Für die Betreuung der anderen Lieferanten lohnt es sich zu prüfen, ob sich hier die Zusammenarbeit mit einem spezialisierten Partner rentiert.“

Die Auslagerung der Betreuung von nicht geschäftskritischen Materialien und Lieferanten entlaste die Supply-Chain-Verantwortlichen erheblich, da es ihnen ermögliche, ihre Expertise auf die Kernlieferanten zu konzentrieren, so DSV IMS. Ein auf Supply Chain Management spezialisierter Partner kann laut dem Unternehmen als sogenannter „Super Supplier“ die zentrale Betreuung aller anderen Lieferanten übernehmen. Das reduziert DSV IMs zufolge nicht nur den Aufwand, sondern auch die Risiken erheblich. Der interne Einkauf in Unternehmen hat in dem Szenario nun eine Anlaufstelle und einen Verantwortlichen für rund 80 Prozent seiner früheren Lieferanten-Koordination. Der Super Supplier übernimmt die Verantwortung dafür, dass die Waren rechtzeitig geliefert werden und erstellt Marktanalysen für das Risikomanagement. Zudem bindet er, wenn notwendig, nach Absprache zusätzliche Lieferquellen ein, verifiziert diese und hilft dabei, die Kosten zu reduzieren. Noch entscheidender sei jedoch, das nicht mehr so viel Kapital im Lagerbestand gebunden sei und nun zur Verfügung stehe, so DSV IMS.

„Wichtig ist es sicherzustellen, dass ein solcher Partner eine vollständige Transparenz ermöglicht“ betont Samson. „Das ist nicht nur die Basis für die vertrauensvolle Zusammenarbeit und den Schutz aller Lieferantenbeziehungen, sondern auch für die Einhaltung aller rechtlichen Vorgaben und Audits. Ist dies gewährleistet, kann eine solche Zusammenarbeit erhebliche Vorteile realisieren. Wir konnten beispielsweise den monatlichen Rechnungsaufwand bei Kunden von 750 Einzelrechnungen auf zwei Rechnungen an uns reduzieren.“

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