KI und Lieferkettenstabilität: Deutsche Industrie sieht Potenziale in EU Data Act

Laut einer Umfrage im Vorfeld der HANNOVER MESSE sehen deutsche Industrieunternehmen die größte Herausforderung im Herausfiltern und Schutz vertraulicher Informationen bei der Datenbereitstellung.

Möglichkeiten für eine bessere Zusammenarbeit entlang der Lieferketten erhoffen sich 39 Prozent der Befragten der HPE-Umfrage. (Symbolbild: Kamonrat / Fotolia)
Möglichkeiten für eine bessere Zusammenarbeit entlang der Lieferketten erhoffen sich 39 Prozent der Befragten der HPE-Umfrage. (Symbolbild: Kamonrat / Fotolia)
Therese Meitinger

Entgegen sehr kritischen Äußerungen von Branchenverbänden im vergangenen Jahr sehen aktuell zwei Drittel der Industrieunternehmen in Deutschland den Data Act eher als Chance denn als Risiko. Bereits 43 Prozent der Befragten haben begonnen, sich auf das Gesetz vorzubereiten, das im September 2025 zur Anwendung kommt. Allerdings haben die IndustriefFirmen noch viel Arbeit vor sich, um die damit verbundenen Chancen zu nutzen und seine Risiken zu minimieren. Zu diesen Ergebnissen kommt eine von Hewlett Packard Enterprise (HPE) beauftragte und vom Marktforschungsunternehmen YouGov Ende März durchgeführten Umfrage unter 400 Führungskräften in Industrieunternehmen in Deutschland. Sie wurde am 15. April im Vorfeld der der HANNOVER MESSE vorgestellt.

„Jetzt oder nie – der Data Act kann ein entscheidender Schritt sein, um Europa zur führenden Region für die industrielle Datenwirtschaft zu machen“, sagt Marc Fischer, Vorsitzender der Geschäftsführung, HPE Deutschland. „Unsere Umfrage zeigt, dass die Industriefirmen in Deutschland das Potenzial der Verordnung erkannt haben. Um es zu nutzen, müssen sie Datenwertschöpfung ins Zentrum ihrer Geschäftsstrategie stellen. Hier gibt es allerdings noch viel Aufholbedarf – das geht nicht über Nacht, sondern erfordert eine Transformation auf allen Ebenen.“

Kommission optimistisch, Branchenverbände warnten

Das Ziel des Data Act ist es, die Datenwirtschaft in Europa zu beflügeln, indem es Hersteller von vernetzten Produkten und verbundener Dienste dazu verpflichtet, die durch die Nutzung ihrer Produkte/Dienste in der EU generierten Daten den Nutzern auf Wunsch zur Verfügung zu stellen. Die Nutzer – Privatpersonen oder Firmen/Behörden – dürfen diese Daten zudem an Dritte weitergeben, die sie mit der Verwertung dieser Daten beauftragen.

Damit werden große Mengen an Produktdaten für die Datenwirtschaft verfügbar, die bisher allein von den Herstellern kontrolliert wurden. Die Europäische Kommission schätzt zum Beispiel, dass das neue Datengesetz zu einem zusätzlichen EU-Bruttoinlandsprodukt von 270 Milliarden Euro bis 2028 führen wird – außerdem zu Einsparungen von zehn bis 20 Prozent in den Sektoren Verkehr, Gebäude und Industrie durch die Echtzeitanalyse von Daten.

Branchenverbände und CEOs von großen Firmen äußerten im vergangenen Jahr dagegen scharfe Kritik. Die Verpflichtung zum Datenteilen sei insbesondere eine Gefahr für die Betriebsgeheimnisse und damit der Wettbewerbsvorteile europäischer Hersteller. Damit drohe der Data Act das Gegenteil von dem zu erreichen, was er beabsichtige.

Data Act als Chance für Prozessoptimierung und bessere KI

Ganz anders die aktuelle Stimmung in vielen Industrie-Unternehmen in Deutschland: laut Umfrage sagen zwei Drittel (67 Prozent), dass sie den Data Act eher als Chance für ihr Unternehmen sehen. Die meisten Befragten (59 Prozent) sehen dabei das Potenzial, mit den Produktdaten ihre Abläufe zu optimieren und zu automatisieren.

Bisher standen zum Beispiel Produktionsleitern die Nutzungsdaten ihrer Produktionsmaschinen oft nur im Rahmen der Dienste des jeweiligen Herstellers zur Verfügung. Künftig können sie Maschinendaten von mehreren Herstellern frei miteinander vernetzen und damit ganze Produktionsprozesse optimieren – etwa mittels eines digitalen Zwillings der Produktion, oder um ein Closed-loop Manufacturing umzusetzen.

Das am zweithäufigsten (39 Prozent) genannte Einsatzgebiet der Produktdaten ist das Training künstlicher Intelligenz (KI). Die große Mehrheit der Befragten sieht aktuell in dem Mangel an Daten in ausreichender Quantität, Qualität und Vielfalt eine der größten Barrieren für den erfolgreichen Einsatz von KI (46 Prozent Zustimmung, 45 Prozenr teilweise Zustimmung) – entsprechend große Erwartungen haben sie in die Erschließung der neuen Datenquellen durch den Data Act.

Weitere häufig genannte Einsatzfälle sind die Optimierung der Zusammenarbeit in der Lieferkette (39 Prozent) und der Aufbau neuer, datengetriebener Geschäftsmodelle (33 Prozent).

Schutz von Geschäftsgeheimnissen als größte Herausforderung

Wenig überraschend steht bei den größten Herausforderungen durch den Data Act das Herausfiltern beziehungsweise der Schutz von vertraulichen und personenbezogenen Daten bei der Datenbereitstellung an erster Stelle (41 Prozent) – gefolgt von Rechtsunsicherheiten (38 Prozenr). Zudem fürchten die Befragten, dass die Herausgabe der Nutzungsdaten ihrer Produkte ein Reverse Engineering ermöglichen könnte (36 Prozenr).

Durchschnittlicher Daten-Reifegrad noch weit von der höchsten Stufe entfernt

Um die Chancen des Data Act zu nutzen und seine Risiken zu minimieren, brauchen Firmen den Studienautoren zufolge Kompetenzen in Bereichen wie Datenstrategie, Daten-Governance, Daten-Sicherheit und Daten-Technologie (etwa Daten-Plattformen und KI). HPE hat die relevanten Fähigkeiten in einem Daten-Reifegradmodell abgebildet, dessen Kriterien dazu dienen, die Fähigkeit eines Unternehmens zu bewerten, mit Daten effektiv Wertschöpfung zu betreiben. Einige dieser Kriterien wurden auch in der aktuellen Umfrage abgefragt.

Das HPE-Modell umfasst fünf Reifegradstufen, wobei 1 (genannt „Daten-Anarchie“) die niedrigste und 5 (genannt „Daten-Ökonomie“) die höchste ist. Im Schnitt erreichten die befragten Unternehmen einen Daten-Reifegrad von 2,6 – sie befinden sich damit auf der Stufe „Daten-Reporting“, bei der Daten vor allem dazu genutzt werden, rückblickend und periodisch den Erfolg ihrer Geschäftsaktivitäten zu bewerten (etwa Absatzzahlen oder Kundenzufriedenheit). Auf dieser Stufe sind die Firmen aber noch weit von der höchsten Stufe entfernt, auf der interne und externe Daten strategisch und effektiv für die Wertschöpfung verwertet werden (etwa in Form datenbasierter Produkte und Dienstleistungen).

So sagen beispielsweise nur je sechs Prozent der Befragten, dass ihre Datenstrategie ein Kernbestandteil ihrer Unternehmensstrategie ist, und dass datengetriebene Produkte und Dienstleistungen für ihr Geschäftsmodell strategische Bedeutung haben.

Etwas besser sieht es bei den operativen Daten-Disziplinen aus. So haben beispielsweise 20 Prozent der Firmen eine unternehmensweite Daten-Governance. Ebenfalls 20 Prozent nutzen Daten, um mittels vorausschauenden oder Trend-Analysen ihre Prozesse zu optimieren und zu automatisieren. Und 63 Prozent setzen irgendeine Art von KI oder maschinellem Lernen ein.

Data Act lenkt Fokus auf hybride Cloud

Der Data Act will zudem den Wettbewerb im Cloud-Markt stärken und den Firmen mehr Freiheit geben, die am besten passenden Plattformen für ihre Daten-Strategie auszuwählen und zu kombinieren. Dazu werden die Cloud-Anbieter verpflichtet, ihren Kunden den Wechsel auf andere Cloud-Plattformen zu erleichtern und nach einer Übergangsfrist auch auf Wechselentgelte (insbesondere Datenextraktionsentgelte) zu verzichten. Zudem umfasst der Data Act Maßnahmen, um die Interoperabilität von Cloud-Plattformen zu verbessern.

Laut HPE-Umfrage wird dieser Teil des Data Act zu einer erhöhten Wechselbereitschaft der Firmen und mehr Vielfalt in den Cloud-Umgebungen führen. Nur für 16 Prozent der Befragten wird der Data Act kein Anlass für Veränderungen ihrer Cloud-Strategie sein. Der größte Teil der Führungskräfte (46 Prozent) gibt an, dass sich ihr Unternehmen in Richtung einer hybriden Cloud-Strategie entwickeln wird, also einer Kombination mehrerer Cloud-Plattformen mit der eigenen IT-Umgebung. Ungefähr gleiche Anteile werden mehr Daten und Anwendungen in die Cloud verlagern (36 Prozent) und Daten und Anwendungen in die eigene IT-Umgebung zurückholen (31 Prozent).

HPE auf der HANNOVER MESSE 2024

Auf der HANNOVER MESSE 2024 zeigt HPE in Halle 15, am Stand G76 Beispiele für datengetriebene Wertschöpfung in der Industrie. Dazu gehört beispielsweise ein Projekt mit BMW, bei dem die Daten von elektrischen Testfahrzeugen auf der ganzen Welt über verteilte Mikro-Rechenzentren, der Datenplattform HPE Ezmeral und HPE GreenLake gesammelt und analysiert werden, um die Markteinführung neuer elektrischer Fahrzeugmodelle zu beschleunigen. Weitere Themen sind unter anderem eine neue Edge-Lösung für digitale Zwillinge, die HPE zusammen mit Bosch auf den Markt bringt – außerdem Netzwerklösungen für OT/IT-Sicherheit und privates 5G sowie Verfahren für den energieeffizienten Betrieb von Servern und Rechenzentren.