Interview zu Covid-19: „Impfstoff-Nationalismus wäre kontraproduktiv“

Worauf kommt es bei der Beschaffung und der Logistik von Covid-19-Impfstoffen an? LOGISTIK HEUTE hat den Logistik-/SCM-Berater und -Fachautor Wolfgang Lehmacher um seine Einschätzung gebeten.

Begehrtes Gut: Vakzine gegen Covid-19 sind in vielen Ländern noch Mangelware. (Foto: Andreas Prott / Adobe Stock)
Begehrtes Gut: Vakzine gegen Covid-19 sind in vielen Ländern noch Mangelware. (Foto: Andreas Prott / Adobe Stock)
Therese Meitinger

2,3 Milliarden Impfstoffdosen hat die Europäische Union bei insgesamt sechs Herstellern geordert, doch die Impfkampagnen begannen in vielen Mitgliedsländern mit Lieferengpässen. Zuletzt kündigte etwa der schwedisch-britische Pharmakonzern AstraZeneca Probleme bei der termingerechten Lieferung der bestellten Vakzine an. Doch wie kann die öffentliche Hand eine durchgängige Versorgung mit Impfseren gewährleisten? Worauf kommt es bei der Beschaffung und der Logistik von Covid-19-Impfstoffen an? LOGISTIK HEUTE hat den Logistik-/SCM-Berater und -Fachautor Wolfgang Lehmacher um seine Einschätzung gebeten.

LOGISTIK HEUTE: Welche typischen Fehler machen Regierungen bei der Impfstoffbeschaffung und -logistik?

Wolfgang Lehmacher: Wichtig ist zunächst einmal, die Situation, in der sich die Regierungen befinden, genauer zu betrachten. Zum einen ist der Kampf gegen SARS-CoV-2 ein Wettlauf mit der Zeit. Denn je schneller wir mit den Impfungen voranschreiten, desto weniger Zeit geben wir dem Virus für die Mutation. Zum anderen liegen in den meisten Ländern viele Faktoren nicht im direkten Einflussbereich der Regierung. Dazu zählt beispielsweise, ob sich Menschen überhaupt impfen lassen möchten. Damit komme ich auch zu meinem ersten Punkt. Aus meiner Sicht liegen die Herausforderungen auf der Nachfrageseite und nicht in der Versorgung. Daher ist primäre Aufgabe, die Bevölkerung zu informieren und in das Geschehen mit einzubeziehen.

Brüssel und Berlin wird teilweise vorgeworfen, nicht ausreichende Mengen an Impfstoff beschafft zu haben. Schauen wir doch einmal auf die Fakten. Statistisch gesehen hat Europa mehr Impfstoff geordert, als jedes andere Land – einschließlich der Vereinigten Staaten von Amerika oder Indien. Angesichts der Erfahrungen in Europa, ist es zudem wahrscheinlich einfacher, den Impfstoff zu beschaffen, als die Leute von der Notwendigkeit der Impfung zu überzeugen. Die Skepsis in der Bevölkerung wird teilweise bewusst geschürt und hilft niemandem. Um ihr entgegenzutreten, ist eine enge Abstimmung in der Kommunikation zwischen Parteien und Behörden erforderlich. Angesichts der Tragweite der Covid-19 Krise sollten die Politiker vermehrt zusammenarbeiten und den Missbrauch einer menschlichen Katastrophe zu politischen Zwecken vermeiden.

Worauf sollten Berlin und Brüssel in den nächsten Jahren achten?

Auch ist zu beachten, dass wir aufgrund der Kapazitätsgegebenheiten wahrscheinlich bis zu den Jahren 2023 und 2024 warten müssen, bis die gesamte Weltbevölkerung geimpft sein kann. Dies bedeutet zum einen, dass der Aufbau von Kapazitäten zu fördern ist. Zum anderen sollte die Verteilung der zur Verfügung stehenden Mengen mit Besonnenheit und Rücksichtnahme gegenüber allen Menschen auf unserem Planeten erfolgen. Was heißt dies? Aufgrund seiner eingeschränkten Verfügbarkeit, ist der Impfstoff aus ethischen Gründen global gleichmäßig zu verteilen. Dies beeinträchtigt die Einkaufmengen der einzelnen Länder, insbesondere in der hoch entwickelten Welt. Innerhalb der Länder sollte sorgfältig erwogen werden, wer zuerst und wer später in den Genuss einer Impfung kommt. Ich möchte damit nicht sagen, dass dies nicht auch alles geschieht, sondern darauf hinweisen, dass die ausreichende Produktion und die reibungslose Distribution des Corona-Impfstoffes, in seiner weltweiten Dimension, eine komplexe Mammut-Aufgabe ist, die zu ihrer Bewältigung die uneingeschränkte Mithilfe aller Beteiligten erfordert, einschließlich die der Bürger. In Deutschland und weltweit. „Vaccinationalism“ ist nicht nur unethisch und kontraproduktiv, sondern würden auch ins Leere laufen. Im Sinne der Solidarität sollten sich die Regierungen vielmehr für die weltweite Aussetzung aller Zölle und Beschränkungen für Impfstoffe einsetzen.

Regierungen und Ministerien sollten dabei eng mit allen Beteiligten der Impfstoffwertkette, wie den Lieferanten, den Transporteuren und Spediteuren etcetera, zusammenarbeiten. Als Mitglied des Rats der Logistikweisen kann ich sagen, dass dies in Deutschland, in Bezug auf die Logistik, auch der Fall ist. Denn es besteht ein regelmäßiger Austausch zwischen den Vertretern des Bundesministeriums für Verkehr und digitale Infrastruktur (BMVI) und den Mitgliedern des Rats.

Wie kann die öffentliche Hand künftig Lieferengpässe bei Impfstoffen sowie Fehler bei dessen Transport und Lagerung vermeiden?

Die Zauberformel heißt Transparenz. Durch lückenlose Transparenz entlang der Systeme, von der Impfstoffherstellung bis zur Verteilung und der Handhabung an den Impfstellen, können Regierungen die Situation erheblich verbessern. Diese Transparenz ermöglicht es, den Status Quo zu ermitteln und kritische Fragen zu beantworten. Wie steht es um die verfügbaren Mengen an Impfstoff, wie um die Logistikkapazitäten? Welche Störfaktoren müssen berücksichtigt werden, damit der Warenfluss nicht verzögert wird? Wie steht es um die Fähigkeit des Gesundheitssystems, die Impfstoffe zu lagern? Steht ausreichend Personal zur Verfügung? Wie steht es um die Akzeptanz und Abnahme in der Bevölkerung, wie um die Aufklärungsarbeit? Wo ist kollektive Unterstützung erforderlich? Was sind die Mengen heute, was wird morgen benötigt? Alles klassische Fragen des Supply Chain Managements.

Supply Chain Management des 21. Jahrhunderts ist nicht mehr nur noch ablauf- sondern vor allem datengesteuert. Was auf dem Bildschirm nicht erscheint, können wir auch nicht steuern. Datengesteuerte Supply Chain Netzwerke erfassen nicht nur das Geschehen in Beschaffung, Produktion, Logistik- und Transport, sondern auch alle Ereignisse im Eco-System. Alles, was den Fluss der Waren beeinträchtigen könnte wir herausgefiltert, wie Wetterlage und Straßenverkehrssituation. Algorithmen erarbeiten Entscheidungsvorschläge, die darüber informieren, wie die identifizierten Störungen verhindert werden können. Oder wie am besten auf unvermeidliche Beeinträchtigungen reagiert wird. Supply Chain Netzwerke des 21. Jahrhunderts sind intelligente digitale Architekturen, die es ermöglichen, den tatsächlichen Bedarf an Ressourcen, Materialen, Kapazitäten, Produkten etcetera zu einem bestimmten Zeitpunkt zu ermitteln, und den Prozess zur Sättigung dieses Bedarfs, von der Beschaffung bis hin zur finalen Nutzung, zu steuern. Diese Durchverfolgung berücksichtigt auch das Verfallsdatum eines Impfstoffes.

Wie lassen sich die physischen Lieferketten und die dahinterstehenden Datenvolumina zusammenbringen?

Die Lösung liegt in der digitalen Abbildung der physischen Geschehnisse auf digitalen Speichereinheiten und Bildschirmen. Es geht um die Schaffung eines „digital twins“, um die Repräsentation der Impfstoffwertkette im digitalen Raum. Dies erfolgt durch das Aggregieren von verfügbaren Daten aus verschiedensten Systemen und das Schließen von Datenlücken mittels von Sensoren und elektronischen Logging-Geräten gesammelten Daten. Lager- und Transportraum sind dabei wichtige Bestandteile des Systems, aber diese sind der Erhebung und Analyse von Daten und der Ermittlung des Bedarfs und der besten Wege erst einmal nachgelagert.

Derartige digitale Plattformen, mit äußert leistungsstarken Analysefähigkeiten, können zu einer reibungslosen Impfstoffdistribution einen erheblichen Beitrag leisten. Ein Beispiel ist die digitale Plattform, die China dazu nutzt, Ressourcen in der Corona-Krise zu steuern, angefangen bei medizinischem Personal bis hin zu den Ressourcen für die Herstellung von Masken. Wir benötigen ein ERP System, ein «Enterprise Ressource Planning» System zur Sicherstellung ausreichender Mengen an Impfstoffen. Zur vereinbarten Zeit, am richtigen Ort und in der erwarteten Qualität. Da wir davon ausgehen müssen, dass der Virus uns noch eine Weile erhalten bleibt, ist die Schaffung einer derartigen Plattform eine sinnvolle Investition in die Zukunft. Diese Plattformen können auch in anderen Bereichen Anwendung finden, wie beispielsweise bei der Verteilung von Hilfsgütern bei Umweltkatastrophen.

Was bedeutet das für die Impfstoffhersteller?

Praktisch bedeutet dies auch, dass die Hersteller der Impfstoffe ihre Bücher öffnen müssen. Eine Offenlegungspflicht wäre hierbei ein Ansatz. Da Zusammenarbeit ein entscheidender Erfolgsfaktor ist, sollte dann auch eine Anbindungspflicht an die Plattform für alle Beteiligten in kritischen Wertketten angedacht werden. Aber derartige Lösungen sind erst einmal Zukunftsmusik und das Ausarbeiten der entsprechenden „governance“ hat erst einmal keine Eile. Allerdings sollten Konzept und Plattform international kompatible gestaltet werden.

Die Ungereimtheiten in den Lieferketten, beispielsweise in den Vereinigten Staaten von Amerika zeigen, dass Regierungen den Planungs- und Koordinations-Aufwand in derartigen Extremsituationen unterschätzen. Der Einsatz neuer Technologien bleibt daher die Ausnahme.

Kurzfristig ist aus meiner Sicht an der der Qualität der Bedarfsvorhersagen und an der Abbildung und Durchverfolgung der logistischen Abläufe, vom Hersteller bis zur Impfstelle, zu arbeiten. Testsendung helfen, im Lande und überall in der Welt aufzuzeigen, wo sich die Schwachstellen befinden. Mit Sensoren bestückte IoT-Geräte, die bereits beim Hersteller an die Testsendungen angebracht werden können, erlauben in nahezu „real-time“ zu erfassen, wo sich die Impfstoffe gerade befinden und was diesen alles entlang der Lieferkette widerfährt. Inklusive möglicher Unterbrechungen der Kühlkette. Natürlich wäre es ideal, diese real-time Geräte und Durchverfolgung für alle Impfstoffsendungen einzusetzen. Dies würde ermöglichen, Bestände kontinuierlich zu erfassen. Zudem würden automatisch frühzeitig Nachrichten versendet, um den Verfall des Impfstoffs zu vermeiden. Die deutschen Spediteure sollten die Gelegenheit nutzen, und neue „Visibility“-Lösungen testen und ins Sortiment der Dienstleistungen aufnehmen.

Die Informationen über den Stand und die Schwächen der lokalen, regionalen und globalen Impfstofflieferketten, über Warenflüsse und Bestände, haben nur dann Wert, wenn sie unmittelbar in die Entscheidungsprozesse einfließen. Dies impliziert, dass zumindest nationale, idealerweise globale Koordinations- und Entscheidungs-Netzwerke aufgebaut werden sollten. Dies entspräche auch der Entwicklung in der Wirtschaft, wo eine Verstärkung der Supply Chain Management Teams zu beobachten ist. Die in den Netzen verbundenen Experten und Entscheider, können dann auf Basis der Faktenlage ihre Rückschlüsse ziehen und Entscheidungen treffen, und diese auch anderen Stakeholdern, einschließlich der Bevölkerung erklären – wahrscheinlich besser als die heute der Fall ist.

Printer Friendly, PDF & Email