Interview: „Jede Verpackung sollte hochwertig zu recyceln sein“

Katharina Istel, Referentin Ressourcenpolitik beim Naturschutzbund Deutschland (NABU), spricht im Interview mit LOGISTIK HEUTE darüber, was umweltfreundliche Verpackungen tatsächlich ausmacht und warum es sich lohnt, Transportverpackungen zu optimieren.

Katharina Istel vom NABU spricht im Interview mit LOGISTIK HEUTE über nachhaltige Verpackungen und wie man mehr Recyclingfähigkeit erreicht. (Foto: E. Neuling/NABU)
Katharina Istel vom NABU spricht im Interview mit LOGISTIK HEUTE über nachhaltige Verpackungen und wie man mehr Recyclingfähigkeit erreicht. (Foto: E. Neuling/NABU)
Sandra Lehmann

Umweltgerechtes Verpacken ist aktueller denn je – auch durch neue Gesetzgebungen. Welchen Vorteil haben aus Ihrer Sicht die Neuerungen im Verpackungs- und im Kreislaufwirtschaftsgesetz?

Ein sehr wichtiger Schritt im Verpackungsgesetz war die Einführung höherer Recyclingquoten ab 2019: Innerhalb eines Jahres stieg so die Recyclingquote von Kunststoffverpackungen um mehr als fünf Prozent an, nachdem sie vorher jahrelang vor sich hindümpelte. Das zeigt, wie wichtig in der Kreislaufwirtschaft politische Regulierung ist. Nun brauchen wir neben den durchaus ambitionierten neuen Recyclingquoten aber auch Rezyklateinsatzquoten, damit Rezyklat hochwertig wiederverwertet statt nur zu Parkbänken downgecycelt wird. Auch vermissen wir in der Gesetzgebung einen stärkeren Fokus auf die Abfallvermeidung – zum Beispiel durch mehr Mehrweg. Hier liegt der Schwerpunkt gerade im To-go-Bereich, in den Blick genommen werden sollten aber auch Versand- und Transportverpackungen.

Welche Lücken sehen Sie etwa bei der geplanten Pfandpflicht für Einwegkunststoffflaschen für Getränke?

Aus Naturschutzsicht macht die Ausweitung der Pfandpflicht Sinn, da die Erfahrung gezeigt hat, dass mit einem hohen Pfand das Littering durch Getränkeflaschen zurückgeht. Die Erfahrung hat aber auch gezeigt, dass die Einführung des Pflichtpfandes nicht zu mehr Mehrweg im Getränkesegment geführt hat. Daher vermissen wir flankierende Maßnahmen, um in Deutschland die Mehrwegquote von aktuell nur knapp 33 Prozent aller Getränke zu erhöhen. Dazu könnten zum Beispiel Verpackungssteuern, eine Mehrwegangebotspflicht oder auch gesetzliche Vertriebsquoten gehören.

Wann ist eine Verpackung aus Sicht des NABU eigentlich als nachhaltig zu bezeichnen?

Für jedes Produkt muss man schauen, welche Funktionen die Verpackung leisten muss, welche Alternativen an Materialien und Formen hierfür zur Verfügung stehen, ob auf die Verpackung – teilweise – verzichtet werden kann und ob der Einsatz von Recyclingmaterial möglich ist. Eine Blaupause für alle Verpackungen gibt es nicht. Wichtig ist auch, mit Mythen aufzuräumen, wie dass Papier und Glas per se umweltfreundlicher als Kunststoff seien. Kunststoff hat als Verpackungsmaterial durchaus seine Berechtigung, gerade für Lebensmittel. Wir müssen differenzierter und materialeffizienter verpacken und die Materialeinsparung priorisieren.

Welchen Stellenwert haben besser wertwertbare Materialien, wenn es um umweltgerechte Verpackung geht?

Jede Verpackung sollte hochwertig zu recyceln sein. Rohstoffe bereits nach einmaliger Nutzung zu vernichten, ist eine Verschwendung natürlicher Ressourcen. Die Vielzahl an Materialien hilft hier nicht weiter, es wäre gut, sich zum Beispiel auf eine gewisse Anzahl von Kunststoffarten und Additiven zu beschränken, um das Recycling zu verbessern. Gleichwohl zeigt sich am Beispiel Alu und Glas, dass eine hohe Recyclingquote nicht gleichzusetzen ist mit einer ökologisch vorteilhaften Verpackung. Und es ist auch nicht richtig, hohe Recyclingquoten als Argument gegen Mehrweg anzubringen. Wir müssen neben der Recyclingfähigkeit Verpackungen so designen, dass ihre Herstellung ressourcensparsam ist und Verpackungskonzepte müssen mehr Mehrweg ermöglichen.

Über einige Materialien wird auch heiß diskutiert, zum Beispiel abbaubare Biofolien. Welche Neuentwicklungen sind eher kontraproduktiv?

Es ist zu begrüßen, dass sich die Unternehmen auf den Weg machen, an neuen Verpackungsmaterialien zu arbeiten. Leider geht dabei allerdings oft verloren, dass es nicht darum geht, nur ein Material gegen ein anderes auszutauschen, sondern insbesondere Material einzusparen. Vor allem wird oft damit geworben, Plastik durch Papier ausgetauscht zu haben, obwohl eine Papieralternative nicht per se umweltfreundlicher ist: Wenn ein Vielfaches an Material oder nicht recycelbare Papierverbunde eingesetzt werden, ist für die Umwelt nichts gewonnen. Plastikverpackungen, die bioabbaubar statt recyclingfähig sind, sind nicht zu empfehlen, da diese der Kreislaufführung von Kunststoff widersprechen.

Sie widmen sich gerade verstärkt dem Thema umweltgerechte Transportverpackung. Mit welchen Schritten können Verpackungen in diesem Bereich verbessert werden?

Der NABU wird bald eine Studie zu Transportverpackungen veröffentlichen, um dieses Thema stärker in die Öffentlichkeit zu bringen. Dort werden bisher nur die Primär- und die Versandverpackung beachtet, wahrscheinlich da sie einen unmittelbaren Bezug zu den Verbrauchern haben. Dabei ist der Verbrauch an Transportverpackung für ein Produkt in der Regel um ein Vielfaches höher als bei der Primärverpackung. In der Studie werden unter anderem Mehrwegpotenziale analysiert, da gerade im B2B-Bereich die Möglichkeiten groß sind, Mehrwegkonzepte auszuprobieren. Das liegt vor allem daran, dass man nicht auf die Mitwirkung der Verbraucher angewiesen ist, die Verpackungen auch zurückzubekommen.

Die Fragen stellte Sandra Lehmann.

Eine kompakte Version des Interviews ist am 15. September in Ausgabe 9/2021 von LOGISTIK HEUTE erschienen.

Nachhaltigkeit und Wahlentscheidungen

Es geht darum einen Weg zu finden, „Autos auf wirklich nachhaltige Weise herzustellen und alle Treibhausgasemissionen aus dem Prozess zu eliminieren“, sagt Fredrika Klarén, Leiterin Nachhaltigkeit bei der schwedischen Elektroautomarke Polestar.

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