Interview: „Ich möchte nicht Puppe oder Schatz genannt werden“

Theresa Gröninger ist Head of Sales & Marketing beim Fördertechnikanbieter Cellumation mit Sitz in Bremen sowie Mitglied der Bremischen Bürgerschaft. Mit LOGISTIK HEUTE hat die studierte Musikpädagogin und komplexe Entscheiderin über den Stellenwert von Frauen in der Logistik gesprochen und darüber, wie es gelingt mehr Frauen in Führungspositionen zu holen.

Theresa Gröninger von Cellumation hat im Interview mit LOGISTIK HEUTE über die unterschätzten Fähigkeiten weiblicher Mitarbeiter gesprochen und erklärt, wie Gleichberechtigung aus Ihrer Sicht gelingen kann. (Foto: Cellumation)
Theresa Gröninger von Cellumation hat im Interview mit LOGISTIK HEUTE über die unterschätzten Fähigkeiten weiblicher Mitarbeiter gesprochen und erklärt, wie Gleichberechtigung aus Ihrer Sicht gelingen kann. (Foto: Cellumation)
Sandra Lehmann

LOGISTIK HEUTE: Frau Gröninger, der Anteil von Frauen in Führungspositionen in der Logistik ist laut einer Erhebung der BVL von 2022 rückläufig. Woran liegt das aus Ihrer Perspektive?

Wir müssen die Logistik grundsätzlich als Arbeitsplatz attraktiver machen. Mit den vielen hochspannenden Themen, die den Wirtschaftszweig gerade umtreiben, ist das aus meiner Sicht jedoch ohne weiteres möglich. Hinzukommen muss aber auch eine Willensbekundung seitens der Arbeitsgeber, mehr Frauen in Führungspositionen zu bringen. Denn Frauen sind eine Bereicherung für Unternehmen und im wahrsten Sinne des Wortes ein Gewinn. Sie bringen häufig neue und andere Blickwinkel, die das Niveau von Diskussionen anheben. Aktuelle Studien zeigen außerdem, dass in den Unternehmen, in denen Frauen zur Führungsriege beziehungsweise zu den Entscheidern gehören, der Umsatz wächst. Zudem gibt es genügend qualifizierte Frauen, um Toppositionen zu besetzen.

Welche Erfahrungen haben Sie als Frau in einer gehobenen Position in der Logistikwirtschaft bis jetzt gemacht?

Ich habe sowohl positive als auch negative Erfahrung in Bezug auf mein Geschlecht gemacht. Grundsätzlich möchte ich aber darauf hinweisen, dass es für den Großteil meiner Ansprechpartner überhaupt keine Rolle spielt. Wenn es ein Thema ist, gibt es einen Teil, der sich darüber freut, dass endlich mal eine Frau die Runde komplettiert. Auf der anderen Seite stehen jene, die manchmal zu einem Wording greifen, das ich nicht unterstütze: Ich möchte nicht ‚Puppe‘, ‚Schatz‘, ‚Prinzessin‘ oder ‚Frau Lehrerin‘ genannt werden. Das wertet mich als Person und gleichberechtigten Diskussionspartner ab. Und dann ist es leider auch so, dass Frauen häufig erstmal ihre Kompetenz unter Beweis stellen müssen, bevor sie ernst genommen werden. Die Frage nach meiner technischen Expertise habe ich zum Beispiel mehr als einmal gehört. Dabei sind die meisten Frauen top ausgebildet und haben sich ihre Positionen hart erarbeitet. Dementsprechend sollten sie auch behandelt werden.

Wie gehen Sie speziell mit den weniger schönen Erfahrungen um?

Humor und darüber reden. Wenn man lacht, verlieren Situationen ihren Schrecken und das ‚Geschmäckle‘. Wenn man drüber redet, sensibilisiert man sein Umfeld für häufig gar nicht mal schlecht beabsichtigte Aussagen. Ein schlagfertiger Spruch als Konter schadet häufig auch nicht.

Das klingt, als müsste es mehr Aufklärung darüber geben, was Seximus bedeutet?

Ich mag den Begriff Sexismus nicht. Es geht mir eher darum, anderen den Spiegel vorzuhalten. Unterschiedliche Begriffe sind ja auch verschieden konnotiert, je nachdem auf welches Geschlecht sie abzielen. Und natürlich muss niemand gleich konfrontativ werden oder zur Aufklärerin mutieren. Es reicht manchmal schon, das Thema mit ins eigene Unternehmen zu tragen und zur Botschafterin dafür zu werden, in welchen Situationen man sich unwohl fühlt.

Was muss sich aus Ihrer Sicht verändern, damit mehr Frauen in der Logistik Führungspositionen erhalten und auch Lust darauf haben solche zu bekleiden?

Wir werden gar nicht darum herumkommen sowohl Männer als auch Frauen für alle Positionen zu entwickeln und insbesondere in Führungspositionen zu bringen. Wir müssen es möglich machen, dass jegliche Lebensführung mit einer Karriere vereinbar wird. Das ist kein einfacher Weg, aber machbar. Frauen die etwa aus einer Elternzeit zurückkommen, haben im Rahmen dessen Fähigkeiten weiterentwickelt, die für Unternehmen sehr interessant sind. Dazu zählen Organisationsvermögen, Stressresistenz sowie Verantwortungsfühl. Die Frage ist nur, wann der Wirtschaftszweig Logistik versteht, dass man im Wettbewerb um die besten Talente egal welchen Geschlechts kämpft. Darüber hinaus ist die Frage nach Frauen in Führungspositionen keine systemische Frage, die allein Unternehmen oder die Politik lösen muss. Auch hier gibt es eine individuelle Verantwortung: Männer, die die Hälfte des Haushalts übernehmen, auch mal ein Geburtstagsgeschenk für Freunde besorgen, oder sich mit ihren Frauen die Carearbeit in der Familie teilen, ermöglichen ihren Partnerinnen neue Karrierechancen. Gleichberechtigung sollte beide Geschlechter interessieren, weil es Vorteile für alle bringt.

Was tun Sie in Ihrem Arbeitsumfeld, um es anderen Frauen leichter zu machen?

Bei Cellumation gilt ‚come as you are‘ als zentraler Unternehmenswert. Wie unsere Roboterzellen arbeiten wir Schulter an Schulter beziehungsweise Schraube an Schraube – und das immer gleichberechtigt. Aber um es praxisnah zu halten: Die männliche Bewerberzahl übersteigt häufig insbesondere für die Sales Positionen die weibliche Bewerberzahl. Wir hinterfragen unsere Stellenausschreibungen und ich prüfe die eingehenden Bewerbungen von Frauen sehr ausführlich. In Bewerbungsgesprächen gehe ich aktiv auf mögliche Bedenken ein.

Das Gespräch führte Sandra Lehmann.