HANNOVER MESSE Digital Edition: Silicon Economy – Es geht um alles

Prof. Dr. Dr. h.c. Michael ten Hompel, Institutsleiter des Fraunhofer IML, stellte seine Vision einer durchgängig digitalen Wirtschaftsordnung sowie konkrete Projekte vor.

Prof. Dr. Dr. h.c. Michael ten Hompel (rechts) im Gespräch mit Prof. Dr. Thomas Wimmer, Vorstandsvorsitzender der BVL. (Foto: Deutsche Messe)
Prof. Dr. Dr. h.c. Michael ten Hompel (rechts) im Gespräch mit Prof. Dr. Thomas Wimmer, Vorstandsvorsitzender der BVL. (Foto: Deutsche Messe)
Therese Meitinger

„Es geht um alles“, zu diesem Schluss kam Prof. Dr. Michael ten Hompel am 13. April in seiner virtuellen Keynote auf der HANNOVER MESSE Digital Edition. Der geschäftsführende Institutsleiter des Fraunhofer-Instituts für Materialfluss und Logistik IML rief dabei zum „Aufbruch in die Silicon Economy“ auf, einer stark datengetriebenen, digitalisierten Wirtschaftsordnung. Entscheidend für das Gelingen einer umfassenden Digitalisierung sei die Gleichzeitigkeit verschiedener Technologien, die wir gerade erlebten, argumentierte ten Hompel: unterschiedliche Formen der künstlichen Intelligenz (KI), Mobilfunkstandards wie 5G und Wi-Fi 6, deren Datenraten Echtzeitfähigkeit erlauben, Blockchain, dezentral organisierte Autonomie oder Simulationen.

Mensch und Technik verbinden sich

Das Supply Chain Management ist nach Ansicht des Wissenschaftlers zunehmend geprägt von einer alles umfassenden künstlichen Intelligenz.

„Der Mensch verbindet sich immer mehr mit immersiven Technologien wie simulierten Realitäten, der Gestensteuerung oder aber Brain Machine Interfaces“, erläuterte ten Hompel. „Hier werden Gehirnströme gemessen und als Gedanken interpretiert, die Aktionen auslösen.“

Auf diese Weise wird etwa die Interaktion mit einem Fahrzeug möglich, das über ein dem menschlichen Gesicht nachempfundenes Interface Zustände anzeigt. Ein lächelndes Gesicht zeigt so etwa an, dass ein Auftrag verstanden wurde.

Der allumfassende Aufbruch in eine Silicon Economy erfordert nach ten Hompels Ansicht drei technische Säulen – einen IoT Broker, einen Blockchain Broker und einen Logistics Broker, die automatisierte M-2-M-Kommunikation in den jeweiligen Bereichen ermöglichen. In der Interaktion gelte es aber, die Datensouveränität abzusichern. „Die Silicon Economy wird nur gelingen, wenn wir die Kontrolle über die Daten behalten“, ist der Institutsleiter überzeugt. Hier gelte es für die einzelnen Wirtschaftsbereiche unterschiedliche Datenräume zu schaffen.

Die Tonne bezahlt selbst

Als beispielhaften Use Case stellte ten Hompel die intelligente Wertstofftonne vor, für die das Fraunhofer IML zusammen mit Rhenus Logistics und der Commerzbank ein Ökosystem entwickelte. Rhenus stattet dabei Wertstofftonnen mit dem KI-basierten Device „Rhenus ITCPro“ aus, das Füllstandsmessungen vornimmt, auf Basis dieser Daten dann berechnet, wann voraussichtlich eine Leerung erforderlich wird und diese vollautomatisiert via Blockchain beauftragt. Auch die Bezahlung erfolgt vollautonom über Mikrotokens, automatisch erstellte Mini-Schuldscheine.

Besonders komplex gestaltete sich ten Homel zufolge die Entwicklung der „LoadRunner“, eines Schwarms autonomer Transportroboter mit dezentraler Steuerung. Schnell wurde den Wissenschaftlern klar, dass klassische Steuerungstechnik hier nicht greifen würde. Stattdessen setzte man im Fraunhofer IML auf ein neuronales Netz, Algorithmen, die zuvor über einen cyber-physischen Zwilling trainiert wurden, und leistungsstarke Prozessoren des Herstellers Nvidia.

Digitale Zwillinge und andere cyber-physische Systeme werden uns in Zukunft häufiger begegnen, ist ten Hompel überzeugt:

„Wir werden es immer mehr mit Avataren zu tun haben“, sagte er. „Menschen werden in vielen Fällen ihr Handeln nicht mehr in der Hand haben, sondern viele kleinere Aufgaben abtreten.“

Ähnlich verhalte es sich mit der Wirtschaftsordnung der Zukunft: Hier gelte künftig, zu orchestrieren statt zu produzieren. „Das Kerngeschäft reicht nicht mehr“, so ten Hompel. Doch das überfordere einzelne Unternehmen Um den künftigen umfassenden Herausforderungen zu begegnen, gelte es, auf. Zusammenarbeit zu setzen, offene, kollaborative Ökosysteme zu entwickeln. Oder wie es der Wissenschaftler in seinem Vortrag als Schlusspointe formulierte: „Never walk alone“.

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