HANNOVER MESSE Digital Edition: Für unsichere Zeiten verlässlich planen

Wie das SCM am besten in einer veränderten Risikolandschaft plant, nimmt auf der Industrieschau ein von der BVL organisiertes Logistik-Panel in den Fokus.     

Mit welcher Strategie am besten auf Störungen in der Lieferkette reagieren? (Foto: Jane / Fotolia)
Mit welcher Strategie am besten auf Störungen in der Lieferkette reagieren? (Foto: Jane / Fotolia)
Therese Meitinger

Wie für eine Zukunft planen, die sich zunehmend der Vorhersagbarkeit entzieht? Dieser Frage widmete sich am 13. April auf der HANNOVER MESSE Digital Edition das Panel „Forecast in unsicheren Zeiten“. Moderiert wurde die Online-Diskussion von Prof. Dr. Thomas Wimmer, Vorstandsvorsitzender des Bundesvereinigung Logistik (BVL). Den „Vorsprung des Vorhersehbaren“ versprach dabei Ulf Venne, Sales Leader EMEA & APAC von Everstream Analytics: Das IT-Unternehmen, das bis vor Kurzem als Resilience360 firmierte, bietet Plattformen für prädiktive Analysen und Echtzeitmeldungen an, die Lieferkettenstörungen vorbeugen sowie bei deren Bewältigung helfen sollen. „Der Status Quo in der Logistik dreht sich im Moment oft noch um die Frage ,Was war da los?‘, also um das Reagieren“, erläuterte Venne. „Doch das Ziel muss sein, in der Risikoabwehr zu automatisierten Entscheidungen und Handlungen zu kommen.“  

Venne zeigte auf, auf welcher Basis sich verschiedene Szenarien zuletzt prognostizieren ließen: Der Wintersturm in Texas war als Risiko aufgrund von Wetterdaten relativ leicht zu erfassen, ein Brand in einem Warehouse im bayerischen Königsbrunn hingegen nicht. Die Havarie im Suezkanal stellte Venne zufolge eine Mischform da:

„Wir wussten zwar, dass der vorhergesagte Sandsturm die Häfen in der Region lahmlegen würde, dass jemand so dumm sein würde, mit seinem Riesenschiff in den Kanal hineinzufahren und sich dort querzustellen, ahnten wir nicht“, sagte er.

Ein zunehmendes Risiko sind Everstream Analytics zufolge Insolvenzen im Logistikbereich; hier sei nach der Wiederaufnahme der Insolvenzmeldepflicht mit zahlreichen Fällen zu rechnen. Prognostizieren lässt sich dies unter anderem über Veränderungen in der Mitarbeiterzahl. Das Generieren der relevanten Daten sieht Venne als Kerngeschäft an – in Deutschland funktioniert es ihm zufolge oft noch analog, indem etwa Mitarbeiter Insolvenzmeldungen manuell in den Datenpool überführten.

Ein Teich voller schwarzer Schwäne

„Ein ganzer Teich voller schwarzer Schwäne“ sei in den letzten 13 Monaten aufgetreten, sagte Dieter Braun, Leiter Supply Chain der Audi AG, mit Blick auf die Coronakrise, Halbleiterengpässe und den Wintereinbruch in Texas. Allein die Coronakrise habe sich in den unterschiedlichen Wellen sehr unterschiedlich in den zahlreichen Lieferketten des Automobilisten niedergeschlagen. So waren in der ersten Welle erst die Lieferfähigkeit von China nach Europa und später die Produktion in Europa betroffen, der Absatz kriselte.

„Unser Geschäft ist sehr global und mit mehrstufigen Lieferketten aufgestellt“, erläuterte Braun. „Es ist eigentlich immer irgendetwas in irgendeiner Lieferkette. Zugleich können wir die 25.000 Autos, die im Audi-Netzwerk vom Band gehen, nur bei einer Teileverfügbarkeit von 100 Prozent bauen.“

Um diese Komplexität abzubilden, seien Daten zwar hilfreich, aber nicht das Haupthilfsmittel, argumentierte Braun. Letztlich hänge der Erfolg an Mitarbeitern, die Krisen bewältigen können, weil sie gut ausgebildet sind. Bei Audi tagen im Moment mehrfach täglich Krisenstäbe, um Problemen in den Lieferketten zu begegnen. „Wir brauchen Menschen, die vernetzt und ganzheitlich denken können, mit Leidenschaft dabei sind und schnell reagieren“, beschrieb Braun das Anforderungsprofil an Krisenmanager.

Stefan Hohm, Chief Development Officer der Dachser SE, steuerte die Perspektive eines Logistikdienstleisters bei und unterstrich die Notwendigkeit einer soliden Datenbasis. Ohne diese sei eine Digitalisierung des Geschäfts nicht denkbar.

„Wir haben uns dafür entschieden, die Software inhouse zu gestalten. Also Daten sammeln, clustern und sie nutzen, um zur Echtzeitfähigkeit zu kommen“, beschrieb Hohm den Ansatz von Dachser. „Diese sollen unsere Mitarbeiter bei der Entscheidungsfindung unterstützen.“

Die Visibility in der Supply Chain zu erhöhen ist für Dachser zentral, da Verlader wie Empfänger mittlerweile einen hohen Anspruch haben, ständig informiert zu sein. Impulse ergeben sich hier aus einer Kooperation mit dem Fraunhofer IML, wo Dachser ein eigenes Enterprise Lab unterhält. Entwickelt wurde hier etwa eine Lösung, in der zur Datenerfassung alle Wechselbrücken mit Sensoren ausgerüstet wurden. So soll ein operativer Forecast möglich werden. Perspektivisch soll ein Algorithmus für die taktische Planung täglich die Eingangsmengen vorhersagen.