Fachkräftemangel: Situation in der Logistik verschärft sich trotz Rezession

74 Prozent der Teilnehmer einer HR-Umfrage der Initiative „Wirtschaftsmacher“ in Kooperation mit der CBS International Business School sagen, dass sich der Fachkräftemangel noch zuspitzen wird.

Jens Tosse (l.) und Uwe Berndt stellten auf dem Deutschen Logistik-Kongress 2023 ihre aktuelle Studie der Wirtschaftsmacher zum Fachkräftemangel vor. (Bild: teamtosse)
Jens Tosse (l.) und Uwe Berndt stellten auf dem Deutschen Logistik-Kongress 2023 ihre aktuelle Studie der Wirtschaftsmacher zum Fachkräftemangel vor. (Bild: teamtosse)
Gunnar Knüpffer

Der Fachkräftemangel in der Logistik verschärft sich trotz der Rezession. Zu diesem Ergebnis kommt eine HR-Umfrage der Initiative „Wirtschaftsmacher“ in Kooperation mit der CBS International Business School, die am 19. Oktober bei einem Pressegespräch auf dem Deutschen Logistik-Kongress 2023 vorgestellt wurde. Befragt wurden dabei 140 Teilnehmer.

Eine große Mehrheit von 85 Prozent der Teilnehmenden bestätigt, dass ihre Unternehmen zurzeit unter dem anhaltenden Fachkräftemangel leiden. Das Thema Fluktuation stellt für einen mit 80 Prozent beinahe ebenso großen Anteil der Befragten ebenfalls ein erhebliches Problem dar. Auf die Frage, wie die momentane Lage des Fachkräftemangels in der Logistik wahrgenommen wird, antworteten 67 Prozent, dass sich die Situation weiter zuspitzt, 28 Prozent hielten die Situation für gleichbleibend und lediglich drei Prozent gaben an, dass sich die Situation entspannt.

Auf die Frage, wie sie die künftige Entwicklung des Fachkräftemangels einschätzen, gaben 74 Prozent an, dass sich die Lage weiter zuspitzen werde, 24 Prozent gehen von einer gleichbleibenden Situation aus und nur zwei Prozent erwarten eine Entspannung des Fachkräftemangels.

Vor allem Berufskraftfahrer werden derzeit gesucht

Unter den Berufsbildern, die am meisten unter dem Fachkräftemangel leiden, sind nach Angaben der Befragten vor allem Berufskraftfahrer (82 Prozent), gewerbliche Mitarbeitende (66 Prozent) und Auszubildende (58 Prozent) sowie IT-Fachkräfte (45 Prozent) und kaufmännische Berufe (43 Prozent). Die Mehrzahl der Teilnehmenden nannte als Hauptursachen für den Fachkräftemangel das durch Ereignisse wie den medienwirksamen Fahrerstreik auf der Raststätte Gräfenhausen an der A5 angeschlagene Image der Logistik, die demografische Entwicklung der immer älter werdenden Gesellschaft, den generellen Mangel an qualifizierten Fachkräften auf dem Arbeitsmarkt sowie das zu geringe Gehalt. Die insgesamt als ungünstig erachteten politischen Rahmenbedingungen und die mangelnde Sichtbarkeit der Unternehmen im Wettbewerb mit anderen Branchen prägen als weitere Ursachen das Stimmungsbild.

Die Konsequenzen des Fachkräftemangels und der Fluktuation für die Unternehmen, denen die meisten Teilnehmenden zustimmen, bedeuten vor allem eine steigende Arbeitsbelastung für die vorhandene Belegschaft (59 Prozent stimmten voll zu, 29 Prozent stimmten eher zu), steigende Personal- und Recruitingkosten (47 Prozent stimmten voll zu, 43 Prozent stimmten eher zu) sowie fehlende und verlorengehende Kompetenzen (43 Prozent stimmten voll zu, weitere 43 Prozent stimmten eher zu).

Die HR-Befragung identifizierte darüber hinaus aber auch Strategien, die von den Teilnehmenden vermehrt als sehr wirkungsvoll eingestuft wurden und auf die sich Unternehmen in der Folge fokussieren sollten. Dazu zählt vor allem die Schaffung von flexibleren Arbeitszeitenmodellen und die Möglichkeit für mobiles Arbeiten, wo immer dies möglich ist (58 Prozent beziehungsweise 41 Prozent). Darüber hinaus seien Quereinstiege zu fördern (37 Prozent), Perspektiven und Karrieremöglichkeiten für die Mitarbeitenden zu schaffen sowie diese zu erweitern und das Weiterbildungsangebot aufzustocken (beide 35 Prozent) und schließlich die Sichtbarkeit im Sinne eines klaren Employer Brandings zu verbessern (34 Prozent). Als wirksame Maßnahmen eingeschätzt wurden darüber hinaus vor allem höhere Gehälter (64 Prozent) sowie ein größeres Angebot an Benefits (56 Prozent).

Bewerber wünschen sich ausgewogene Work-Life-Balance

Für Bewerber gelten laut Ansicht der Befragten vor allem eine ausgewogene Work-Life-Balance (79 Prozent), eine gute Arbeitsatmosphäre (65 Prozent), flexible Arbeitszeitmodelle (60 Prozent) und mobiles Arbeiten (50 Prozent) sowie Karriereperspektiven (41 Prozent) als besonders wichtig. Die Befragung identifiziert jedoch auch einen Mismatch im Vergleich zu Ergebnissen anderer Studien. Aus Sicht der befragten Unternehmen werden die Themen Diversität, Nachhaltigkeit, Wertesysteme sowie sinnstiftende Arbeit als eher bzw. gänzlich unwichtig für Bewerberinnen und Bewerber eingeschätzt. Hier besteht nach Ansicht der Studienautoren Diskussionsbedarf und Optimierungspotenzial.

Trotz des Erreichens der Rezession am Arbeitsmarkt bestätigt das aktuelle Stimmungsbild, dass Fachkräftemangel und Fluktuation in der Logistik weiter akut sind und sich der Mangel an Fachkräften in verschiedenen Berufsbildern zudem insgesamt verschärfen wird. Bewerberinnen und Bewerber nutzen den aktuellen Arbeitnehmermarkt für die Einforderung diverser Ansprüche.

„Wir haben das Tal beim Thema Fachkräftemangel noch nicht durchschritten“, sagte Wirtschaftsmacher-Sprecherin Frauke Heistermann. „Auch wenn viele HR-Verantwortliche aktiv neue Lösungen für die Fachkräftegewinnung suchen, scheint das aktuell nicht zu reichen, denn die Fluktuation nimmt zu. Als begleitende Maßnahme sollten wir in der Logistik weiterhin alles dafür tun, um als zukunftsrelevanter und attraktiver Arbeitgeber wahrgenommen zu werden.“