ESG: Diese Herausforderungen erwarten Lieferketten 2024

Anzahl, Umfang und Anspruch regulatorischer Nachhaltigkeitsanforderungen nehmen seit Jahren rasant zu. Welche ESG-Themen 2024 relevant werden und wie Unternehmen sie adressieren, erklärt IntegrityNext.  

Überblick relevanter Gesetze mit Lieferkettenbezug in Nordamerika und Europa (kein Anspruch auf Vollständigkeit). (Grafik: IntegrityNext)
Überblick relevanter Gesetze mit Lieferkettenbezug in Nordamerika und Europa (kein Anspruch auf Vollständigkeit). (Grafik: IntegrityNext)
Therese Meitinger

IntegrityNext ist eine IT-Lösung für Nachhaltigkeitsmanagement und ESG-Compliance in der Lieferkette. Die cloudbasierte Plattform des Unternehmens soll Nutzer in die Lage veretzen, ESG-Risiken entlang der Lieferkette zu identifizieren, regulatorische Sorgfalts- und Berichtspflichten einzuhalten und nicht zuletzt ihre Nachhaltigkeitsleistung langfristig zu verbessern. In diesem Beitrag geht der Anbieter auf wichtige Lieferkettenthemen für 2024 ein und beleuchtet, wie Unternehmen diese adressieren können.

1.          ESG-Regulatorik überstrahlt alles

Weltweit lässt sich eine deutliche Zunahme gesetzlicher Vorgaben mit Nachhaltigkeitsfokus feststellen. Die Entwicklungen auf EU-Ebene sind in diesem Zusammenhang besonders ambitioniert und wirken sich zudem massiv auf andere Weltregionen aus. Vergleichsweise neu ist, dass sich viele Richtlinien und Verordnungen auch verstärkt auf Lieferketten und globale Wertschöpfungsketten fokussieren. Die Liste ist lang, deshalb seien hier auszugsweise nur wenige Beispiele genannt: die europäische Richtlinie zur Nachhaltigkeitsberichterstattung (CSRD), die europäische Lieferkettenrichtlinie (CSDDD), die Verordnung zu entwaldungsfreien Produkten (EUDR), die EU-Verordnung gegen Zwangsarbeit, der europäische Grenzausgleichsmechanismus (CBAM) und viele weitere.

Diese Entwicklung führt vermehrt dazu, dass neben Großunternehmen auch kleine und mittelständische Firmen, die nicht unmittelbar von neuartigen Gesetzen betroffen sind, künftig von ihren Kunden oder Geschäftspartnern dazu aufgefordert werden, aktiv zu werden. So müssen sie beispielsweise komplexe Daten für Nachhaltigkeitsoffenlegungen bereitstellen, internationale Menschen- und Arbeitsrechtsstandards sowie Umweltnormen einhalten oder sogar ihre eigenen Sorgfaltsprüfungen vornehmen. Das Jahr 2024 wird für viele Unternehmen zur Feuertaufe, denn zum einen steht die Verabschiedung weitreichender Gesetze bevor (zum Beispiel CSDDD). Zum anderen greifen gewisse Vorhaben nun zum ersten Mal (zum Beispiel CSRD) oder Firmen müssen das Jahr 2024 nutzen, um Strukturen und Prozesse für bereits verabschiedete Initiativen (zum Beispiel EUDR, CBAM, LkSG) aufzubauen.

  • Empfehlung: Sorgen Sie für eine möglichst umfassende Beobachtung regulatorischer Entwicklungen und beschäftigen Sie sich frühzeitig mit den Anforderungen, mit Schwachstellen in ihren Managementsystemen sowie dem zu erwartenden Ressourcenaufwand. Die Entwicklung neuer Analyseprozesse, Datenerhebungssysteme, Entscheidungswege oder Formen der Zusammenarbeit, sowohl intern als auch extern, erfordert umfassende Vorbereitung und Planung.  
  • Wenn Sie zum Beispiel zur ersten Unternehmensgruppe gehören, die ab 2025 entsprechend der CSRD berichtspflichtig wird, sollten für 2024 bereits alle notwendigen Prozesse etabliert sein, um über das Jahr hinweg die erforderlichen Daten einholen zu können. Gerade für Lieferketten ist dies nochmals um einiges anspruchsvoller. Häufig ist der Aufbau all dieser Kapazitäten aufwändig und es kann helfen, externe Experten hinzuzuziehen, die die Gesetzeslage fortlaufend im Blick behalten und Ihnen die nötigen Werkzeuge für einen schlanken und effizienten ESG-Risikomanagementprozess an die Hand geben.

2.          Lieferkettentransparenz wird zum Dreh- und Angelpunkt

Die Transparenz der Lieferkette ist eine Grundvoraussetzung für verbesserte Rückverfolgbarkeit, Resilienz und Nachhaltigkeitsleistungen. Nicht zuletzt lassen sich nur mit einer hohen Sichtbarkeit in Bezug auf Beschaffungsprozesse, kritische Akteure, Dynamiken in Lieferkettenbeziehungen, Nachhaltigkeitsrisiken und Maßnahmenmanagement die Einblicke generieren, die für die Erfüllung gesetzlicher Sorgfaltspflichten und das Erzielen von Nachhaltigkeitsfortschritte unabdingbar sind. Dies gilt umso mehr für Geschäftspartner auf niedrigeren Lieferkettenebenen, denn dort sind oftmals die größten ESG-Risiken zu verorten, beispielsweise in Bezug auf Menschen- und Arbeitsrechtsverletzungen. Ohne all diese Kenntnisse sind viele Unternehmen nicht mehr adäquat handlungsfähig und setzen sich neben regulatorischen Risiken auch vermehrt Wettbewerbs- und Reputationsrisiken aus. Der Gesetzgeber setzt ebenfalls verstärkt auf die Kraft der Information, sei es durch den Zwang zur Erhebung grundlegender Nachhaltigkeitsdaten für die Lieferkette, verbindliche Produkt- und Lebenszyklusanalysen oder digitale Produktpässe.

  • Empfehlung: Unternehmen sollten ihre Lieferketten in Zukunft deutlich stärker durchleuchten als bisher und dies möglichst bis auf die untersten und risikoanfälligsten Ebenen. Zum einen macht dies neue Allianzen mit Lieferantennetzwerken und vielfach auch die Kooperation mit Mitbewerbern erforderlich, beispielsweise im Rahmen von Brancheninitiativen. Zum anderen spielen technologische Aspekte eine zentrale Rolle. Automatisierte, skalierbare und einfach zu bedienende Lösungen, sowohl für Unternehmen als auch deren Lieferanten, werden angesichts der wachsenden Datenflut und Prozesskomplexität unumgänglich. Die notwendigen Kapazitäten können intern aufgebaut oder aber mittels spezialisierter Anbieter extern eingeholt werden.

3.          Die Nachhaltigkeitsstrategie steht und fällt mit zugrunde liegenden Daten

Um den Erwartungen an stärkere Lieferketteneinblicke nachzukommen, müssen Firmen nicht nur größere Datenmengen bewältigen, sondern auch vermehrt die Genauigkeit, Qualität und Vergleichbarkeit der Angaben im Auge behalten. Nicht zuletzt die CSRD sorgt dafür, dass gesetzlich vorgeschriebene ESG-Offenlegungen künftig externen Prüfungen genügen müssen. Ähnliche Bestrebungen zur Untermauerung und Verifizierung von Nachhaltigkeitsinformationen gibt es auch im Rahmen anderer Initiativen. Hier seien nur die europäische Richtlinie über Nachweisbarkeit und Kommunikation umweltbezogener Produktangaben (Green Claims Directive) oder Vorhaben wie die klimabezogenen Offenlegungspflichten der Börsenaufsichtsbehörde in den USA genannt. Veranschaulichen lässt sich die Komplexität der Aufgabe anhand von Scope-3-Emissionen in der Lieferkette, oftmals die größte Emissionsquelle eines Unternehmens. Hier vertraut die Mehrheit der Firmen noch immer auf Näherungs- bzw. Schätzwerte und durchschnittliche Emissionsfaktoren. Die Nutzung solcher Sekundärdaten ist jedoch fehleranfällig und zeichnet häufig ein verzerrtes Bild der Realität. Als Folge wird auch die Qualität der daraus resultierenden Managemententscheidungen erheblich beeinflusst.

  • Empfehlung: Bemühen Sie sich, notwendige ESG-Angaben wie zum Beispiel Scope-3-Emissionen direkt von Ihren Geschäftspartnern zu erhalten und unterstützen Sie sie bei Datenerhebung sowie methodischer Konsistenz. Lieferantenspezifische Primärdaten bieten Ihnen viele Vorteile. Unter anderem lassen sich dadurch Genauigkeit und Vergleichbarkeit erhöhen, Missstände besser erkennen und fundiertere Entscheidungen treffen. Vermeiden Sie zudem manuelle Prozesse zur Datenerhebung und -verwaltung wie Excel. Diese sind weit verbreitet, aber angesichts der zu bewältigenden Datenmengen nicht mehr zeitgemäß und effizient. Stattdessen werden skalierbare und automatisierte IT- und Analyselösungen zu immer zentraleren Werkzeugen für eine verbesserte Datensammlung und ein wirksames Lieferkettenmanagement. 

4.          Kooperation als treibende Kraft etablieren

Nachhaltigkeit im Allgemeinen, nicht nur in Lieferketten, ist ein Querschnittsthema, das systemisch gedacht werden muss und deshalb von keinem Akteur im Alleingang gelöst werden kann. Aus diesem Grund setzt sich zunehmend die Erkenntnis durch, dass kooperative Ansätze essenziell sind. Dies gilt für sämtliche Ebenen, sowohl unternehmensintern als auch in Bezug auf Lieferanten, Mitbewerber oder die Zivilgesellschaft.

Intern sollte das Thema bei der Geschäftsführung aufgehängt sein, aber die abteilungsübergreifende Zusammenarbeit nimmt eine besondere Rolle ein. Typischerweise sollten Beschaffung und Einkauf, Compliance, Nachhaltigkeit, Rechtsabteilung, Produkt und Verkauf involviert werden und relevante Mitwirkungsmöglichkeiten erhalten. Extern vernetzen sich Unternehmen immer stärker mit ihren Mitbewerbern, sei es im Rahmen von Branchenverbänden oder dezidierten Nachhaltigkeitsinitiativen. So lassen sich Standards in der Lieferkette einfacher durchsetzen und harmonisieren und der Einsatz neuer Technologien oder Produktionsweisen schneller etablieren. Nicht zuletzt gewinnt auch die Einbindung anderweitiger Stakeholder stetig an Bedeutung. Einen wichtigen Impuls liefern hier gesetzlich vorgeschriebene, umfassende Wesentlichkeitsanalysen wie in der CSRD, die verbindlichen Auditierungen unterliegen.

  • Empfehlungen: Analysieren Sie interne Entscheidungs- und Mitwirkungsprozesse. Sind alle notwendigen Akteure in ESG-Lieferkettenentscheidungen involviert? Wo lassen sich Verbesserungen erzielen? Können abteilungsübergreifende Arbeitsgruppen das Lösen komplexer Aufgaben erleichtern? Gewährleisten Sie, dass alle Verantwortlichen an einem Strang ziehen und im Umgang mit Lieferanten aufeinander abgestimmte Nachhaltigkeitsziele verfolgen.
  • Auch eine enge Zusammenarbeit mit Ihren Lieferanten sollte ein fester Bestandteil Ihrer Nachhaltigkeitsstrategie sein. Angesichts Tausender Geschäftspartner, die sehr unterschiedliche Anforderungen und Ressourcen mitbringen, ist dies oftmals eine große Herausforderung. Deshalb ist zunächst eine entsprechende Priorisierung der Lieferanten unabdingbar. Im Nachgang können dann notwendige Präventions- oder Abhilfemaßnahmen implementiert werden. Hierfür bieten sich zur erleichterten Koordinierung vor allem technische Lösungen an, mit denen sie alle Prozesse und Lieferanten fortlaufend im Blick behalten können. In Zukunft wird dem Kapazitätsaufbau der Lieferanten eine entscheidende Rolle zukommen. Hierbei gilt es, das ESG-Wissen und verwandte Fähigkeiten auf ein adäquates Niveau zu heben, um Standards in der Lieferkette besser etablieren und Zielkonflikte vermeiden zu können.

5.          ESG als Chance begreifen

Nachhaltigkeit in der Lieferkette bietet zahlreiche Chancen, wenn Unternehmen das Thema konsequent angehen. Indem sie regulatorische Anforderungen erfüllen oder besser noch darüber hinausgehen, können sie sich von der Konkurrenz abheben, neue Märkte und Kundensegmente erschließen, Effizienzsteigerungen und Kostensenkungen herbeiführen. Nicht selten sind anspruchsvolle gesetzliche Vorgaben auch ein wichtiger Innovationstreiber für die Entwicklung neuartiger Technologien oder Verfahrensweisen. Da das Thema Nachhaltigkeit zudem alle Branchen und Unternehmen betrifft, wenn auch in unterschiedlichem Maße, lassen sich durch eine zielgerichtete Zusammenarbeit wichtige Synergieeffekte erzielen.