Engpässe: Was der Weihnachtsmann diesmal nicht bringt

Ein digitales Lieferantennetzwerk kann Unternehmen helfen, sich gegen Materialknappheit künftig besser zu wappnen.

Die Auswahl bei Weihnachtsgeschenken könnte in diesem Jahr eingeschränkt sein. (Foto: Endostock / Fotolia)
Die Auswahl bei Weihnachtsgeschenken könnte in diesem Jahr eingeschränkt sein. (Foto: Endostock / Fotolia)
Therese Meitinger

Last-Minute-Einkäufe kurz vor Weihnachten verbieten sich in diesem Jahr: Schon jetzt sind manche Artikel schwer zu bekommen. Der Chipmangel bremst nicht nur die Automobilproduktion aus. Er betrifft auch die Unterhaltungselektronik oder Haushaltsgeräte, wie Ellen Förster, General Manager, SAP Intelligent Spend & Business Network Middle & Eastern Europe, weiß. Eng wird es ihr zufolge bei Spielekonsolen, Handys oder Smartwatches, und auch bei Geschirrspülern oder Waschmaschinen gibt es für einige Modelle Nachschubprobleme. Die Buchbranche kämpft mit Papiermangel und selbst Weihnachtsengel und andere Dekoartikel stecken im Lieferstau. Wer sich ein neues Fahrrad wünsche, solle sich weder auf Marke, Farbe oder Ausstattung festlegen, so die Expertin. Sondern das mitnehmen, was beim Händler vorrätig ist. Oder sich auf lange Wartezeiten einrichten und auf Ostern vertrösten lassen. 

„O du Fehlende“

Dabei hätte das Weihnachtsgeschäft dem Einzelhandel das Jahresergebnis retten sollen. Doch jetzt hat der Bundesverband Materialwirtschaft, Einkauf und Logistik (BME) seine Mitgliederumfrage mit „O du Fehlende“ betitelt. Viele der befragten Einkaufsmanager klagen über „anhaltende Schwierigkeiten, dringend benötigte Artikel für die letzten drei Monate des Jahres bei ihren Lieferanten zu beschaffen.“ Laut Ellen Förster ließen die Pandemie, geschlossene Häfen in China, Engpässe bei Mikrochips und der weltweite Containermangel vielerorts Lieferketten reißen.

„Die aktuelle Krise verschärft sich allerdings noch, weil die Mehrheit der Unternehmen die eigene Lieferkette bislang nur unzureichend digitalisiert hat“, so Förster.

Unternehmen, die bereits vor der Krise in digitale Technologien investiert haben, zeigten sich deutlich widerstandsfähiger. Förster beruft sich auf eine Studie von SAP und Oxford Economics, für die 1.000 Unternehmen aus den Bereichen Beschaffung und Supply Chain Management Auskunft gaben.

Förster benennt fünf Gründe, warum sich Unternehmen mit einer ganzheitlichen und datengetriebenen Transformation sowie einem digitalen Geschäftsnetzwerk resilienter aufstellen:

  1. Vernetzung schafft Transparenz

Sobald Unternehmen und ihre Dienstleister ihre Supply-Chain-Prozesse digitalisieren und in einem zentralen ERP-System integrieren, erleichtert dies der Expertin zufolge den Austausch untereinander. Drohende Lieferengpässe ließen sich so deutlich früher erkennen. Alle Beteiligten könnten mit größerem Vorlauf nach Alternativen suchen.

  1. Digitale Lösungen entdecken automatisiert Risiken

Das sei nicht der einzige Vorteil, so Förtster: Digitale Lösungen entlasten ihr zufolge Einkäufer und Lieferanten, weil sich alle Routineaufgaben und Workflows – beispielsweise beim Vertrags- oder Rechnungsmanagement – automatisieren lassen. Unternehmen könnten beispielsweise intelligente Bots einsetzen, die sämtliche Dokumente auf landesspezifische Regelungen und Compliance-Konformität prüfen. So ließen sich auch Risiken entdecken, die es nach dem neuen Lieferantensorgfaltspflichtengesetz unbedingt zu vermeiden gelte. In einem digitalen Lieferantennetzwerk identifizieren die Beteiligten Schwachstellen wie inaktive Kontakte oder falsche Ansprechpartner deutlich leichter. Sie sehen Förster zufolge, welcher Anbieter zu teuer ist oder Nachhaltigkeitsansprüchen nicht genügt.

  1. Digitale Netzwerke verringern Abhängigkeiten

Die gegenwärtigen Lieferengpässe beweisen laut Förster, „dass Unternehmen immer auf mehrere Anbieter setzen sollten.“ Steckt der eigene Dienstleister in Lieferschwierigkeiten, kann ein Wettbewerber in die Bresche springen. Förster: „Ein gutes Ökosystem erkennt man daran, ob es die Abhängigkeit von einzelnen Lieferanten vermeidet“.

  1. Software-Plattformen schaffen Freiraum für Agilität

Auch der Einkauf will sich vielerorts künftig agiler positionieren. Die nötigen Freiräume gewinnen die Beschäftigten nach Einschätzung der Expertin, wenn sie ihre Routineaufgaben mit digitalen Lösungen automatisieren dürfen, etwa mit Robotic Process Automation (RPA) oder künstlicher Intelligenz (KI). So bleibt mehr Zeit für das Risikomanagement und die agile Zusammenarbeit mit den Dienstleistern. 

  1. Ökosysteme verbessern die Datengrundlage

Besonderes Gewicht sollten Unternehmen laut Förster auf die Daten legen, die sie mit den Partnern des Ökosystems teilen. Ihre Argumentation: Daten liefern die Grundlage für Predictive Analytics. Die Analysen geben frühzeitig Hinweise auf Lieferengpässe oder andere Risiken. Unternehmen, die Predictive Analytics bereits nutzen, berichten in einer SAP-Studie von deutlichen Effizienzsteigerungen. Und können ihren Kunden neue digitale Angebote machen: Damit lassen sich nicht nur alle Sendungen in sämtlichen Containern in Echtzeit nachverfolgen, sondern auch fundierte Angaben zu den Klimaauswirkungen des jeweiligen Transports treffen − nicht nur zur Weihnachtszeit.

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