Einkauf und Logistik: „Risikomanagement als Zukunftssicherung begreifen”

Wie der Einkauf sicher durch eine Gemengelage von multiplen Krisen und Compliance-Anforderungen navigiert, war eines der bestimmenden Themen des 58. Symposiums Einkauf und Logistik des Bundesverbands Materialwirtschaft, Einkauf und Logistik (BME). Über die Hintergründe hat sich LOGISTIK HEUTE mit BME-Hauptgeschäftsführerin Dr. Helena Melnikov unterhalten.

Dr. Helena Melnikov ist Hauptgeschäftsführerin des Bundesverbands Materialwirtschaft, Einkauf und Logistik. (Bild: BME e.V.)
Dr. Helena Melnikov ist Hauptgeschäftsführerin des Bundesverbands Materialwirtschaft, Einkauf und Logistik. (Bild: BME e.V.)
Therese Meitinger

LOGISTIK HEUTE: Was hat es mit #PRO:CONNECT23 auf sich – dem Motto des 58. Symposiums Einkauf und Logistik?

Dr. Helena Melnikov: Der Gedanke dahinter ist immer noch aktuell. In den Onlineformaten während der Coronazeit war Netzwerken nur begrenzt möglich. Bei einem Event wie dem Symposium laufen Sie auch mal zufällig in jemanden rein, oder Sie treffen sich in der Schlange an der Bar und kommen ins Gespräch. Als wir 2022 neu durchstarten wollten, haben wir uns gefragt, worum es auf dem Event eigentlich geht. Es geht darum, sich wieder zu vernetzen, sich zu verbinden. Ein Symposium dreht sich ja nicht nur darum, Inhalte aufzusaugen, sondern man will auch Kontakte mitnehmen. Das Motto haben wir in dieses Jahr übertragen, da Netzwerke in herausfordernden Zeiten wichtig bleiben.

Wo sehen Sie aktuell die größten Herausforderungen für den Einkauf?

Traurigerweise hat uns der terroristische Angriff der Hamas auf Israels Bevölkerung gerade gezeigt, dass es uns jederzeit wieder treffen kann. Geopolitische Entwicklungen müssen wir im Einkauf und im Risikomanagement genau verfolgen, da sie sich auf Warenströme und Logistikrouten auswirken. In der Coronapandemie haben wir ständig neue Risiken gemanagt, dann kam die Blockade des Suezkanals, der Ukrainekrieg, der Konflikt um die Straße von Taiwan. Jetzt wissen wir nicht, ob das, was in Israel geschieht, sich zu einem Flächenbrand auswirken wird. Zudem gibt es Themen wie die Rohstoffpreisentwicklung und die immer noch sehr hohen Energiekosten in Deutschland. Herausfordernd ist auch die Regulierung, die rechtlichen Anforderungen, ob aus ESG oder anderen Bereichen. Alles, was in Kraft tritt, gilt es erst einmal umzusetzen, in die Prozesse zu integrieren und personell abzubilden.

Eine aktuelle Studie des BME und von Expense Reduction Analysts zeigt, dass viele Unternehmen noch kein konsistentes Krisenmanagement aufgebaut haben. Was braucht es, damit sich das ändert?

Man muss das Risikomanagement in den Unternehmen als Zukunftssicherung begreifen – ebenso wie die dazugehörigen Prozesse, Task Forces und Analysetätigkeiten, die diesbezüglich stattfinden müssen. Als Corona kam, hat sich das Risikomanagement bewährt, das darf nicht wieder einschlafen. Das gilt besonders für Task Forces, die sich aus unterschiedlichen Abteilungen zusammensetzen und dann in die Identifikation und die Bewertung von Risiken gehen. Sie haben das Risikobewusstsein auch in die anderen Abteilungen des Unternehmens getragen und Toleranzen festgelegt: Welche Relevanz hat welches Produkt für die Produktion? Es sollte darum gehen, dass man nicht ad hoc reagiert, wenn dann etwas passiert, sondern dass man vorbereitet ist. Auch die Diversifizierung von Lieferanten fällt darunter.

Welche Themen und Akzente möchte der BME im Jahr 2024 setzen?

Der Einkauf und Unternehmen generell sehen sich mit immer mehr Regulierung konfrontiert. Dies bringt Dokumentations- und Berichtspflichten, neue Mechanismen, die aufgesetzt werden müssen, mit sich. Für diesen mühsamen Prozess müssen wir die Einkäufer fit machen. Wir bieten Weiterbildungen in Sachen ESG, aber auch Nachhaltigkeitszertifizierung in unterschiedlichen Stufen an, um unsere Mitglieder als Lotse durch das Dickicht zu führen. Gleichzeitig dürfen wir als Verband gegenüber der Politik nicht nachlassen, Lösungsvorschläge zu machen, wie dieser ganze Bürokratieaufwand in Zukunft besser gelöst werden kann. Das dritte ist das große Thema KI. Da sind viele neugierig, aber auch sehr abwartend. Auch hier müssen wir uns gemeinsam nach vorne wagen.

Welche Potenziale und Risiken sehen Sie im Themenfeld KI?

KI ist Potenzial und Risiko in einem. Wir reden alle über den Fachkräftemangel, und darüber, dass wir immer mehr zu tun haben – zum Beispiel durch die Pflichten, die uns die unterschiedlichen Gesetze auferlegen. Dem Dilemma kann man zum Beispiel dadurch entgegenwirken, dass Beschäftigte effizienter werden, indem sie KI-Tools nutzen. Eine wichtige Aufgabe ist dabei, Menschen die Angst vor KI zu nehmen, und ihnen klarzumachen, dass sie nicht ersetzt werden durch KI an sich, aber vielleicht durch eine Person, die KI nutzt. Also ist es sinnvoll, sich mit den Möglichkeiten vertraut zu machen.

Ab Januar 2024 gilt das deutsche Lieferkettengesetz auch für Unternehmen mit mehr als 1.000 Beschäftigten. Sind mittelgroße Unternehmen Ihrer Einschätzung nach gut darauf vorbereitet?

Das ist sehr unterschiedlich. In der Masse sind die Großen besser darauf vorbereitet, weil sie zuerst betroffen waren und durch ihre Größe auch die Kapazitäten haben, Ressourcen zu investieren. Durch den Marken-Footprint, den sie nach außen haben, haben sie zudem mehr zu verlieren, wenn Probleme auftreten. Den kleinen und mittelständischen Unternehmen ist das Thema auch bewusst, aber teilweise hatten sie mit Corona und den geopolitischen Unwägbarkeiten Probleme zu stemmen, die sich unmittelbar auf die Produktion ausgewirkt haben. Das hatte erstmal Vorrang, so dass einige die Auseinandersetzung mit dem Lieferkettengesetz aufgeschoben haben. . Es gibt aber auch KMU, die in der ESG-Compliance einen Wettbewerbsvorteil gesehen haben und früh investiert haben. Die anderen werden jetzt nachziehen.

Die Fragen stellte Therese Meitinger.

Das 58. Symposium Einkauf und Logistik des Bundesverbands Materialwirtschaft, Einkauf und Logistik fand vom 18. bis 20. Oktober in Berlin statt. Die 59. Ausgabe des Kongresses soll am selben Ort vom 13. bis 15. November 2024 ausgerichtet werden.