E-Commerce: Ukraine-Krieg bremst Online-Kauflust der Deutschen

Laut dem bevh kam es im ersten Quartal vor allem zu Rückgängen im Fashion- und Einrichtungsbereich.

Seit Beginn des Kriegs in der Ukraine geht der Umsatz in bestimmten Warenkategorien des Onlinehandels stark zurück. Das geht aus einer bevh-Analyse für das erste Quartal 2022 hervor. (Foto: Bizvector/Adobe Stock)
Seit Beginn des Kriegs in der Ukraine geht der Umsatz in bestimmten Warenkategorien des Onlinehandels stark zurück. Das geht aus einer bevh-Analyse für das erste Quartal 2022 hervor. (Foto: Bizvector/Adobe Stock)
Sandra Lehmann

Nach einem starken Jahresbeginn haben die Auswirkungen des Ukrainekriegs die Umsatzentwicklung auch im E-Commerce massiv gebremst, wie ein Vergleich der Umsatzentwicklung im ersten Quartal dieses Jahres vor und nach Kriegsbeginn am 24. Februar zeigt. Das berichtet der Bundesverband E-Commerce und Versandhandel e.V. (bevh) in einer Pressemeldung vom 10. April. Demnach legte der Onlinehandel mit Bekleidung und Schuhen von Anfang Januar bis Kriegsbeginn noch um zehn Prozent im Vergleich zum Vorjahresquartal zu. Nach Kriegsbeginn bis Ende März gingen die Umsätze dem bevh zufolge massiv um 8,6 Prozent zurück, sodass für das gesamte Quartal nur noch ein Plus von 3,2 Prozent zu verzeichnen sei. Ähnlich verhielt es sich mit den sonst sehr stabilen Wachstumsraten im Cluster Einrichtung, dessen Quartals-Wachstum von plus 13,9 Prozent (vor Kriegsbeginn) auf einen Wert kaum über Vorjahresniveau zurückfiel (plus 0,3 Prozent; Q1 gesamt: plus neun Prozent). Mit einem Umsatzplus von 23,7 Prozent zum Vorjahresquartal auf 2,43 Milliarden Euro, befinde sich das Warencluster Täglicher Bedarf jedoch erneut im Aufwind (vor Kriegsbeginn: 26,1 Prozent; danach 19,4 Prozent).

Gesamtheitliches Plus für das erste Quartal

Insgesamt konnte der E-Commerce mit Waren dank starker Umsätze im Nach-Weihnachtsgeschäft im ersten Quartal noch ein Plus von 8,2 Prozent auf 23 Milliarden Euro (Vorjahr: 21,1 Milliarden Euro) erzielen (vor Kriegsbeginn: plus 11,5 Prozent, danach: plus 2,3 Prozent zum Vorjahresquartal).

„Der Blick auf den Umsatz zeigt nicht, wie unterschiedlich die Unternehmen der Branche dieses Jahr erleben“, erläutert Martin Groß-Albenhausen, Stellvertretender Hauptgeschäftsführer des bevh, die Zahlen, aus denen außerordentlich hohe Ausreißer bereits herausgerechnet sind. „Es gibt Onlinehändler, die weiterhin wachsen, und es gibt andere, die im zweistelligen Prozentbereich Umsatz abgeben. Es gibt Unternehmen, die Versorger oder Lieferant von dringend benötigten Gütern sind und deshalb mehr Nachfrage erfahren, und solche, deren Sortiment für die Menschen aktuell kaum relevant erscheint. Diese schwer planbare Situation wird durch spürbare Störungen im Nachschub und ungebremsten Anstieg der Kosten für zahlreiche Rohstoffe, für Transportleistungen, Verpackungen, Energie oder andere Betriebskosten erschwert.“

Die Sorgen der Bevölkerung zeigten sich laut dem Verband nach Kriegsbeginn auch im Onlineeinkauf von Medikamenten. Das Wachstum in dieser schon durch die andauernde Coronapandemie dynamischen Kategorie sei nach dem 24. Februar sprunghaft um mehr als 40 Prozent angestiegen. Von Januar bis Ende März legte der Umsatz so insgesamt um 23,5 Prozent von 329 Millionen Euro im ersten Quartal 2021 auf nun 407 Millionen Euro zu.

Dienstleistungsbereich legt wieder zu

Erholen konnte sich dem bevh zufolge der Umsatz mit Dienstleistungen, etwa Onlinebuchungen von Reisen oder Events. Diese hatten unter Corona massiv gelitten und legten im ersten Quartal 2022 um fast zwei Drittel (64,2 Prozent) auf 1,85 Milliarden Euro zu (1. Quartal 2021: 1,13 Milliarden Euro). Allerdings erreichten die Umsätze noch nicht einmal die Hälfte dessen, was im ersten Quartal 2020 erzielt wurde (3,89 Milliarden Euro). Und auch hier bilde der Kriegsbeginn eine Zäsur: Von Anfang Januar bis 24. Februar verdoppelte sich der Umsatz nahezu (plus 93,3 Prozent), um nach Kriegsbeginn auf ein moderates Wachstum von 13,4 Prozent zurückzufallen.

„Mit Blick auf das gesamte Quartal haben die Kundinnen und Kunden ungebrochen im E-Commerce eingekauft. Weder shoppen jetzt weniger Menschen im Internet, noch lässt sich beobachten, dass einzelne Altersgruppen oder einkommensschwache Personen ihr Einkaufsverhalten im Onlinehandel verändert hätten. Das volle Ausmaß der Verbraucherverunsicherung – aufgrund der Kriegshandlungen mit ihren absehbaren Auswirkungen auf Wirtschaft und Beschäftigung, auf Preise und Versorgung auch in Deutschland – wird sich aber erst in den kommenden Monaten mit den Mitteln der Marktforschung detailliert nachzeichnen lassen“, so Groß-Albenhausen.

Von diesen Entwicklungen sind alle Arten des E-Commerce betroffen, wie der bevh berichtet. Bei nahezu allen Versendertypen verlangsamte sich das Umsatzwachstum nach Kriegsausbruch deutlich, wenn auch nicht immer im gleichen Maße. Auffällig sei das vergleichsweise gute Abschneiden der Multichannel-Anbieter (plus 9,3 Prozent). Offenbar könnten Handelskonzepte gerade jetzt punkten, wenn neben dem Ladenbesuch auch der Onlinekauf angeboten wird. Noch am stärksten zulegen konnte der Direktvertrieb durch Hersteller (plus 13,3 Prozent). Allerdings sei die „Fallhöhe“ der Hersteller nach Kriegsbeginn auch besonders ausgeprägt gewesen: Lag das Umsatzwachstum vor Kriegsbeginn noch bei 21,4 Prozent, mussten sie nach Kriegsausbruch einen Umsatzrückgang zum Vorjahresquartal von 0,9 Prozent hinnehmen, heißt es vonseiten des Verbands.