Digitalisierung: Logistik lässt Potenzial ortsbezogener Daten liegen

Nur wenige deutsche Transportdienstleister nutzen digitale Technologien zum Erreichen ihrer Nachhaltigkeitsziele, so eine Studie von Here und AWS.

Der digitale Durchblick fehlt deutschen Logistikdienstleistern mitunter, analysiert eine Studie von Here und AWS. (Symbolbild: JürgenFälchle / Fotolia)
Der digitale Durchblick fehlt deutschen Logistikdienstleistern mitunter, analysiert eine Studie von Here und AWS. (Symbolbild: JürgenFälchle / Fotolia)
Therese Meitinger

Die Digitalisierung im Wirtschaftsfeld Logistik steckt in Deutschland bestenfalls in den Kinderschuhen. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie unter 300 Logistikdienstleistern in Deutschland, die Here Technologies, eine niederländische Plattform für ortsbezogene Daten und Technologie, in Teilen mit Amazon Web Services entwickelt hat. Die Studie wurde laut einer Pressemitteilung im Januar 2024 neben Deutschland auch im Vereinigten Königreich und in den USA von dem Umfrageinstitut YouGov durchgeführt.

59 Prozent der deutschen Befragten geben in der Studie an, ortsbezogene Daten vor allem für Echtzeit-Tracking und Routenoptimierung (44 Prozent) zu nutzen. Dabei schätzt die Hälfte der deutschen Studienteilnehmer den Fortschritt ihres Unternehmens in Sachen Echtzeit-Transparenz als durchschnittlich ein. Nur acht Prozent sehen ihr Unternehmen hierzulande als Vorreiter.

Unterbelichtete Nachhaltigkeit

Dabei könnte der Einsatz datengetriebener Technologien Logistikdienstleistern, wie Here argumentiert, bei einem ihrer größten Probleme helfen: dem CO₂-Ausstoß. Jedoch haben der Studie zufolge 66 Prozent der befragten deutschen Unternehmen aktuell keine Nachhaltigkeitsstrategie für den Transport etabliert. Im Vereinigten Königreich (60 Prozent) und den USA (55 Prozent) ist die Situation ähnlich.

Für zehn Prozent der Befragten in Deutschland ist es dem Anbieter zufolge ein Hauptziel, Nachhaltigkeit zu verbessern. 28 Prozent der Befragten geben dagegen an, dass Nachhaltigkeit in ihrer Planung und dem End-to-End-Supply-Chain-Management die niedrigste Priorität hat. Im Fokus stehen stattdessen bessere Routenplanung oder höhere Kundenzufriedenheit.

Dies sei eine überraschende Erkenntnis der Studie, bewertet Here. Schließlich sei das Thema Nachhaltigkeit fest im öffentlichen Bewusstsein verankert und regulatorische Vorschriften sowie Verbrauchererwartungen setzen Unternehmen unter Druck, nachhaltig zu handeln. Der Transport als großer Emittent von Treibhausgasen gelte als wichtiger Ansatzpunkt. 

Digitale Prioritäten

Wenn es um den Einsatz ortsbezogener Daten und Technologie geht, ist für Logistiker in Deutschland Transparenz das wichtigste Thema. Beim Blick auf die einzelnen Transportmodi zeigt die Studie Here zufolge, dass Unternehmen beim Lkw-Transport über die höchste Transparenz verfügen. Dies sagen 48 Prozent der Befragten. Bei Transporten auf der letzten Meile geben 22 Prozent an, eine sehr gute Transparenz zu haben.

Beim Einsatz von Digitalisierung verlässt sich die Branche laut der Erhebung auf am Markt etablierte Technologien und Lösungen. Möglichkeiten für das Tracking von Lkw-Lieferungen und Routenoptimierung sind Here zufolge schon lange im Einsatz. Solche Lösungen nutzen die vorhandenen ortsbezogenen Daten der Versender und Verlader, sind jedoch nur ein kleiner Teil dessen, was technologisch möglich und verfügbar ist.

Künstliche Intelligenz bleibt Lippenbekenntnis

Bei neueren Technologien sind Logistikdienstleister in Deutschland eher zurückhaltend: Weniger als die Hälfte (41 Prozent) sagen, dass sie Datenanalysen im Supply-Chain-Betrieb verwenden. Gleichzeitig geben 36 Prozent der Befragten an, keine künstliche Intelligenz im Einsatz zu haben. Gerade einmal neun Prozent nutzen laut Umfrage sowohl Datenanalysen wie auch künstliche Intelligenz für Echtzeit-Tracking und Predictive Maintenance in der Lieferkette.

Dies sehen die Studien vor dem Hintergrund als erstaunlich an, dass Deutschland im Logistics Performance Index 2023 der Weltbank den zweiten Platz belegt. Bemerkenswert sei ebenfalls, dass Unternehmen in Zeiten von Fachkräftemangel und anfälligen Lieferketten nicht auf Digitalisierung als Lösung setzen und den Wert der eigenen Daten erkennen, heißt es.

Investitionsstau bei der Digitalisierung

Doch woran liegt die schleppende Adaption neuer Technologien in der Transportbranche? Es herrsche ein ungünstiges Investitionsklima, analysiert Here: In der Umfrage geben 31 Prozent an, Kosten seien die größte Hürde für den Einsatz neuer Technologien. Weitere 13 Prozent sagen, dass Wissen oder die internen Ressourcen für einen solchen Transformationsprozess fehlen würden. Auch befürchten viele, dass der Einsatz neuer Technologien ihre bestehenden Prozesse stört.

„Einerseits zeigt die Studie den Fortschritt, den Unternehmen beim Erhöhen der Lieferkettentransparenz machen. Andererseits wird klar, dass die Branche aktuell nicht über die kontextualisierten Daten, KI-Kompetenzen und Tools verfügt, um Flottenauslastung, Routing und im Bedarfsfall den Wechsel von Transportmodi zu optimieren“, sagt Remco Timmer, Vice President of Product Management bei Here Technologies. „Wir sehen daher eine steigende Nachfrage nach ortsbezogenen Daten und Services, mit denen Logistikunternehmen Störungen in Echtzeit beheben können und gleichzeitig Treibhausgasemissionen verringern sowie die Sicherheit der Mitarbeiter:innen verbessern können.“