Deutscher Lieferkettentag: Verbände fordern Bürokratieabbau entlang der Supply Chain

Vor allem das deutsche Lieferkettengesetz wurde auf dem Kongress in Berlin von mehreren Seiten kritisiert.

Der erstmals ausgerichtete Lieferkettentag mehrerer Verbände widmete sich unter anderem Fragen von Nachhaltigkeit und Digitalisierung. (Symbolbild: Kamonrat / Fotolia)
Der erstmals ausgerichtete Lieferkettentag mehrerer Verbände widmete sich unter anderem Fragen von Nachhaltigkeit und Digitalisierung. (Symbolbild: Kamonrat / Fotolia)
Therese Meitinger

„Wir müssen besonders den Mittelstand von Bürokratie entlasten und dafür dringend die Digitalisierung technologieoffen vorantreiben.“ So lautet einer Pressemitteilung zufolge die einhellige Forderung der Veranstalter des 1. Deutschen Lieferkettentages am 18. Oktober in Berlin. Zur Veranstaltung mit etwa 150 Teilnehmern hatten der Bundesverband Großhandel, Außenhandel, Dienstleistungen (BGA), der Bundesverband E-Commerce und Versandhandel Deutschland (bevh), der Bundesverband Materialwirtschaft, Einkauf und Logistik (BME) und DER MITTELSTANDSVERBUND eingeladen, um über Regulierung und Digitalisierung des globalen Handels zu diskutieren.

„Die bürokratischen Herausforderungen für die Unternehmen sind groß und die Entlastung für kleine und mittelständische Unternehmen wirkt de facto nicht, weil Berichtspflichten weitergegeben werden. Digitale Lösungen wie Beschaffungsplattformen und KI-basierte Risikoanalysen für Lieferketten schaffen auf der anderen Seite Transparenz in den Wertschöpfungsketten und helfen, die richtigen Prioritäten zu setzen“, sagte Gero Furchheim, Präsident des bevh, zur Eröffnung.

Inhaltlich begann der Tag nach Veranstalterangaben mit einem forschungsbasierten Blick auf Lieferketten und Change-Management-Prozesse von Prof. Dr. Lisa Fröhlich von der Cologne Business School. Sie bezeichnete Nachhaltigkeit als derzeit wichtigstes Thema bei der Ausgestaltung von Lieferkettenprozessen. Die deutschen Unternehmen sollten nicht länger versuchen, die Spielregeln zu ändern, sondern das gesamte Spielfeld neu begreifen, forderte Fröhlich.

Umfassendes Lieferkettenmonitoring gefragt

Marius Müller-Böge, Leiter Mittelstandspolitik DER MITTELSTANDSVERBUND, sprach in seinem Panel mit Vertretern aus Politik, Wirtschaft und Wissenschaft über Auswirkungen des Lieferkettensorgfaltspflichtengesetzes (LkSG) sowie die Bedeutung eines umfassenden Lieferkettenmonitorings.

„Uns ist bewusst, was das für einen Umsetzungsumfang für die Unternehmen bedeutet. Gerade bei den Berichtspflichten gibt es Sorgen und Nöte. Wir wollen handhabbare Regelungen schaffen, die umsetzbar und zumutbar sind.  Wir treten dabei für eine europäische Regelung ein”, so Lilian Tschan, Beamtete Staatssekretärin im Bundesministerium für Arbeit und Soziales (BMAS).

Prof. Dr. Michael Eßig, Professor für Allgemeine Betriebswirtschaftslehre an der Universität der Bundeswehr München dazu: „Es ist nicht nur eine normative Frage, sondern vor allem auch wirtschaftliche Frage, wie man Lieferketten organisiert. Der Handel spielt dabei eine wichtige Rolle.“ – und machte gleichzeitig das Ausmaß des Gesetzes noch einmal deutlich: „Hinter den deutschen Lieferanten steht eine globale Lieferkette mit 16 bis 18 Stufen“. Lieferketten mit heutigen Mitteln bis in die letzte Instanz transparent zu machen, sei deshalb oft unmöglich.

Potenziale der Digitalisierung

Digitalisierung im Handel könne allerdings viel Entlastung bringen, wie im nächsten Podium Moderator Martin Groß-Albenhausen, Stellvertretender Hauptgeschäftsführer des bevh, unterstrich: Die Möglichkeiten der Blockchain könnten als ein manipulationssicherer und automatisierter Signalgeber zwischen Partnern dienen, Aufwände der Unternehmen würden dadurch dramatisch sinken. Die Blockchain könne jedoch nicht selbst verifizieren, ob ESG-Standards am Endpunkt tatsächlich eingehalten werden. Diese Lieferantenüberwachung könne aber gut durch ein globales Risiko-Monitoring mit künstlicher Intelligenz und Zertifizierungen über digitale Beschaffungsplattformen gelingen.

Torsten Safarik, Präsident des Bundesamtes für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle (BAFA) warnte Unternehmen dahingehend eindringlich davor, ihre Sorgfaltspflichten auf ihre Zulieferer und Intermediäre abzuwenden. Das LkSG lege ausdrücklich eine Bemühenspflicht für jedes Unternehmen fest, die Lieferkettenüberwachung zu einer Kernkompetenz im eigenen Haus zu machen. 

„Die bestehenden Herausforderungen lassen sich nur im engen Schulterschluss von Politik und Wirtschaft meistern. Der Mittelstand steht hier besonders im Fokus, denn die oft kleinen und mittleren Unternehmen sind essenziell auf lieferkettenfreundliche Rahmenbedingungen angewiesen.

MIT-Vorsitzende Gitta Connemann berichtete von ihren Erfahrungen mit der Umsetzung des Lieferkettengesetzes.

„Bisher hat das Gesetz nichts für den Schutz der Menschenrechte getan, es führt nur zu einem Rückzug von deutschen Unternehmen in kritischen Regionen. Das lässt Platz für andere globale Player, deren Standards in allen Bereichen niedriger sind als unsere.“