CSR: Kommt das deutsche Lieferkettengesetz zu früh?

SCM-Experten sind sich unsicher, ob Unternehmen die vom Gesetz geforderte Transparenz in ihren Lieferketten derzeit bereits abbilden können.

Sind große deutsche Unternehmen strukturell von den Vorgaben aus dem neuen deutschen Lieferkettengesetz überfordert? (Foto: TheVisualsYouNeed / AdobeStock)
Sind große deutsche Unternehmen strukturell von den Vorgaben aus dem neuen deutschen Lieferkettengesetz überfordert? (Foto: TheVisualsYouNeed / AdobeStock)
Therese Meitinger

Am 11. Juni hat der Deutsche Bundestag das Lieferkettengesetz beschlossen. Demnach müssen ab 2023 beziehungsweise 2024 Unternehmen mit mehr als 3.000 respektive 1.000 Mitarbeitern nachweisen, dass sie soziale und ökologische Sorgfaltspflichten entlang ihrer Supply Chains wahrnehmen. So sind sie etwa verpflichtet, entsprechende Risiken bei direkten Zulieferern zu überwachen und aktiv zu werden, sobald Verstöße bei Sublieferanten bekannt werden. Kommen die Unternehmen den Vorgaben aus dem Gesetz nicht nach, drohen empfindliche Strafen.

Doch sind große deutsche Unternehmen – mit einer gewissen Vorlaufzeit – für das Gesetz gewappnet? Jan-Hendrik Sohn, Regional Director DACH und CEE beim SCM-Plattformanbieter Ivalua, hat in einer Mitteilung anlässlich des deutschen Lieferkettengesetzes gewisse Zweifel angemeldet: Das Vorhaben sei grundsätzlich zu begrüßen, so Sohn, da es mit den Zielen vieler in CSR-Fragen besonders engagierter Anbieter übereinstimme und auch die Coronapandemie vielen Unternehmen die Notwendigkeit transparenter Lieferketten vor Augen geführt habe.

Schwer zu überblickendes Lieferantengeflecht

Dennoch seien die Vorgaben zum gegenwärtigen Zeitpunkt kritisch zu sehen, da vielen Firmen noch das Wissen über Abhängigkeiten von einzelnen Sub-Tier-Lieferanten fehle. Das ist Sohn zufolge insbesondere bei Unternehmen mit komplexen Lieferketten und geringer Fertigungstiefe der Fall.

„Und vielen Lieferanten ist es aus Vertragsgründen nicht einmal erlaubt, auch nur die Namen ihrer Partner zu benennen“, so Jan-Hendrik Sohn weiter. „Das Lieferkettengesetz könnte die krisenhafte Wirtschaftslage durch eine von ihm verursachte De-facto-Pflicht zur Ablehnung von Geschäftsbeziehungen bei Nichteinhaltung internationaler Standards sehr schnell noch weiter verschärfen.“

Unternehmen bräuchten zudem Zeit, um sich strukturell und technologisch für die das komplexe Risikomanagement aufzustellen. Ohne IT-Unterstützung und Daten von Drittanbietern ist diese Herausforderung Sohn zufolge nicht zu schaffen.

Digitalisierung hat Schlüsselrolle

Auch Mikkel Hippe Brun, Co-Founder & Senior Vice President Greater China beim SCM-Plattform-Anbieter Tradeshift, sieht die Rolle des Digitalen bei der Einhaltung von Lieferkettengesetzgebung als zentral an:

„Um die Arbeitsbedingungen seiner Lieferanten zu kennen und regelmäßig prüfen zu können, muss man sie alle im Blick haben. Und das gelingt am besten, indem Unternehmen alle Prozesse entlang der Liefer- und Wertschöpfungskette digitalisieren“, so Mikkel Hippe Brun in einer Mitteilung vom 8. Juni.   

Didier Rabattu, Aktienchef bei Lombard Odier Investment Managers (LOIM), sieht das Gesetz im Kontext der aktuell bereits stark gestiegenen Lieferkettenkosten – eine Folge der steigenden Seefrachtkosten.

„Diese Dynamik treibt die Kosten in der gesamten Lieferkette in die Höhe, wie unsere Analyse des Erzeugerpreisindex zeigt. Im Einklang mit den steigenden Rohstoffpreisen zeigt der Index Preissteigerungen von mehr als 40 Prozent für unverarbeitete Güter, die von Zwischenhändlern in der Wertschöpfungskette bezogen werden – ein Niveau, das seit der Zeit vor der Finanzkrise nicht mehr erreicht wurde“, so Rabattu in einer Mitteilung vom 11. Juni.

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